AnalyseWas spricht gegen „Sommerkarneval“ in Köln?

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Karneval

In den Brauchtumszonen gilt 2G+.

Köln – Nach dem Dreikönigstag am 6. Januar geht es los. Die am 11. November offiziell eröffnete Karnevalssession nimmt Fahrt auf. Üblicherweise. In diesem wie im vergangenen Jahr nicht mit dem Tempo eines Hochgeschwindigkeitszuges, sondern eher mit Bobbycar-Antrieb. Weil immer noch das Coronavirus die Richtung vorgibt. Warum also nicht am Fahrplan schrauben und die Session etwas elastischer gestalten und den Rosenmontagszug in den Sommer verlegen? So wie es die Düsseldorfer Karnevalisten planen. Es gibt etliche Gründe, warum das keine Option ist.

Es mag wie eine pfiffige Idee klingen, ist aber tatsächlich ein Punkt, der noch nicht einmal auf den Fragenzettel gehört. Allein das Wort gehört in die Kategorie „Schwarzer Schimmel“. Es gibt keinen Sinn, kann gar nicht funktionieren. Wer das anders sieht, verdrängt, wo die Ursprünge liegen. Der Anfang und das Ende des Karnevals hängen unmittelbar mit dem Osterfest zusammen. Das ist ein bewegliches Fest, daher ist auch die Karnevalssession mal kürzer, mal länger. Sie endet ganz klar am Aschermittwoch. Im Sommer kann man zu kölscher Musik feiern. Das ist etwas anderes, Karneval ist es definitiv nicht.

Wie erklärt sich diese enge Verbindung zwischen Karneval und Kirche?

Beim Konzil von Nicäa im Jahr 325 wurde festgelegt, dass Ostern künftig am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond gefeiert werden soll. Damit liegt der Ostertag zwischen dem 21. März und dem 18. April, daraus wiederum lässt sich die vorgelagerte 40-tägige Fastenzeit berechnen. Der Begriff „Fastnacht“ oder „Fastelovend“ erlaubte es den Gläubigen, vor der Fastenzeit noch einmal ausgiebig zu essen und zu trinken und fröhlich zu feiern. Das galt ursprünglich nur für einen Abend. Nach und nach dehnten die Menschen die Zeit vor dem Fasten immer mehr aus.

Neben üppig mit Essen und Getränken bestückten Tafeln kam Musik und Tanz dazu. Es gab Fastnachtsspiele, bei denen sich die Leute verkleideten und maskierten. Das christliche Fundament des Brauchtumsfest Karneval zeigt sich bereits am 11. November. Das Datum verbinden viele mittlerweile mit der Sessionseröffnung, aber in erster Linie ist es der Gedenktag des Hausheiligen der Merowinger, besser bekannt als Heiliger Martin. Am Vortrag, dem 10. November, wurde gemeinsam gegessen, getrunken und gefeiert. Die Martinsmärkte hatten zum letzten Mal geöffnet und es wurde eingekauft, was für den Winter eingekocht, eingeweckt oder gelagert werden musste.

„Alles hät sing Zick“

Von einer Verschiebung des Rosenmontagszuges in den Sommer hält Stadt- und Domdechant Robert Kleine nichts. In einem Interview mit dem „Domradio“ erteilte er derartigen Ideen eine deutliche Absage. Vor allem, weil er dem Karneval sehr zugetan ist. Er ist unter anderem der „Feldhillije“ im Traditionskorps „Altstädter von 1922“. „Ich bin da ganz klar einer Meinung mit dem Festkomitee-Präsidenten Christoph Kuckelkorn: Alles hat seine Zeit. Das ist ja auch das Karnevalsmotto in diesem Jahr.“ FK-Präsident Kuckelkorn unterstreicht: „Wenn der Karneval ganzjährig gefeiert würde, würde er völlig beliebig und seine Bedeutung für die Menschen schnell verlieren.“

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Das Motto „Alles hät sing Zick“ deutet auch auf die Vergänglichkeit des Karnevals hin. Es geht auf ein Zitat aus dem Alten Testament zurück. Im Buch Kohelet heißt es in Kapitel 3: „Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit … eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz.“ Das erinnert tatsächlich an Karneval. Er ist ein Schwellenfest zwischen Lebensfreude und Entsagung, zwischen „Carpe diem“ (nutze den Tag) und „Memento mori“ (sei dir der Sterblichkeit bewusst). Er muss zeitlich begrenzt sein. Unbeschwert feiern, Grenzen austesten, maßvoll über die Stränge schlagen - das funktioniert nur in dem Wissen, an einem festen, allgemein verbindlichen Zeitpunkt problemlos wieder in seinen Alltag zurückkehren zu können.

Warum interessiert das Thema die UNESCO?

Der Kölner Karneval ist ein bedeutendes Aushängeschild der Stadt. Eins, das weit über Köln und das Rheinland strahlt. Manches funktioniert nur mit starken Partnern. Seit 2014 ist der Rheinische Karneval mit Köln, Aachen, Bonn und Düsseldorf als immaterielles Kulturerbe in Deutschland im bundesweiten Verzeichnis eingetragen. Gemeinsam mit der schwäbisch-alemannischen Fastnacht bewirbt sich der rheinische Karneval aktuell bei der UNESCO um die Anerkennung als immaterielles Weltkulturerbe. Um diesen Status als schützenswertes Kulturgut zu erhalten beziehungsweise zu festigen, ist es wichtig, nicht an den Eckpfeilern des überlieferten Brauchtums zu rütteln. „Die Verschiebung von Karnevalsaktivitäten gefährdet unsere Bewerbung, da das zu schützende Brauchtum inhaltlich und zeitlich exakt definiert ist“, sagt Christoph Kuckelkorn und kritisiert damit deutlich den Düsseldorfer Alleingang mit der angekündigten Verschiebung des Rosenmontagszuges auf den 29. Mai.

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