„Schlag ins Gesicht“Knapp 700 Klinikbeschäftigte streiken in Köln für mehr Lohn

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Menschen in Warnwesten und mit Protestschildern vor einem Krankenhausgebäude

Hunderte Angestellte in Pflegeberufen beteiligten sich am Mittwoch am Warnstreik vor dem Krankenhaus Merheim.

Pflegekräfte aus Köln und der Region folgten erneut dem Aufruf von Verdi. Sie schließen einen „unbefristete Erzwingungsstreik“ nicht aus.

Reisebusse mit allein mehr als 100 Angestellten der LVR-Kliniken aus Bonn, rund 70 Beschäftigte der Einrichtungen der Sozialbetriebe Köln (SBK) sowie zahlreiche Menschen der Kliniken in Leverkusen und anderer Städte der Region kamen am Mittwoch nach Köln.

Gemeinsam mit den Beschäftigten der Kliniken der Stadt Köln aus Riehl, Holweide und Merheim versammelten sich knapp 700 Personen verschiedenster Alters- und Berufsgruppen aus dem Gesundheitswesen am Mittwochmittag vor dem Haupteingang des dortigen Krankenhauses an der Ostmerheimer Straße.

Streik in Köln: „Gesundheit ist Gold wert - und wir sind es auch“

Die Gewerkschaft Verdi hatte erneut zum Warnstreik aufgerufen, die Pflegekräfte aus Psychiatrie, Seniorenheimen sowie Kliniken folgten dem einige Wochen nach dem ersten Warnstreik erneut und legten, wie in Köln, auch in vielen anderen Städten in NRW und ganz Deutschland ihre Arbeit nieder. Verpackt in goldfarbene Rettungsfolie, die auch aus vielen Fenstern der Gebäude hingen, spiegelten die Menschen vor dem Krankenhaus in Merheim symbolisch das Motto ihres Protests wider: „Gesundheit ist Gold wert - und wir sind es auch.“

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Zusätzlich mit Trillerpfeifen, Schriftbannern und Redebeiträgen untermauerten die Gewerkschaftsmitglieder ihre Forderungen. Zehneinhalb Prozent mehr Lohn bei einer Laufzeit von zwölf Monaten, mindestens aber 500 Euro monatlich mehr sowie ein Plus von 200 Euro für Auszubildende.

Verdi-Warnstreik in Köln: Erstes Angebot „unverschämt“

Im Rahmen der Tarifrunde Bund und Kommunen war nach der zweiten Verhandlungsrunde Ende Februar das erste Angebot der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) mit insgesamt fünf Prozent mehr Lohn in zwei Stufen, gestreckt auf eine Laufzeit von 27 Monaten, als „Schlag ins Gesicht der Arbeitnehmer“ beurteilt worden, wie es Robin Orlando, Gewerkschaftssekretär der Verdi in Köln, auf der vor Ort aufgebauten Bühne ausdrückte.

Nach dem Wunsch der Arbeitgeber soll es zudem für Beschäftigte in den Kliniken und Pflegeeinrichtungen eine Sonderregelung geben, wonach sie unter bestimmten Voraussetzungen auf bis zu sechs Prozent Lohn verzichten sollen. „Dies sogenannte Angebot der Arbeitgeber ist an Respektlosigkeit kaum zu überbieten“, führte Orlando aus. Für Menschen mit geringem und mittlerem Einkommen würde das Reallohnverluste trotz Lohnerhöhung bedeuten.

Viele Bewohner haben uns dazu ermutigt – denn sie erleben selbst, wie sich schlecht bezahlte Jobs auf die Arbeitsqualität und ihre Versorgung auswirken kann.
Klaus Keller, SBK

„Das ist unverschämt“, betonte am Mittwoch auch Klaus Keller, der mit seinen Kolleginnen und Kolleginnen der SBK gekommen war. „Wir haben es uns gerade auch bei uns in der Altenpflege nicht leicht gemacht“, so der 57-Jährige weiter, „aber viele Bewohnerinnen und Bewohner haben uns sogar dazu ermutigt – denn sie erleben ja selbst, wie sich schlecht bezahlte Jobs auf die Arbeitsqualität und ihre Versorgung auswirken kann.“

Die Beschäftigten im Gesundheitswesen seien während der Pandemie beklatscht und bejubelt worden, zum Dank dafür solle ihnen jetzt der Lohn gekürzt werden können, wenn es einem Betrieb wirtschaftlich schlecht geht, stellte Robin Orlando unter lautem Jubel der Zustimmung am Mittwoch fest.

Verdi-Sekretär fordert Positionierung der Geschäftsführungen

„Es kann nicht sein, dass auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird, was bei der Finanzierung des Gesundheitswesens schiefläuft – dafür ist eine politische Lösung notwendig, denn der Personalmangel in der Pflege eskaliert bundesweit“, so der Verdi-Sekretär. Pflegekräfte, Ärztinnen, Therapeuten, Notfallsanitäterinnen, Reinigungskräfte und Laborassistenten sowie alle anderen dazugehörigen Berufsgruppen trügen dazu bei, dass das Gesundheitssystem funktioniere.

„Den Beschäftigten der Kliniken der Stadt Köln wird jeden Tag erzählt, wie schlecht es den Kliniken wirtschaftlich geht“, sagte Orlando. „Aber unsere Geschäftsführung vermeidet jegliche Stellungnahme zu unseren Tarifforderungen und verliert kein Wort zu der Dreistigkeit ihres Arbeitgeberverbandes.“ Die Geschäftsführungen seien aufgefordert, sich endlich zu positionieren, hieß es in Merheim weiter.

Mit den Warnstreiks wollen die Verdi-Beschäftigten vor der dritten Verhandlungsrunde im öffentlichen Dienst vom 27. bis 29. März den Druck auf die Arbeitgeber von Bund und Kommunen erhöhen. „Sofern diese Runde erneut scheitere“, war am Mittwoch vor Ort vielfach zu hören, sei der „unbefristete Erzwingungsstreik“ unter den Belegschaften durchaus ernsthaft im Gespräch.

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