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Außergewöhnlicher Vorschlag Mit Pool-Lkw gegen Schwimmkurs-Not in Köln

schwimmbad lkw 001

Das Becken in dem Spezial-Lkw ist etwa acht mal zwei Meter groß. Der Boden ist höhenverstellbar.

Köln – 60 Prozent aller Zehnjährigen in Deutschland können einer Umfrage der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) nicht sicher Schwimmen. Diese alarmierende Zahl der nicht ganz neuen Erhebung hat in der Corona-Pandemie an Relevanz gewonnen. Etliche Schwimmkurse fielen aus, weil die Bäder während der Lockdowns geschlossen waren, die Wartelisten für die Angebote sind lang. Besonders kleine Kinder hatten keinerlei Gelegenheit, sich an Wasser in größeren Becken überhaupt zu gewöhnen. Das könnte die ungewöhnliche Idee eines Schweizer Unternehmens zumindest ein Stück weit ändern: ein Schwimmbad-Lkw, der zum Beispiel von Grundschule zu Grundschule in der Stadt fährt oder auf öffentlichen Plätzen Station macht.

Der Sportausschuss hatte bei seiner jüngsten Sitzung auf Antrag der SPD einstimmig beschlossen, dass die Stadtverwaltung die Anschaffung eines solchen Lkws prüfen soll. „Wir haben zu wenig Wasserflächen in den Bäder, die Lehrschwimmbecken sind oft in schlechtem Zustand“, begründet Franz Philippi (SPD). „Deshalb müssen wir jede kreative Möglichkeit prüfen, damit wieder mehr Kinder Schwimmkompetenz bekommen.“ Diese zu prüfende Möglichkeit ist ein spezieller Lastwagen, den die Schweizer Firma Aqwa Itineris entwickelt hat. Das Unternehmen baut in einen 13,60 Meter langen Anhänger ein acht Meter langes und 2,10 Meter breites beheizbares Edelstahl-Schwimmbecken ein. Der Boden des Pools ist höhenverstellbar und ermöglicht eine Wassertiefe bis zu 1,40 Metern. Die Wände des Anhängers können seitlich ausgefahren werden. Deshalb bietet der Innenraum noch Platz für eine Toilette, Waschbecken, Dusche, Umkleidekabinen und Aufbewahrungsboxen für Kleidung.

Auf Anfrage kann das mobile Schwimmbad mit verschiedenen Hebebühnen und Liftern vollständig barrierefrei gestaltet werden, erläutern die Hersteller. „Es lässt sich problemlos auf einem Schulhof, Parkplatz oder auf einem Gemeindegebiet parken“, wirbt die Firma aus Lausanne. Das Becken sei geeignet, im Wasser erste Schritte hin zum Schwimmen zu machen und um „Menschen jegliche Ängste zu nehmen – einschließlich Aquaphobie“, heißt es weiter.

Der Schwimm-Anhänger ist nicht ganz günstig. Je nach Ausführung kostet er um die 500.000 Euro. Hinzu kommt noch die Zugmaschine, die nicht im Preis inbegriffen ist. Das Lkw-Schwimmbad – „Camion-piscine“, wie es in der französischen Schweiz heißt – kam bereits in der Schweiz zum Einsatz und in einigen Regionen Frankreichs. Dort war es vor allem in ländlichen Gegenden die einzige Möglichkeit, überhaupt Kindern das Schwimmen in einem Lehrbecken beizubringen.

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In dem Abhänger verbirgt sich das Lehrschwimmbecken.

Die Kölner Stadtverwaltung soll nun bei dem Schweizer Unternehmen weitere Informationen einholen, sich erkundigen, welche Erfahrungen andere Kommunen mit dem mobilen Schwimmbad gemacht haben und bewerten, ob eine Anschaffung für Köln sinnvoll ist. So hat es der Sportausschuss beschlossen. Natürlich könne man in dem Anhänger nicht gleich das Seepferdchen machen, weiß Philippi. Aber es könne besonders bei den ganz kleinen Nichtschwimmern etwa in den Grundschulen „Angstgefühle“ nehmen, die mitunter einem richtigen Schwimmkurs im Weg stünden. „Beim Bau dringend notwendiger Schwimmbäder in Köln gibt es leider keine sichtbaren Fortschritte“, sagt auch der Ausschussvorsitzende Oliver Seeck (SPD). „Wir müssen daher aus meiner Sicht auch hier unkonventionelle Wege gehen.“ Es sei gut, dass die Verwaltung das Konzept nun zunächst grundsätzlich prüfe.

Hohe Anschaffungskosten

„Lkw-Schwimmbäder können zwar einen Beitrag leisten, um Kinder an die Bewegung im Wasser zu gewöhnen, echtes Schwimmtraining ist in diesen Kleinstbecken aber definitiv nicht möglich“, urteilt Ralf Klemm (Grüne). Allerdings schreckten ihn die Anschaffungskosten ein wenig ab. Den finanziellen Einwand erheben CDU und FDP auch. „Die Idee ist gut, wir haben nun einmal einen Mangel an Wasserfläche und Schwimmbecken“, sagt Eric Haeming (CDU). Das Bassin im Lkw sei jedoch relativ klein. Trotzdem sei es richtig, dass die Verwaltung die Sache zumindest prüfe. Auch Ulrich Breite (FDP) findet, dass die Stadt sich den Pool-Anhänger „ruhig mal angucken“ soll. „Vielleicht sollte man das Geld aber besser in Schwimmkurse stecken“, gibt Breite zu bedenken.

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Einen Platz in einem Schwimmkurs zu bekommen, kann aber nach wie vor ziemlich schwierig werden. „Manche Vereine haben eine Liste mit bis zu 1000 Kindern, die nicht in einem Kurs unterkommen. Das ist eine Katastrophe“, sagt Robert Becker, Vorsitzender des Ortsverbands Kölner Schwimmvereine. Weil die Bäder wegen der Pandemie schließen mussten, habe es „grob zwei Jahre“ keinen Schwimmunterricht gegeben. Der Andrang, das nun nachzuholen, sei also immens. Die derzeitige Wasserflächen in den Bädern reiche ohnehin kaum für den regulären Schul- und Vereinssport aus. „Die Kölner Schwimmvereine hatten vor 20 Jahren insgesamt 5000 Mitglieder. Heute sind es 11.000“, erklärt Becker.

Um Kinder ans Wasser zu gewöhnen, sei der Schwimmbad-Lkw „natürlich nur eine Notlösung. Aber besser als nichts.“ Denn besonders in sozial benachteiligten Stadtteilen gehe das Interesse auch bei Eltern immer mehr zurück, dass ihre Kinder überhaupt Schwimmen lernten. Hier könne der Pool-Laster womöglich als aufsuchendes Angebot Abhilfe schaffen. „Aber dauerhaft brauchen wir ganz klar mehr Bäder. Im Schwimmen lernen ist Köln weit zurück“, konstatiert Becker.