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„Ich war mittendrin“Ein Ex-Dealer berichtet – So laufen die Drogengeschäfte in Köln

Lesezeit 6 Minuten
Auf der Treppe zur U-Bahn am Neumarkt wickeln ein Dealer und ein Konsument ein Drogengeschäft ab.

Auf der Treppe zur U-Bahn am Neumarkt wickeln Dealer und Konsumenten ihre Geschäfte ab.

Der ehemalige Drogenhändler war vor allem auf dem Neumarkt und rund um den Ebertplatz aktiv.

  • Auf dem Neumarkt wird das meiste Geld verdient, in Kalk halten sich die Großdealer im Hintergrund und schicken Kleinhändler vor.
  • Ein Ex-Dealer, der selbst jahrelang kokainsüchtig war und im Gefängnis saß, berichtet, wie und wo die Deals in Köln laufen – und wie ihm eine Therapie heute hilft, clean zu bleiben und nicht mehr straffällig zu werden. 
  • Er hat sich zu einem ausführlichen Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ getroffen, bat aber darum, im Artikel anonym zu bleiben. Sein Name ist der Redaktion bekannt.

Viele Jahre war ich Teil der Kölner Drogenszene. Ich war mittendrin. Ich kannte jeden, jeder kannte mich. Ich habe Kokain konsumiert und es selber verkauft, in ganz Köln. Ich war auf dem Neumarkt unterwegs, am Hansaring, in Kalk. Habe meinen Kunden das Kokain mit dem Auto gebracht, und nachdem ich meinen Führerschein verloren hatte, mit dem Taxi, mit der Bahn, zu Fuß, egal. Eine Zeitlang habe ich sogar einen eigenen Fahrer bezahlt.

Köln: Kokain-Dealer verdiente bis zu 2000 Euro am Tag

Zu den besten Zeiten damals habe ich 1500 bis 2000 Euro Gewinn gemacht – pro Tag. Und 50 bis 100 Einheiten Kokain geraucht, also Crack, auch jeden Tag. Fünf, manchmal sechs Tage lang habe ich nicht geschlafen, sondern nur verkauft, konsumiert und meinen Gewinn in Automaten verspielt. Damals dachte ich: was für eine gute Zeit.

Dann kam ich ins Gefängnis.

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Ich hatte Straftaten begangen, viel zu viele. Körperverletzung, Drogenhandel, Raub, Erpressung, eigentlich alles außer Mord und Vergewaltigung. Irgendwann wurde eine Bewährungsstrafe widerrufen. Ich wurde zu zehn Monaten Haft verurteilt. Seit fast einem Jahr bin ich jetzt wieder draußen. Ich bin clean, mache eine Therapie und kann dazu nur jedem raten, der Drogen nimmt. Darum erzähl ich das jetzt hier auch alles. Denn auch wenn man meint, man braucht die Hilfe nicht: Doch, man braucht sie. Erst recht, wenn man süchtig ist.

Wenn ich heute über den Neumarkt gehe, empfinde ich Ekel. Ich sehe Leute, die sich was spritzen. Manche kenne ich noch von früher, wir haben zusammen konsumiert.

Fast keiner zieht Kokain mehr durch die Nase, alle rauchen inzwischen Crack.
Ex-Dealer und ehemaliger Kokain-Konsument

Vor acht Jahren kannte ich noch niemanden in Köln, der Crack geraucht hat. Vor einem Jahr hat es dann jeder hier in der Szene gemacht, den ich kannte. Jeder. Fast keiner zieht mehr durch die Nase, alle rauchen inzwischen Crack. Die meisten kochen sich das Kokain selber auf und rauchen die Cracksteine. Ich möchte nicht sagen, wo das ist, aber es gibt eine Gegend in Köln, da wird schon fertig gekochtes  Crack verkauft. Denn bei Crack muss es für den Konsumenten schnell gehen, man muss immer wieder nachlegen, um high zu bleiben.

Ich weiß gar nicht, warum Crack so interessant ist. Es macht nicht körperlich abhängig wie Heroin, aber vom Kopf her. Ich habe mit Crack angefangen, weil ich irgendwann nichts mehr durch die Nase ziehen konnte, aber trotzdem high sein wollte. Meine Nase war kaputt, immer verstopft. Man kann zwei oder drei Gramm pro Tag ziehen, rauchen kann man zehn Gramm am Tag – wenn man das Geld hat.

Köln: In Kalk ist das Kokain billig, auf dem Neumarkt wird es teuer verkauft

Im Fernsehen sagte mal jemand, auf Crack hört man den Strom durch die Wand fließen. Strom habe ich zwar nie gehört, aber das ist trotzdem eine gute Beschreibung. Viele kriegen Paranoia davon. Ich kenne jemanden, der konnte auf Crack nicht mehr reden. Ein anderer hat sich an die Wand gepresst und ist so 26 Stockwerke runter gegangen. Bei mir war es anders: Egal ob ich Kokain durch die Nase gezogen oder es als Crack geraucht habe, ich war immer aktiv.

Wenn ich jetzt die Kölner Szene beschreibe, dann so, wie sie vor einem Jahr war. Inzwischen bin ich komplett da raus. Das habe ich vor allem meiner Familie zu verdanken, die mich sehr unterstützt. Ich glaube aber nicht, dass sich die Szene in dem einen Jahr groß geändert hat.

Auf dem Neumarkt wird das meiste Geld verdient. Da ist es richtig schlimm, da ist die Heroin- und Crackszene. 99 Prozent, die da verkaufen, sind selber Konsumenten. Es gibt auf dem Neumarkt eigentlich keine Hintermänner, die auf Profit aus sind. Da macht eher jeder sein eigenes Ding. Viele kaufen das Kokain in Kalk, in Cafés und Läden an der Kalk-Mülheimer Straße zum Beispiel. Da kostet ein Gramm 45 bis 50 Euro. Auf dem Neumarkt wird es für bis zu 200 Euro weiterverkauft.

Man verteilt seine Nummer, und schon hast du an einem Wochenende zehn neue Kunden.
Ex-Dealer und ehemaliger Kokain-Konsument

Auch ich habe das damals so gemacht: billig gekauft und sehr teuer verkauft. Man muss nur die richtigen Leute kennen. Manchmal habe ich das Kokain auch gestreckt. Ich bin auf Partys gegangen in bestimmte Clubs und habe die Leute da angesprochen. Man verteilt seine Nummer, und schon hast du an einem Wochenende zehn neue Kunden.

In Kalk läuft das so: Vorne an der Straße stehen Araber und greifen die Kunden ab. Und dahinter, in der zweiten Reihe, sind Albaner, die Großdealer, die sich versteckt halten. Sie verkaufen den Arabern das Kokain in kleinen Mengen.

Dann gibt es den Ebertplatz. Da hast du 20 bis 30 Afrikaner, die sind befreundet, halten zusammen. Die verkaufen Gras. Vom Gewinn kaufen sich viele Crack, das sie selber rauchen. Und wenn einer zu viel Minus macht, wird er ausgetauscht, dann kommt der nächste. Wegen fünf Euro Schulden verprügeln die die Leute. Das ist viel aggressiver als auf dem Neumarkt. Da sind die Leute so kaputt, die haben gar keinen Bock, sich zu prügeln.

Kein Geld und keine Droge der Welt ist so geil, dass es sich lohnt, dafür in den Knast zu gehen.
Ex-Dealer und ehemaliger Kokain-Konsument

Im Knast habe ich die ersten drei Wochen fast nur geschlafen. Ich bin nur zum Essen und Duschen aufgestanden. Die Zeit in der Haft war schlimm. Man ist eingeschlossen, kann nichts machen, während draußen alle ihr Leben weiterleben. Meine Mutter hat jeden Tag geweint wegen mir, das war am schlimmsten. In der Haft habe ich gemerkt, dass ich auf dem falschen Weg bin. Heute sage ich: Kein Geld und keine Droge der Welt ist so geil, dass es sich lohnt, dafür in den Knast zu gehen.

Inzwischen arbeite ich als Schlosser. Ich verdiene 2000 Euro im Monat, nicht mehr am Tag. Aber das reicht trotzdem. Ich gehe da jeden Morgen hin und mache meine Arbeit. Ganz normal. Ich versuche, mein Leben in den Griff zu kriegen. Ich hänge nicht mehr mit den alten Leuten rum. Wenn ich die sehe, grüßen die mich, aber ich gehe weiter.

Gesundheitliche Schäden habe ich fast keine – dafür danke ich Gott jeden Tag. Nur meine Zähne habe ich fast alle verloren, weil ich mir beim Abpacken das Kokain in den Mund geschmiert habe. Ich mochte den Geschmack und das Gefühl, wenn der Mund betäubt war.

Meine weiteren Pläne sind: arbeiten, heiraten, meine Therapie machen, keine Drogen mehr nehmen und nicht mehr straffällig werden.

Früher war ich aggressiv, ich habe mich oft geprügelt, bin ausgerastet, wenn mich Leute beleidigt haben. In der Therapie habe ich viel darüber gesprochen. Ich hätte nie gedacht, dass mir das etwas bringt, aber das tut es. Ich kann mich jetzt besser beruhigen. Kürzlich gab es eine Situation, wo ich fast aggressiv wurde. Im letzten Moment habe ich an ein Gespräch mit meinem Therapeuten gedacht. Hätte ich zugeschlagen, wäre ich wieder im Knast gelandet. Aber ich habe es nicht getan.

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