„Ich fühle mich ohnmächtig“Kölner Ukrainer erzählt von Chats mit Freunden und Familie

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20211004_Eugen Lyubavskyy auf dem NDH (c) Marcus Flesch (5)

Eugen Lyubavskyy

  • Eugen Lyubavskyy ist in Russland geboren und in der Ukraine aufgewachsen.
  • Er hat Freunde und eine Ex-Verlobte in Moskau, Familie und Freunde in Kiew.
  • Der in Köln lebende Lyubavskyy erzählt, wie er den Krieg in der Ukraine erlebt.

Köln  – Am Montagmittag kommt Eugen Lyubavskyy von der Kölner Friedensdemonstration, stolz, überwältigt, gerührt von Köln, wie er sagt. „Wahnsinn, wie die Stadt es geschafft hat, statt Karneval zu feiern jetzt geschlossen für den Frieden zu demonstrieren.“

Jetzt ist er gedanklich wieder in Kiew. Lyubavskyy ist in St. Petersburg geboren und in Kiew aufgewachsen, er hat Freunde und eine Ex-Verlobte in Moskau, er hat Familie und Freunde in Kiew, sein Vater ist in der ukrainischen Hauptstadt, auch Tanten und Onkel. Eben erst kam eine Nachricht einer Freundin aus der Stadt im Krieg, in die er selbst bis vor kurzem überlegt hatte, auszuwandern, die Worte werde er nicht vergessen, sagt er, wie so viele Worte und Bilder, die seit Donnerstag durch seinen Kopf jagen: „Schreib‘ doch Deinem Vater bitte, dass Du ihn liebst“, schrieb die Freundin, wer wisse, wie lange ihn diese Botschaft noch erreiche.

Als hätte er zwei Leben: in Köln und in Kiew

Seit der Invasion der russischen Armee in die Ukraine hat Eugen Lyubavskyy fast nicht geschlafen; die Sorge, aufzuwachen und zu erfahren, dass einer seiner Liebsten tot sei, lasse es nicht zu. Es ist, als hätte er zwei Leben, eins, in dem er hier in Köln funktioniert, isst, trinkt, telefoniert, eine Demo vor der russischen Botschaft in Bonn organisiert, bloggt, übersetzt, Interviews gibt und überlegt, ob er sich an der polnischen Grenze als Fahrer und Übersetzer zur Verfügung stellt; und ein zweites Leben, in Kiew bei seinen Liebsten.

Freundin flieht mit Baby zur Grenze

„Sie schreiben mir, wie sie sich bewaffnen, wie sie ihre Frauen verabschieden, ein Freund sagte mir, dass er versuche, seine Frau mit dem zwei Monate alten Baby an die Grenze zu bringen, selbst will er kämpfen“, sagt Lyubavskyy. Die Geschichten und Bilder, die Millionen Menschen an den Bildschirmen sehen, erlebt er über Videochats und Gespräche aus erster Hand. „Und trotzdem fühle ich mich ohnmächtig, weil ich nicht dort bin, nicht helfen kann. Manchmal habe ich das Gefühl: Ich lasse die Menschen in der Ukraine gerade im Stich.“

Er sei Pazifist und neige nicht dazu, Gewalt und bewaffneten Widerstand zu heroisieren, sagt der 35-Jährige, der seit seinem zehnten Lebensjahr in Köln lebt. Er sei auch kein Patriot. „Nur jetzt, bei diesem brutalen Angriffskrieg gegen die Menschen, kann ich nicht anders als ukrainischer Patriot zu sein.“

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Eugen Lyubavskyy ist mit dem Selbstverständnis aufgewachsen, Russen und Ukrainer seien Brüder, es gebe keinen Unterschied. „Fast alle Ukrainer sprechen auch Russisch, es gibt viele Russen in Kiew, das Brüderliche wurde immer betont.“ Er könne nicht begreifen, dass das jetzt vorbei sei, „dass es keine ukrainischen und russischen Brüder mehr gibt, dass meine Freunde sagen, sie werden nie mehr Russisch sprechen“. Er könne es so wenig begreifen wie die russischen Soldaten, die glaubten, sie seien auf einer Befreiungsmission in der Ukraine und würden von ihren „Brüdern“ jubelnd empfangen – weil die Propaganda ihnen das so erzählt habe.

Die Propaganda, sagt er, sei das Schlimmste: „Die meisten Menschen in Russland glauben den Narrativen, dass das kein Krieg sei, sondern eine Friedensmission.“

Lyubavskyy arbeitet selbst journalistisch. In der Corona-Pandemie hat er den Blog „Eugen auf dem Dach“ gestartet, mit dem er für Aufsehen sorgte, als er ein finnisches Metal-Festival als Tummelplatz für Neonazis bezeichnete.

Zum Gedenken des Massakers von Babyn Jar, bei dem die Nazis 1941 binnen 48 Stunden 33.000 Juden ermordeten, verfasste er einen bewegenden Beitrag. Das Haus seiner Großmutter, eines der wenigen Einfamilienhäuser in Kiew, steht in unmittelbarer Nähe der Schlucht des Massakers. Die Sowjets hätten das Thema seinerzeit verschwiegen, da auch Ukrainer an dem Massenmord beteiligt gewesen seien.

Propaganda-Bilder und Bilder, die nicht lügen

Lyubavskyy weiß, dass nicht nur die russischen, sondern auch viele ukrainische Bilder aus dem Krieg mit Vorsicht zu genießen sind. Die Manipulation der Bilder und Geschichten gehöre  zum Krieg wie das sinnlose Sterben; doch es gebe eben auch Bilder, die nicht lügen könnten, von zerstörten Wohnblöcken, Menschenmassen in U-Bahnen, von Ukrainern, die sich vor russische Panzer legen, Bilder, die ihm täglich Freunde und Verwandte zeigen, viel zu viele Bilder und Informationen, um sie fassen und verarbeiten zu können.

Eugen Lyubavskyy schreibt jetzt erstmal seinem Vater, dass er ihn liebt.  

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