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Gewalt im GefängnisBedroht, erpresst und geschlagen

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Blick in den Gefangenentrakt der Jugendvollzugsanstalt Geldern.

Köln – Hermann H. und seine drei Mitgefangenen spielen am Morgen des 11. November 2006 Karten. Es ist das erste Wochenende, das die vier jungen Männer zusammen in Zelle 104 der JVA Siegburg verbringen. Der 20-jährige Hermann H. ist ein Kleinkrimineller, er hat Schnaps und Zigaretten gestohlen. Ein Gericht hatte ihn zu 80 Sozialstunden in einem Krankenhaus verurteilt. Hermann H. tauchte nach drei Tagen nicht mehr auf und kam ins Gefängnis – in eine Zelle mit den drei Intensivtätern Pascal I. (19), Ralf A. (20) und Danny K. (18).

Am Morgen spielten sie zusammen Karten, am Abend war Hermann H. tot. Pascal I., Ralf A. und Danny K. verprügelten und missbrauchten ihn zwölf Stunden lang. Sie zwangen ihn, Erbrochenes und Urin zu trinken, vergewaltigten ihn mit einem abgebrochenen Besenstiel, schlugen ihn halb tot. Am Ende der Folterorgie zwangen sie Hermann H., sich aufzuhängen. In der Vernehmung sagten sie später, dass sie jemanden sterben sehen wollten.

Hermann H.s Tod und die JVA Siegburg standen damals symbolisch für die Gewalt in deutschen Gefängnissen, die zum Alltag der Häftlinge gehört. Auch fast sieben Jahre später ist Gewalt ein großes Problem in deutschen Gefängnissen – vor allem unter Jugendlichen.

Der Kriminologe Frank Neubacher von der Kölner Universität kommt in seiner aktuellen Studie „Gewalt und Suizid im Jugendstrafvollzug“ zu dem Ergebnis, dass jeder zweite jugendliche Strafgefangene in den drei Monaten vor der Befragung einen anderen Häftling verletzt hat oder selbst Opfer von Gewalt wurde. Für die Untersuchung interviewten Neubacher und seine Kollegen 883 Gefangenen in den nordrhein-westfälischen Justizvollzugsanstalten Heinsberg, Herford und in Ichtershausen (Thüringen). Nur 23 Prozent der Befragten gaben an, keinerlei Gewalterfahrungen im Gefängnis gemacht zu haben. Knapp die Hälfte aller Befragten wurde Opfer körperlicher Gewalt. Doch es geht nicht nur um Schläge oder Tritte. Es sind mehr als 70 Prozent, die sagen, bedroht, erpresst oder genötigt worden zu sein.

Wissenschaftler spricht von "Klima der Gewalt"

„Gewalt ist im Jugendvollzug eine alltägliche Erscheinung und Erfahrung“, fasst Neubacher die Ergebnisse seiner Arbeit zusammen. Alle seien betroffen — egal ob als Täter, Opfer oder Zeugen. Der Wissenschaftler spricht von einem „Klima der Gewalt“ in den Haftanstalten, denen sich selbst eigentlich friedfertige Gefangene kaum entziehen könnten. Ein Häftling beschreibt das in einem Interview so: „Eine gewisse Gewaltbereitschaft muss auch da sein. Ich wurde mal wirklich in die Ecke gezwungen. Das war bei der Arbeit. Da musste ich schnell reagieren und habe denjenigen dann in den Solar Plexus und in die Rippen getreten, als er schon am Boden lag. Das Problem hat sich dann von selbst geklärt. Dann war Ruhe.“

Die Leiterin der JVA Heinsberg, Ingrid Lambertz, hält die Ergebnisse der Studie für reichlich überzogen. Seit Siegburg seien ihre Mitarbeiter äußerst sensibilisiert. „Sobald es auch nur ansatzweise zu Gewalt kommt, ergreifen wir Gegenmaßnahmen.“ Man spreche mit Opfern und Tätern, sobald es eine Prügelei gebe. „Und Prügeleien gibt es natürlich, das ist wie auf dem Schulhof“, sagt Lambertz. Die jugendlichen Häftlinge seien bis auf wenige Ausnahmen in Einzelzellen untergebracht — so wie es das Gesetz seit 2008 vorschreibt. Die Anstaltsleiterin sagt, in der JVA Heinsberg gebe es ein „weitumspannendes Programm“ gegen Gewalt. „Dazu gehören Anti-Aggressions-Trainings oder Wohngruppen für Gewalttäter, die von einem festen Stamm von Mitarbeitern intensiv betreut werden.“ Kriminologe Neubacher meint: „Man kann natürlich auch nicht sagen, dass alles im Jugendstrafvollzug schiefgeht. Unsere Ergebnisse bieten allerdings auch keinen Anlass, sich zurückzulehnen. Exzesse wie 2006 in Siegburg können jederzeit wieder passieren.“ Zumal die Dunkelziffer hoch sei, was auch Gefängnisdirektorin Ingrid Lambertz einräumen muss: „Das gebe ich zu.“

Die meisten Fälle bleiben unentdeckt, meistens sind aber auch keine schwerwiegenden Verletzungen die Folge. Vieles läuft subtil ab, das Wachpersonal bekommt oft nichts mit. Und das ist ein wichtiger Aspekt.

Gefangene haben sich seit Jahrzehnten auf einen Code verständigt: Was im Knast passiert, bleibt auch dort. Drei blaue tätowierte Punkte zwischen Daumen und Zeigefinger vieler Häftlinge stehen für den Ehrenkodex: Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Die Häftlinge erstatten keine Anzeigen, um nicht als „Zinker“, als Verräter, da zu stehen. Aus Angst vor weiteren Übergriffen. Die Kölner Studie macht ein weiteres Dilemma deutlich: Die Gefangenen sollen in der Haft lernen, gewaltfrei durchs Leben zu kommen. Und werden doch fast täglich mit Gewalt konfrontiert.