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Der unbekannte Vater

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Sülz – Natascha Würzbach hatte ihr Lebenswerk eigentlich schon vollbracht, war 70 Jahre alt, hatte 25 Jahre lang englische Literatur an der Universität Köln gelehrt – und ein Buch über ihre Kriegskindheit verfasst. Doch gerade als der Roman mit dem Titel „Das Grüne Sofa“ erschien, rückte ein Brief die dort niedergeschriebenen Erlebnisse in ein ganz anderes Licht.

Ein Philosophieprofessor aus Kanada schrieb der emeritierten Professorin und fragte sie, ob sie die Tochter des gleichnamigen Nietzsche-Forschers Friedrich Würzbach sei. Sie bejahte es. Erfreut bat er um Informationen und schickte ihr im Gegenzug Unterlagen über ihren Vater, die aus dem Berliner Staatsarchiv stammten, unter anderem ein Schreiben der „Reichsstelle für Sippenforschung“ von 1939. Der Brief offenbarte das Familiengeheimnis – und war der Anlass dafür, dass sie ein weiteres Buch schrieb.

„Das magische Tintenfass“, so sein Titel, ist gerade erschienen. Würzbach erfuhr, dass ihr Vater Halbjude war. Seine jüdischen Vorfahren hatte er verschwiegen und seine Herkunft hinter einer Lüge versteckt. Seine Frau hatte ihm dabei geholfen. „Papa wurde unehelich geboren und im Babyalter als Pflegekind in die Familie Würzbach aufgenommen.

Er möchte darüber nicht sprechen“, hatte ihre Mutter die kleine Natascha stets gemahnt. Der Satz signalisierte die rote Linie. Dahinter lag das Tabu – auch noch nach der Nazizeit. Warum ihre Eltern immer geschwiegen haben, ist eine der Fragen, auf die Natascha Würzbach eine Antwort suchte. Bei der Reise zu den Wurzeln ihrer Familie ist sie auf schillernde Persönlichkeiten gestoßen, wie ihren jüdischen Urgroßvater, den Zauberkünstler am Hof Kaiser Wilhelms I., Samuel Bellachini. Er stammte aus Posen, hieß eigentlich Berlach. Aber der jüdische Nachname erweckte schon damals Misstrauen. Mit seinem besten Trick verschaffte Bellachini sich 1860 die Stellung am kaiserlichen Hof. „Es war ein Tintenfass, dessen Tinte nicht aus der Feder floss. Erst als mein Urgroßvater dem Kaiser ein Schreiben diktierte, womit er ihn zum Hofzauberer ernannte, begann die Tinte zu fließen,“ erzählt Würzbach. Die Figur hat auf sie eine magische Anziehungskraft. „Vielleicht weil meine Mutter Dolly Tänzerin und ich viel hinter der Bühne unterwegs war“, sagt sie.

Über ihre Großmutter, Clara Bellachini, die einen Würzbach heiratete, ist wenig bekannt. „Von Frauen, die Hausfrau und Mutter waren, blieben keine Erinnerung.“ Claras jüngere Schwester Hedwig hinterließ hingegen umso mehr Spuren. „Sie war eine Skandalnudel“, erzählt Würzbach. Die Kölnerin fand Dokumente von einem Gerichtsprozess in Österreich, wo Hedwig wegen Bigamie angeklagt war, denn sie war noch nicht geschieden, als sie sich wieder verlobte. Die Spießbürger in der österreichischen Kleinstadt zerrten sie vor Gericht, ihr Verlobter schoss sich eine Kugel in den Kopf, das Ganze inspirierte den österreichischen Schriftsteller Karl Kraus zu einem Roman – und Hedwig avancierte zu seiner Hauptfigur. Auch in Natascha Würzbachs Buch spielt sie eine Rolle. Ein Drittel des Romans beschäftigt sich mit einer Person, die sie kannte, weniger gut als sie dachte, ihren Vater. Seine Tochter hatte sich ein Bild von ihm gemacht als jemand, der Widerstand leistete, das Denken der Nazis und ihrer Ideologie stets ablehnte. Sie erinnert sich, dass er verhaftet, verhört und fast erschossen wurde. Den wahren Grund kennt sie erst seit zehn Jahren.

Bei ihren Recherchen ist sie auch auf Dokumente gestoßen, die belegen, dass der Redakteur Würzbach sich bei seiner Arbeit für den Reichssender München angepasst hat und Linientreue vorgaukelte. In Bettelbriefen bat er um seine Arisierung, erzählte die unwahre Geschichte von seiner unehelichen Herkunft und ließ sich sogar dazu hinreißen, Heinrich Himmler zu loben. Es gab allerdings auch Zeugen, die schildern, dass er im Verborgenen freien jüdischen Mitarbeitern geholfen hat, wo er konnte. „Vielleicht“, sagt Natascha Würzbach, „war es neben der unangenehmen Erinnerung an die schlimme Zeit dieser Widerspruch in seinem eigenen Verhalten, der ihn weiter schweigen ließ.“ Ihr Vater war kein Held, wie die allermeisten seiner Mitmenschen auch. So ist das „magische Tintenfass“ mehr als eine dokumentarisch-literarische Annäherung an familiäre Wurzeln, sondern auch ein ungeschöntes Porträt einer Gesellschaft, die sich vor einer Diktatur wegduckt. Das magische Tintenfass. Fast ein Roman; Book on demand, 16 Euro

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Der Urgroßvater war Zauberer am Hof Wilhelms I.