Es geht nicht um zwölf Euro, sondern um die Frage, wem der Dom gehört, findet unser Gastkommentator Oliver Eckert.
Gastkommentar zum Kölner DomFür Heimat zahlt man keinen Eintritt

Blick in den Innenraum des Kölner Doms
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Zwölf Euro. Zwölf Euro soll es künftig kosten, den Kölner Dom zu betreten. Zwölf Euro für den Ort, an dem Kölner seit Generationen beten. Für den Ort, an dem wir Kerzen für unsere Verstorbenen anzünden. Für den Ort, der uns nach Hause kommen lässt, wenn wir nach einer Reise die Türme am Horizont sehen.
Natürlich kostet der Dom Geld. Seine Erhaltung, seine Sicherheit, seine Reinigung. Millionen Menschen besuchen ihn jedes Jahr. Die Kirche verliert Mitglieder, die Einnahmen sinken. Alles richtig. Und trotzdem geht die Debatte am Kern vorbei. Denn die entscheidende Frage lautet nicht, wie man den Dom finanziert, sondern: Was ist der Kölner Dom? Ein Museum, eine Sehenswürdigkeit, eine Touristenattraktion?
Oder das Herz dieser Stadt?
„Nicht einfach eine Kirche“
Hier beginnt mein Unbehagen. Wer den Dom als Sehenswürdigkeit betrachtet, wird Eintritt verlangen. Wer ihn als Touristenmagnet versteht, wird Besucherströme managen. Aber wer ihn als Kirche versteht, denkt anders. Und wer ihn als Kölner versteht, ebenfalls.
Für die meisten Kölner ist der Dom nicht einfach eine Kirche. Er ist Köln. Wer an Köln denkt, denkt an den Dom. Unsere Kathedrale grüßt auf Postkarten, ziert Trikots, schmückt Karnevalsorden und ist Bestandteil vieler Firmenlogos und Vereinswappen dieser Stadt.

Oliver Eckert ist Chief Operating Officer von DuMont und CEO der Kölner Stadt-Anzeiger Medien.
Copyright: DuMont
Der Dom begrüßt jeden, der mit dem Zug über die Hohenzollernbrücke in die Stadt fährt. Er ist Treffpunkt, Orientierungspunkt und Wahrzeichen zugleich. Man verabredet sich „am Dom“. Man zeigt ihn Gästen. Man zeigt ihn seinen Kindern, so wie unsere Eltern ihn uns gezeigt haben. Selbst diejenigen, die seit Jahren keine Kirche mehr von innen gesehen haben, würden niemals sagen: „Der Dom geht mich nichts an.“ Weil er eben nicht nur der Kirche gehört.
Er gehört zur Identität der Stadt. Der Dom ist Eigentum des Domkapitels. Aber Heimat der Kölner. Deshalb trifft mich die Entscheidung nach fast 800 Jahren nun Eintritt zu verlangen nicht zuerst als Katholik: Sie trifft mich als Kölner. Denn wenn selbst der Dombesuch nicht mehr ganz selbstverständlich zu Köln gehört – was dann?
Natürlich betont das Domkapitel, dass Gottesdienstbesucher und Betende auch künftig freien Zugang haben sollen. Das ist ehrenwert. Doch bestand der eigentliche Wert des Doms immer darin, dass niemand fragte, warum man hineingeht. Man musste kein Ticket zeigen. Keine Mitgliedschaft nachweisen. Keine Berechtigung erklären. Niemand kontrollierte, ob man Tourist, Gläubiger oder Suchender war. Die Tür stand offen. Für alle. Genau das machte diesen Ort besonders.
„Teil unseres Alltags“
Jeder Kölner weiß: Der Dom ist mehr als die Zeit zwischen zwei Messen. Man geht hinein, um für einen Moment zur Ruhe zu kommen. Man zündet eine Kerze an. Man setzt sich auf eine Bank. Man schaut nach oben. Man erinnert sich daran, dass es Dinge gibt, die größer sind als man selbst. Das lässt sich nicht in die Kategorien „Tourist“ oder „Betender“ pressen.
Der Dom ist Teil unseres Alltags. Teil unserer Biografie. Teil unserer Heimat. Für eine Sehenswürdigkeit kauft man ein Ticket. Für Heimat nicht. Genau deshalb fühlt sich die Vorstellung eines Eintrittspreises für viele Kölner so fremd an. Weil man für Heimat keinen Eintritt bezahlt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg fragten viele heimkehrende Kriegsgefangene als Erstes: „Steht der Dom noch?“ Nicht: Steht das Rathaus noch? Steht der Hauptbahnhof noch? Sondern: „Steht der Dom noch?“ Weil diese Frage in Wahrheit eine viel größere war: Steht unser Köln noch?
Vielleicht braucht der Dom neue Einnahmen. Darüber kann man reden. Vielleicht ist ein Beitrag von Touristen sogar sinnvoll. Auch darüber kann man reden. Aber man sollte nicht so tun, als ginge es nur um zwölf Euro, weil es vielmehr darum geht, ob der bedeutendste Ort Kölns künftig nach derselben Logik funktioniert wie ein Museum.
„Kirche verliert ihre offene Tür“
Der Dom wurde von der Kirche errichtet. Groß geworden ist er aber durch die Liebe der Kölner zu ihrem Dom. Generation für Generation. Er wurde gebaut, um Menschen zusammenzuführen. Acht Jahrhunderte lang war die Botschaft einfach: Komm herein.
Ab 1. Juli kommt es darauf an, wer du bist und warum du kommst.
Wir sollten uns nichts vormachen, damit verändert sich etwas: Der Dom verliert ein Stück seiner Selbstverständlichkeit und Köln damit etwas von seiner Identität.
Köln verliert einen Ort, der immer allen gehörte. Und die Kirche verliert etwas von dem, was sie über Jahrhunderte stark gemacht hat: ihre offene Tür.
Oliver Eckert ist Chief Operating Officer von DuMont und CEO der Kölner Stadt-Anzeiger Medien. Er ist in Köln geboren.