50 Jahre Bläck FöössVom schönen Klang der kölschen Sprache

Lesezeit 6 Minuten
Bläck Fööss mit Niedecken

Am 13. September 1989 im Tanzbrunnen: Die Fööss mit Wolfgang Niedecken und Major Heuser  

  • 50 Jahre Bläck Fööss – mit einer Serie feiert der „Kölner Stadt-Anzeiger“ den Geburtstag der „Mutter aller kölschen Bands“.
  • Wir liefern Geschichten, Hintergründe und Auswirkungen einer einmaligen Erfolgsgeschichte.
  • In Teil 2 zur Geburtsstunde der kölschen Szene sprechen Bap-Chef Wolfgang Niedecken und Thomas Brück von Satin Whale über die Einflüsse der Bläck Fööss.

Köln – Ende der 1970er Jahre entwickelte sich das, was wir heute als die Kölner Szene kennen. Die Bläck Fööss waren kurz vor ihrem Zehnjährigen, im Umfeld des Roxy war der Kölsch-Rock der Zeltinger-Band entstanden und feierte anfangs große Erfolge, und in der Südstadt begann ein Projekt, das bundesdeutsche Musikgeschichte schreiben sollte. Es kam auch aus der Kunstszene, die Protagonisten kannten sich, dennoch gab es kaum Berührungspunkte.

Eigentlich war Wolfgang Niedecken bildender Künstler, hatte mit seinem Kumpel Manfred „Schmal“ Boecker an den Kölner Werkschulen studiert und ein Atelier in der Südstadt, war eine Zeit lang Assistent von Larry Rivers in York gewesen, was seinen Horizont und die Herangehensweise an Themen aller Art nach eigenem Bekunden massiv erweitert hatte. Er hatte Julian Schnabel bei dessen ersten Schritten in Europa „Asyl“ gegeben. Und sich irgendwann erinnert, dass er ja auch mal Musik gemacht hatte.

Der erste kölsche Song von Niedecken entstand aus Liebeskummer

„Wir hatten zu der Zeit eine Band, mit der wir einmal in der Woche gejamt haben, Cover gespielt von den Stones oder Dylan“, erzählt Wolfgang Niedecken im Gespräch. „Das waren alles Leute, die in den 60ern in ’ner Beatband gespielt hatten und dann die Instrumente rumstehen hatten.“ Irgendwann habe er dann diesen ersten Song mit kölschem Text geschrieben, aus Liebeskummer. „Dann habe ich das zur Session mitgebracht und gefragt, ob wir das nicht mal spielen könnten. Das hat allen gefallen: Dat is jot, mach da mieh von.“ Also habe er davon mehr gemacht. „Das war nicht zielgerichtet, kein Karriereplan, gar nichts.“

Der Song war der Anfang von Bap. In seiner lesenswerten Autobiografie „Für ne Moment“ (Hoffmann&Campe) schreibt der Liedermacher: „Ich gab dem Stück den Titel »Helfe kann dir keiner«. Erst später wurde mir bewusst, dass der Text sich wie eine Antwort auf das in Köln berühmte Lied »Drink doch eine met« von den Bläck Fööss ausnahm. Ich hatte dem mir immer schon suspekten Trost, dass keiner allein bleiben müsse, weil ihn in der Kneipe nebenan eine Gemeinschaft Gleichgesinnter schon auffange, Trauer und Einsamkeit entgegen gestellt: »Do kannste maache, wat de wills, Jung, do blievste allein.« Ich merkte, dass das Singen im Dialekt mir vielleicht eine Möglichkeit geben könnte, an die ich zuvor nicht gedacht hatte.“

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Dann habe man das erste Album gemacht, sagt Niedecken, „als blutige Amateure. Und das hatte Erfolg. „Irgendwann haben wir dann da ne Struktur reingekriegt, aber dass da 44 Jahre draus werden, konnte keiner vermuten“, sagt Niedecken. So unterschiedlich Bap und die Fööss musikalisch und karrieremäßig sein mögen, vereint sie doch Elementares. Beide Bands erzählen Geschichten, zeichnen Genrebilder, malen Charaktere, mischen sich ein. Moderne Volkslieder, die einen näher am Volk, die anderen intellektueller und näher am Mainstream-Radio, gesungen in kölschem Dialekt.

Immer wieder hat man zusammen Projekte gemacht, erstmals gemeinsam gespielt 1989 im Tanzbrunnen, jetzt hat Wolfgang Niedecken für das Fööss-Jubiläumsalbum „Drink doch eine met“ neu interpretiert. Er schreibt nicht ohne Bewunderung, die Fööss „weigern sich, sich anzubiedern, sich zum Affen zu machen und ihre Muttersprache aus kommerziellen Gründen den Schlagerfans zum Fraß vorzuwerfen. Das unterscheidet sie von vielen Bands, die sich zwar nach ihrem Vorbild formiert, bald aber den Schwenk gemacht haben und seitdem als geschmackliche Streikbrecher zu zweifelhaftem Ruhm gelangt sind“, so Niedecken.

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Satin Whale 1978 mit Thomas Brück (2.v.r.)  

Schon 1973 einen Plattenvertrag hatte die Formation Satin Whale um Thomas Brück (Gesang und Gitarre). Wie die Bläck Fööss-Musiker startete auch Brück Ende der 60er in einer Beatband: Bei Action Set spielte er mit den Bap-Urgesteinen Schmal Boecker (Schlagzeug) und Klaus Hogrebe (Bass) sowie dem „kölschen Jimi Hendrix“ Ralf Meyer. Schon im Alter von 15 Jahren stand Brück von Donnerstag bis Sonntag auf der Bühne, spielte auf Schulbällen, in Jugendheimen oder in Clubs wie dem Storyville. „50 Mark pro Abend, am Wochenende gab es mehr“. Irgendwann hatte er trotz des Geldes keine Lust mehr auf Cream-Cover und wollte seine eigene Musik machen. „Köln hat uns nicht interessiert“, sagt Thomas Brück heute, „wir wollten weltweite Rockstars werden.“ Er gründete 1971 Satin Whale.

Acht Alben machte die Band, die für technische Perfektion stand, bundesweit unterwegs war und mit Bands wie Birth Control, Frumpy, Kin Pingh Meh oder Jane tourte. „Das Cover zum ersten Album haben der Schmal und Wolfgang Niedecken gestaltet. Letzterer war auch mal kurzzeitig Roadie bei uns, weil er Kohle brauchte“, erinnert sich Brück. Bei Satin Whale blieb der ganz große Erfolg allerdings aus. Umjubelten Konzerten folgten ernüchternde Plattenverkäufe: „Von einem Live-Album haben wir mal 35.000 verkauft.“

„Kölsch sprechen war ein Synonym für Asi“

Der Anfang vom Ende war die Neue Deutsche Welle. Total frustriert löste die Band sich 1982 auf. Brück: „Die NDW war eine bittere Pille für uns, die hat die Deutsch-Rock-Szene komplett gekillt. Auf einmal waren die Konzerte nur noch halb voll. Musikalische Qualität war egal, in den Charts standen Trallala-Liedchen.“

Die Bläck Fööss meint Brück, der in Merheim aufwuchs, damit ausdrücklich nicht. Dialekt war ihm vertraut von den Großeltern, die Eltern, Akademiker, sprachen allerdings nur Hochdeutsch: „In meiner Jugend war Dialekt eher uncool – Kölsch sprechen war ein Synonym für Asi.“ Irgendwann Mitte der 70er hatte er in einer Kneipe gesessen, aus der Musikbox tönte „Die Drei von der Linie zwei“, ein nostalgisches Fööss-Stück über die letzten Schaffner: „Das hat mich total berührt, obwohl sonst eher Deep Purple mein Ding war. Ich dachte, wie kann man so schön singen, die Sprache so schön klingen.“

Der Song weckte Kindheitserinnerungen. Thomas Brück reflektiert heute nicht ohne Selbstironie: „Die Fööss haben mich ein bisschen aus meiner arroganten Angeber-Haltung rausgeholt.“ Ständig auf Tour, immer den Traum vom Star vor Augen, habe er in einer Art Parallelwelt gelebt.

Thomas Brück wurde Produzent und Sound-Designer. Ironie des Schicksals: mit Riesenerfolg. Und deutschen Texten. Sein Whale-Drummer Wolfgang Hieronymi kam mit der Idee, alte Karnevalslieder etwa von Willi Ostermann zu verrocken – Brück produzierte das Projekt: Das Album „Narrenrock“ von Pappnas war immerhin so erfolgreich, dass es zu einem zweiten Album kam.

Und dann, 1985, bekam er seinen Millionen-Seller: im Sog der grünen Friedensbewegung, der auch dem bundesweiten Bap-Erfolg zuträglich war, verkaufte sich der Song „Karl, der Käfer“ über eine Million mal – in der Band Gänsehaut spielten drei Ex-Satin-Whale-Musiker, Thomas Brück war der Produzent. Als Toningenieur arbeitete er für Stars wie Sting oder Elton John, seit mittlerweile 28 Jahren produziert er die Höhner und alle Arsch-huh-Projekte, ist ein wichtiges Rad im Getriebe der Kölner Szene. 

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