Ein Foto, auf den Schaukasten des Herzhäuschens geklebt, zeigt die Nationalflagge Israels, daneben ist zu lesen: „Wenn du mit dieser Flagge ein Problem hast, bist du das Problem.“ Auf einem anderen werden Islamismus und Faschismus gleichgesetzt – in Fraktur – und eine Liste zählt auf, was „Pro-Palästina-Aktivisten“ angeblich alles verschweigen. Dass es in Palästina keine Demokratie gebe etwa, keine Religionsfreiheit und auch keine Gleichberechtigung für Frauen und Homosexuelle. Diese und andere Zettel wurden offensichtlich auf das Glas des Schaukastens geklebt, um ein Informationsblatt darin zu verdecken: Am 12. September wurde im Herzhäuschen die Ausstellung „Gaza – before and after“ eröffnet.
KInder vor Trümmern, Frauen in Rollstühlen
16 Fotos von sieben Fotografen umfasste die Ausstellung, die inzwischen beendet ist. Die Bilder zeigen den Alltag im Gaza-Streifen vor und nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023: Frauen in Rollstühlen zum Beispiel, die Basketball spielen, fröhliche Kinder mit Schafen, Kinder vor den Trümmern eines zerbombten Hauses. Einige der Fotos sind leicht einzuordnen, andere nicht. So zeige das Foto der Frauen-Basketballmannschaft keineswegs Opfer der Bombardierungen durch die israelische Armee, erklärt Astrid Sommer: „Seit den Bombardierungen gibt es keine funktionierende Turnhalle mehr im Gaza-Streifen.“

Die Information zur Ausstellung Gaza - before and after wurde mit zahlreichen Aufklebern verdeckt.
Copyright: Petra Hoffmann
Sommer gehört zum neunköpfigen Kollektiv, das im Jahre 2021 den Betrieb des Herzhäuschens übernommen hatte. Es wurde zum Teil aus den Originalsteinen wieder aufgebaut und ist jetzt Café, Begegnungsstätte und Erinnerungsort gleichzeitig. Ein Erinnerungsort vor allem an den Holocaust, denn dort lebte einst die jüdische Familie Herz, deren Mitglieder größtenteils von den Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern ermordet wurden.
An diesem Ort also eine Ausstellung von Fotos, die das Leid der Palästinenser dokumentieren? „Das hat viele irritiert“, sagt Astrid Sommer. Sie ist Mitglied der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft, die Vorurteilen gegenüber Palästinensern in Gesellschaft, Medien und der Politik entgegenwirken möchte. In ihrer Familie gibt es sowohl Palästinenser als auch jüdische Opfer des Nationalsozialismus. Am Abend der Eröffnung erklärte sie, Ziel der Ausstellung sei es, Prozesse der Entrechtung und Entmenschlichung sichtbar zu machen. Die Erinnerung an das Schicksal der Familie Herz lebendig zu halten, bedeute aber, dass man den „universell, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion oder Geschlecht geltenden Menschenrechten verpflichtet“ sei.
Vorwürfe des Vereins City of Hope
„Natürlich können wir es verstehen, wenn sich Leute Sorgen machen, dass man mit einer solchen Ausstellung den Antisemitismus unterstützt. Innerhalb des Teams gab es auch Diskussionen“, sagt Christoph Wehr, der ebenfalls dem Betreiber-Kollektiv angehört. Die Fotos seien zwar emotional aufgeladen, aber das sei bei diesem Thema nicht anders möglich. Aber sie sollten „nicht politisch instrumentalisiert werden“. Nur selten ist in den Bildunterschriften ein Hinweis auf die israelische Armee zu finden, etwa wenn es um eine zerstörte Bibliothek geht. „Wir können in einer Ausstellung nicht jedes Mal den ganzen Nahost-Konflikt nacherzählen“, meint Wehr und bezieht sich auf Vorwürfe, die „islamistische Terrororganisation Hamas“ werde mit keinem Wort erwähnt.

Ein Bild aus der Gaza-Ausstellung
Copyright: Repro: Petra Hoffmann
So ein Vorwurf kam vom Verein City of Hope, der im selben Facebook-Post im Vorfeld der Ausstellung von einer „Verhöhnung der Opfer der Shoa“ sprach. Auch die Synagogengemeinde hatte sich vorab gemeldet und die Absage der Ausstellung gefordert. Die Eröffnung sei dann aber ruhig verlaufen, sagt Astrid Sommer. Auch die Besucher danach hätten zwar Fragen gestellt, zu Protesten sei es aber nicht gekommen. Bis zur Nacht auf den 19. September, als der Schaukasten zugeklebt wurde. Also noch vor den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus, als das Thema Antisemitismus einen Schub erhielt.
Konzipiert wurde die Ausstellung von Ursula Mindermann, Vizepräsidentin der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft. Gezeigt wurden die Fotos erstmals 2025 in Edinburgh. In Deutschland waren sie bislang im Haus der Katholischen Kirche in Stuttgart sowie in der Citykirche St. Nikolaus in Aachen zu sehen. „Es ist sehr schwierig, Räume für eine solche Ausstellung zu finden“, sagt Suraya Hoffmann, Gründerin des Café Palestine Cologne, das die Verbindung zwischen deutscher und palästinensischer Kultur fördern möchte und die Ausstellung als Kooperationspartner unterstützt hat. „Auch bei Medienvertretern gibt es diese Selbstzensur. Sie haben Angst, sich mit diesem Thema Ärger einzuhandeln.“ Und wenn sie mal um eine Stellungnahme gebeten wird, kommt als erstes die Frage, ob sie sich auch von der Hamas distanziere.
Im Herzhäuschen will man jedenfalls am eingeschlagenen, nicht immer einfachen Kurs festhalten. Und am 12. November wird auf dem Gehweg ein weiterer Stolperstein verlegt.


