Der „vielleicht wichtigste Experte und Verfechter“ der surrealistischen Bewegung ist im August gestorben. Ein Nachruf.
Nachruf auf Kölner KünstlerHeribert Becker – Welten zwischen Herkunftsmilieu und Geisteshaltung

Heribert Becker (links) mit seiner Lebensgefährtin Edith Huber an Silvester 1997
Copyright: Becker
Was ist Poesie? Sie „heilt alle Wunden, die der Verstand schlägt“, befand Novalis. Ganz im Sinne von Heribert Becker, für den Poesie der „Inbegriff jeder Art grenzüberschreitender, auf die Ganzheit von Mensch und Wirklichkeit gerichteter Geistestätigkeit“ war. Diese Ganzheit sah er vom „rationalistischen Weltverständnis“ zerstört. Wie die Surrealisten hielt Becker dagegen das Traumhafte, Fantastische und Widersinnige hoch. Als Publizist und Übersetzer von Werken dieser Prägung wurde er zu einem herausragenden Vertreter des Surrealismus in Deutschland.
Vor einem Jahr, am 19. August 2025, starb Becker im Alter von 83 Jahren. Der Künstler Peter Schneider-Rabel, der mit ihm befreundet war, schrieb: „Die surrealistische Bewegung hat hier in ihrem Niemandsland vielleicht ihren wichtigsten Experten und Verfechter verloren.“
Der Kinderglauben ging verloren
Welten liegen zwischen Beckers Herkunftsmilieu und seiner Geisteshaltung. Vater Josef arbeitete als Brennermeister in einer Schnapsbrennerei in Bergisch Neukirchen, Mutter Anna war Hausfrau. Die Familie lebte zwar in einem eigenen Häuschen, die Verhältnisse seien aber „ärmlich“ und patriarchalisch gewesen. „Der Vater hatte, wie es damals häufig war, das Sagen im Haus.“
Bei heftigen Gewittern betete die Mutter mit ihren Söhnen den Rosenkranz. Heribert und Wilfried Becker verloren später den Kinderglauben, sprachen zu Hause aber nie darüber – aus Rücksicht auf die Mutter. In einem Interview von 1989 sagte Heribert Becker, die Leistungs- und Konsumgesellschaft biete dem Verlangen nach Poesie und Freiheit nur „vulgäre Ersatzbefriedigungen“ an: christlichen „Krempel“, Sekten-Mystizismus und „pseudo-okkulten Hokuspokus“. Die Mutter habe kein einziges Buch ihres Sohnes gelesen, sagt Wilfried Becker, „sonst hätte sie es vielleicht entdeckt“.
Lehrer und Autor
Nach dem Landrat-Lukas-Gymnasium in Opladen studierte Becker in Köln Theaterwissenschaft, Germanistik und Romanistik, zeitweilig auch Kunstgeschichte, Philosophie und Völkerkunde. 1968 begeisterte er sich bei einem Sprachkurs in Lyon für die französische Studentenrevolte. Er wechselte nach Nancy und setzte sein Studium später in Paris fort.
Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Deutschlehrer. Ohne seine Dissertation über den Dramatiker Fernando Arrabal beendet zu haben, kehrte er 1973 ins Rheinland zurück. Einige Jahre lebte er in Hürth und unterrichtete an Gymnasien im Kölner Umland. Zugleich schrieb er Radiofeatures und Zeitschriftenbeiträge, übersetzte Lyrik und Prosa vorwiegend aus dem Französischen und gab Anthologien heraus. Zunehmend spezialisierte er sich auf den Surrealismus, in dessen „revoltierendem Geist“ er sich wiederfand.
Becker und Huber führten ein „surrealistisches Leben“
Ende 1977 lernte Becker Edith Huber kennen. Bis zu ihrem frühen Tod 2011 blieben sie zusammen; seit 1979 lebten sie in Sülz. Heiraten wollten sie nicht. Edith Huber hatte Flöte studiert, wegen Prüfungsangst aber kein Examen gemacht und unterrichtete später an einer Musikschule. „Ich kenne wenige Menschen, die so seelenverwandt wären“, sagt ihre Schwester Cornelia Cölln. Das Paar habe ein „surrealistisches Leben geführt“ und „ihr eigenes Ding gemacht“.
Weil Edith Huber gesundheitlich angeschlagen war, unternahm Becker große Reisen allein, unter anderem nach Kenia, Mexiko und Ozeanien. Gemeinsam reisten sie immer wieder nach Paris, dem Becker lebenslang verbunden blieb. Von dort und anderen Reisen brachte er Gemälde, Grafiken, Skulpturen und Bücher mit. So entstanden eine Kunstsammlung und eine große Bibliothek.
Becker widmete sich vor allem dem Übersetzen
1942 geboren, war Becker von den Schrecken der Nazizeit geprägt. Zusammen mit den Surrealisten sah er eine „Kultur des Todes“ und eine „alles durchdringende Destruktivität“ am Werk – Folgen einer auf empirisch-positistisches Denken reduzierten Vernunft, die den Menschen zerstückele und ihm entfremde.
Dagegen stellte Becker die Poesie: „Poesie ist Subversion, ist Exzess, ist etwas, das den Menschen öffnet und weitet, damit er alles und damit erst er selbst sein kann.“ Zeitweise schrieb er selbst Lyrik und fertigte Zeichnungen und Collagen an. 1978 und 1993 war er an Ausstellungen im Kunstmuseum Bochum beteiligt.
Vor allem übersetzte Becker. Er übertrug Werke von Jacques Prévert, Benjamin Péret, André Breton und Michel Leiris aus dem Französischen. Gemeinsam mit dem irakischen Schriftsteller und Verleger Khalid Al-Maaly übertrug er außerdem Lyrik und Prosa aus dem Arabischen – obwohl Becker die Sprache nicht beherrschte.
Abnehmer für seine Projekte zu finden, war nicht leicht. „Meist ist es fast mehr Arbeit, ein Buch durchzusetzen, als es zu übersetzen“, sagte er 2014 der „Kölnischen Rundschau“. Einmal habe es 15 Jahre gedauert, einen Verleger zu finden, der ein Übersetzungshonorar zahlen wollte. „Man muss schon bescheuert sein, um diesen Job zu machen. Oder ein Fanatiker.“
„Nie eine gute Beziehung zu Geld“
Sein größter Erfolg war die Anthologie „Das surrealistische Gedicht“, die Becker 1985 gemeinsam mit Petr Král und Édouard Jaguer veröffentlichte. Das rot in Leinen gebundene Buch erlebte zwei überarbeitete Neuauflagen und wurde als „Unikum unter den Büchern“ und „Schmuckstück voll der tollsten Unsinnigkeiten“ gefeiert.
Andere Titel floppten. „Es waren zum Teil minimale Auflagen, die nicht viel einbrachten“, sagt Schwägerin Cornelia Cölln. Geld gab Becker vorzugsweise für Skulpturen und Bilder aus. „Er hatte nie eine gute Beziehung zu Geld, seine zeitraubende Arbeit hat ihm keine Reichtümer gebracht“, sagt sein Bruder. Mit Krimiübersetzungen hätte sich mehr verdienen lassen, aber „das war ihm zu doof“, so Cölln.
Die Leidenschaft für surreale Welten schloss sein Interesse an Fußball nicht aus. Als Jugendlicher spielte Becker beim SSV Lützenkirchen und kurz in der Reservemannschaft von Bayer 04 Leverkusen. Dem Werksclub blieb er lebenslang treu. Er und Edith Huber seien zwar keine „Gesellschaftstypen“, aber „bodenständige Familienmenschen“ gewesen, sagt Cölln.
Becker arbeitete auch im Theo-Burauen-Haus weiter
Nach Edith Hubers Tod bezog Becker eine kleinere Wohnung im selben Mietshaus. 2016 erkrankte er an Krebs, erholte sich aber. Nach einem schweren Sturz im April 2022 zog er ins Theo-Burauen-Haus in Ehrenfeld. An seinem großen Schreibtisch arbeitete er weiter.
Ein Buch über Joan Mirós Gouachen „Constellations“, ergänzt um Texte von André Breton, wollte er noch verwirklichen. „Es bleibt ein unerfülltes Vermächtnis, das nur als digitale Datei auf seinem Computer existiert“, schreibt Peter Schneider-Rabel.
Was ist Poesie? Für die Traueranzeige im „Kölner Stadt-Anzeiger“ wählte die Familie Zeilen von Hans Arp: „Eine Rose in einem Ei. Eine Träne in einem Kiesel […]. Ein Leben auf Türmen aus Traum / auf Bergen aus Gischt.“