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Serie

Sozialstaat unter Druck
Abgehängt in Köln – wenn die Postleitzahl entscheidet

9 min

Ein Porsche vor der Essensausgabe, Schrottimmobilien, Drogen und überforderte Kitas: Szenen einer Recherche über eine geteilte Stadt – und die großen Fragen an den Sozialstaat.

Köln-Meschenich. An einem frühsommerlichen Mittwoch im April parkt ein Porsche Panamera vor der Essensausgabe für Bedürftige am Kölnberg. Die Besitzerin des Sportwagens, eine Wirtschaftswissenschaftlerin aus Rumänien, die in Köln lange als Busfahrerin gearbeitet hat und in einem der Hochhäuser wohnt, sucht ihre Mutter. Eine Frau mit zwei Essenstüten am Fahrradlenker schimpft: „Schämen Sie sich! Was machen Sie hier mit einem Ferrari? Ekelhaft ist das!“ An die Journalisten gerichtet sagt sie: „Warum reden Sie mit der Frau? Das ist nicht die Wahrheit. Die Wahrheit sind die Menschen hier in der Schlange. Die Menschen, die nachts eure Büros putzen. Die nichts haben. Die arm und kaputt sind.“ Von sich erzählen möchte die Frau nicht. „Menschen mit solchen Autos sind eine Lüge“, spuckt sie noch aus und schiebt mit ihrem Fahrrad ab.

Neue Serie im „Kölner Stadt-Anzeiger“: Eine Recherche über eine geteilte Stadt – und die großen Fragen an den Sozialstaat

Neue Serie im „Kölner Stadt-Anzeiger“: Eine Recherche über eine geteilte Stadt – und die großen Fragen an den Sozialstaat

In der Schlange vor der Essensausgabe steht Elena aus Rumänien, die seit 25 Jahren am Kölnberg lebt. Die 59-Jährige erzählt, dass ihr alkoholsüchtiger Mann sie verlassen habe, als die Kinder klein waren, dass eine ihrer Töchter als Teenagerin vergewaltigt worden sei. Neben ihr steht eine junge Frau mit vielen Tätowierungen und Piercings. „Ich bin auch von häuslicher Gewalt betroffen gewesen“, sagt sie, „ich kann seitdem nicht mehr arbeiten, ich bin traumatisiert. Deswegen komme ich nicht weg hier.“ Weg, sagt sie, wolle „fast jeder vom Kölnberg“. Warum? „Wegen des Mülls, der Ratten. Aber vor allem, weil das Image so schlecht ist. Weil man keinen Job kriegt, wenn man sich mit der Adresse bewirbt.“

Aus Armut entsteht Misstrauen

In keiner anderen deutschen Millionenstadt ist die Kluft zwischen armen und reichen Stadtteilen so groß wie in Köln (siehe Interview). Und anders als in Hamburg, München und Berlin wird die Trennung in Köln eher noch größer. Warum ist das so? Was müsste geschehen, damit die Postleitzahl in Köln nicht länger über Lebenschancen entscheidet? Welche Klischees von sogenannten Brennpunkten stimmen? Und welche nicht? Werden die Armen wirklich immer ärmer? Bröckelt der Sozialstaat? Oder ist er bloß zu aufgebläht und kompliziert, um die Menschen zu erreichen? Und die Wut über die Leute, die den Sozialstaat angeblich ausnutzen? Ist sie berechtigt? Und wie lässt sich ihr begegnen? Solchen Fragen widmet sich der „Kölner Stadt-Anzeiger“ in den kommenden Wochen in einer Serie aus Stadtteilen, in denen sich viele Menschen abgehängt fühlen.

Während der Sozialstaat unter Beschuss steht und in Berlin über seine Zukunft entschieden wird, hat sich unsere Redaktion in monatelangen Recherchen in Chorweiler und Meschenich, Mülheim und Kalk angesehen, was diese Debatten im Alltag der Menschen bedeuten.

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Denn: Aus Armut entsteht Misstrauen – auch in die Demokratie. Das hat etwa die Hans-Böckler-Stiftung in ihrer Studie „Armut gefährdet Demokratie“ schon vor fünf Jahren herausgearbeitet. Nur 18,7 Prozent der wohlhabenden Befragten gaben seinerzeit an, wenig Vertrauen in den Bundestag zu haben. Unter den dauerhaft Armen war es fast die Hälfte. Ähnlich groß sind die Unterschiede beim Vertrauen in Polizei, Justiz und Parteien. Für Köln bestätigt diese Befunde eine aktuelle Studie des Politikwissenschaftlers Sebastian Kurtenbach, der Menschen in Chorweiler, Kalk, Sülz und Weiden zum Beispiel gefragt hat, ob sie den staatlichen Institutionen in Köln vertrauen. Das Erstaunliche hier: Während in Kalk nur 14,4 Prozent der Befragten sagten, sie vertrauten dem Staat überhaupt nicht, war es in Chorweiler jeder Dritte.

Was das heißen kann, haben wir vor Ort erfahren. Zum Auftakt unserer Serie ein paar Schlaglichter.

Köln-Chorweiler. Bei der 85-jährigen Lea Brudna brauchte es drei Rohrbrüche, damit sich etwas bewegte. Zweimal musste die Rentnerin all ihre Möbel ersetzen, weil das Wasser ihre Wohnung verwüstet hatte. Ein Jahr lang konnte sie nicht in ihrer eigenen Wohnung schlafen, musste bei ihrer Tochter unterkommen. Erst als ihre Wohnung und die der Nachbarn nach einem dritten Rohrbruch mal wieder überflutet worden war, vermittelte ihr der Vermieter eine andere Bleibe – zwei Hochhäuser weiter.

Die 85-jährigen Lea Brudna wohnt in Chorweiler.

Die 85-jährigen Lea Brudna wohnt in Chorweiler.

Unter den Menschen in Chorweiler sind die drei Hochhäuser auf der Osloer Straße 2 bis 6 berüchtigt. Seit Jahren erzählen die Anwohner von Schimmel, der nicht beseitigt wird, von Kakerlaken, die keinen interessieren, von Aufzügen, die niemand repariert.

„Alle, mit denen ich über die Probleme gesprochen habe, lächelten und waren nett zu mir“, sagt Brudna in fast stoischem Tonfall. „Aber passiert ist nichts.“ Briefe, Anträge, Vorsprachen bei Ämtern und Vermietern – sie könne nicht aufzählen, wie oft sie interveniert habe. Ihre Tochter Mariana ist wütender: „Wenn du ständig vertröstet wirst und niemand Verantwortung übernimmt, hast du irgendwann genug. Den Glauben an die Politik habe ich schon lange verloren.“

Nur knapp ein Viertel der Wahlberechtigten gab in Chorweiler bei der Kommunalwahl seine Stimme ab – mit Abstand der niedrigste Wert unter den 86 Kölner Stadtteilen. Nirgendwo sonst in Köln bekam die AfD so viele Stimmen wie hier; in Chorweiler wurde sie stärkste Partei – und das, obwohl der Staat hier in den vergangenen Jahren 200 Millionen Euro investiert hat.

Unter den Menschen in Chorweiler sind die drei Hochhäuser auf der Osloer Straße 2 bis 6 berüchtigt.

Unter den Menschen in Chorweiler sind die drei Hochhäuser auf der Osloer Straße 2 bis 6 berüchtigt.

Wie blicken Menschen wie Lea Brudna, die seit Jahren in einer Schrottimmobilie leben muss, auf die Demokratie? Warum wählen so viele ihrer Nachbarinnen und Nachbarn die AfD? Und was müsste sich ändern, damit Chorweiler nicht länger das Veedel ist, in dem am wenigsten gewählt und am meisten resigniert wird?

Dass es in Vierteln wie Chorweiler viel zu tun gibt, zeigt nicht nur ein Blick auf die Wahlbeteiligung. Arbeitslosenquote, Einkommen, Bildungsabschlüsse, Kriminalitätsrate, Anteil der Menschen mit Migrationsgeschichte: Legt man diese Statistiken übereinander und schaut auf einer Karte der Stadt nach Auffälligkeiten, fallen immer wieder dieselben Stadtteile auf: Chorweiler und Kalk, Meschenich, Mülheim und Porz-Finkenberg, Bocklemünd, Ossendorf und Bilderstöckchen.

Relative Armut tritt selten allein auf. Wo Menschen wenig Geld haben, sind die Chancen auf höhere Bildungsabschlüsse besonders gering, die Kriminalität ist besonders hoch, die Lebenserwartung besonders niedrig. Diese Wahrheiten sind nicht neu. Aber für einen Staat, der Vertrauen zurückgewinnen muss, um nicht von Systemverächtern gekapert zu werden, sind sie von besonderer Bedeutung.

Drogenkriminalität in Kalk – junge Menschen erzählen

Köln-Kalk. Schwarzer Jogginganzug, weiße Kappe, Silberuhr am Handgelenk: Ahmad, 25, lehnt am Rand des Bolzplatzes im Kalker Bürgerpark und raucht eine Zigarette. Vor 13 Jahren floh er aus Syrien und landete in Kalk. Zuerst lief es gut – er arbeitete als Dachdecker, im Tiefbau, als Maler, „immer harte Arbeit, wo man dreckig wird“. Dann kam vieles zusammen: der Tod des Vaters, Corona, Schulden, irgendwann Drogen. Eineinhalb Jahre saß er im Gefängnis, seit zwei Monaten ist er wieder draußen und will mit den Drogen eigentlich nichts mehr zu tun haben. Doch seit zwei Wochen raucht er wieder Cannabis. „Was erwartet man denn“, sagt er und blickt über den Platz, „wenn das überall zu haben ist?“ Kalk ist für Ahmad so etwas wie eine zweite Heimat geworden. Für Familien mit Kindern sei das Viertel trotzdem kein guter Ort. Zu nah seien die Drogen, zu sichtbar überall. „Überall wird verkauft, überall sieht man Leute, die drauf sind.“

Für Ahmad ist Kalk eine zweite Heimat geworden – aber er blickt zwiegespalten auf das Viertel.

Für Ahmad ist Kalk eine zweite Heimat geworden – aber er blickt zwiegespalten auf das Viertel.

Kalk gilt seit Jahren als Hochburg der Kriminalität; in einzelnen Straßenzügen läuft der Drogenhandel hochprofessionell ab. Die Polizei reagiert mit Kameras und Razzien, der Stadtteil gilt als eines der größten videoüberwachten Wohngebiete Deutschlands.

Doch das Viertel ist durchmischter, als viele glauben: Hier leben viele Studierende, das Kulturangebot ist breit, die linke Szene präsent – ein Teil der Anwohnerinnen und Anwohner begrüßt die massive Polizeipräsenz, ein anderer Teil betrachtet sie mit Unverständnis und Skepsis. Wie passt das zusammen? Was macht es mit Jugendlichen, in einem Viertel aufzuwachsen, in dem der Drogenhandel zum Straßenbild gehört und Razzien zum Alltag? In Kalk gehen wir in unserer Serie Ursachen für Kriminalität nach.

68 von 70 Kindern in der Kita haben Migrationshintergrund

Köln-Mülheim. Im Arbeitskreis Übergang in Mülheim sitzen Sozialarbeiterinnen und Erzieher, Psychologinnen und Leiterinnen von Kitas im Neonlicht eines Konferenzraums der ehemaligen Jobbörse an der Berliner Straße. Sie entwickeln Konzepte, wie der Übergang vom Kindergarten zur Grundschule besser gelingen kann – und wie Kinder, die besonders gefördert werden müssen, diese Hilfe auch erhalten. Denn: Viele Familien wissen nicht, wie sie Bürgergeld, Kinderzuschläge, Frühförderung, Sprachkurse oder Logopädie-Therapie für ihre Kinder beantragen müssen. „Mülheim gehört zu den Arrival Citys, hier kommen sehr viele Menschen ohne Sprachkenntnis an“, sagt Nadja Oertel, Fachbereichsleiterin für Kinder, Jugend und Familie der Christlichen Sozialhilfe Köln (CSh). Wenn diese Menschen auf eine auch für Akademiker komplizierte Bürokratie treffen, kommt es gleich nach der Ankunft zur Entfremdung.

Porträt von Christian Redmann-Könen

„Erzieherinnen können Kinder sprachlich nicht gut genug auf die Schule vorbereiten“, sagf Christian Redmann-Könen, Kita-Leiter in Mülheim.

In der Kita Genovevastraße haben 68 von 70 Kindern Migrationshintergrund, in der Böckingstraße sind es 84 von 91 Kindern. Viele der Kinder sprechen nicht gut oder kaum Deutsch – und lernen vor der Grundschule zu wenig, weil es zu wenig Sprachvorbilder gibt. Beide Kitas bieten Plätze erst ab drei Jahren an – auch deswegen melden hier weniger Akademiker-Eltern ihre Kinder an. Die Trennung von Bedürftig und Wohlhabend beginnt also schon in der Kita. „Es wäre gut, wenn in jeder Kita Kinder unter drei Jahren untergebracht werden könnten“, sagt Christian Redmann-Könen, Leiter der Kita Sonnenstrahlen in Mülheim. „Die Durchmischung wäre dann besser. So ist Sprachförderung in einigen Kitas sehr herausfordernd und manchmal überfordernd – zu wenig Personal, zu viele Sprachen“, sagt Redmann-Könen. „Viele Erzieherinnen, die lange dabei sind, sind frustriert: Weil es nicht besser wird – und sie die Kinder nicht so auf die Schule vorbereiten können, wie sie das wollen – und wie es auch gesetzlich vorgeschrieben ist.“

In dem Arbeitskreis Übergang sind sich alle einig: „Eine Kita-Pflicht ab dem dritten Lebensjahr könnte die Startchancen erheblich verbessern – dafür bräuchten die Kitas aber auch genug Personal.“

Keine Nachfolge für Kinderarzt-Praxis in Meschenich

Köln-Meschenich. Ursula Kleine-Diepenbruck eröffnete im Jahr 2015 eine Kinderarztpraxis in Meschenich, die „sehr gut funktioniert hat“, wie sie beim Gespräch in ihrem Sprechzimmer in der ehemaligen Thomaskirche sagt. Als die engagierte Kinderärztin die Praxis Ende 2021 an die Kette Fairdoctors verkaufte, sicherte der neue Eigentümer zu, die Praxis zu erhalten – machte sie aber nach zweieinhalb Jahren dicht. Ein neuer Eigentümer fand sich nicht. Für einen der ärmsten Stadtteile Kölns, der schlechter an die Innenstadt angebunden ist als jeder andere, ist das ein Desaster.

„Im Gesundheitssystem anzukommen, ist für viele Menschen am Kölnberg sehr schwierig“, sagt Kleine-Diepenbruck. Wenn keine Kinderärztin vor Ort ist, multiplizieren sich die Probleme. „Viele Menschen sind überfordert, mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt zu fahren, um dort mit ihren Kindern zum Kinderarzt zu gehen. Es ist davon auszugehen, dass etliche Kinder nicht mehr beim Arzt waren, seit meine Praxis geschlossen hat.“

21.05.2026, Köln: Die Ärztin Katja Kleine-Diepenbruck im Jugendzentrum Meschenich.

Foto: Michael Bause

Ursula Kleine-Diepenbruck hatte lange eine Kinderarztpraxis in Meschenich. Viele Kinder kommen am Kölnberg nicht im Gesundheitssystem an, sagt sie.

Wenn Arztpraxen in Vierteln wie Meschenich schließen, hingenommen wird, dass Hochhäuser wie in Chorweiler oder Finkenberg verkommen, Kinder in Kitas keine Sprachvorbilder mehr haben, wird die Kluft zwischen arm und reich größer. Dagegen stemmt sich in Köln ein engagiertes Netzwerk aus Vereinen und Sozialverbänden, Ehrenamtlerinnen und Behörden. Der Sozialstaat ist oft besser als sein Ruf – auch das erzählen unsere Geschichten in den kommenden Wochen. Um Vertrauen zurückzugewinnen, braucht es Gespräche und Initiativen dort, wo Menschen sich abgehängt fühlen. Dabei gilt: Jede Annäherung beginnt mit Respekt vor der Persönlichkeit des Anderen. Das sollte für Medien wie für die Politik gelten.