Ihren Durchbruch hatte die Kölnerin 1956 – zwei Jahre später eckte sie an und brach in Teilen mit dem offiziellen Karneval.
„Gangsterbraut vom Eigelstein“Wie Trude Herr die Kölner Karnevalsszene herausforderte

Die deutsche Schauspielerin, Schlagersängerin und spätere Theaterdirektorin Trude Herr in einer Rolle als Bardame, Anfang 1970er Jahre (Archiv)
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„Karneval ist eigentlich Ihre große Zeit.“ Was hat sich der junge Moderator Günther Jauch nur dabei gedacht, das Gespräch mit der Kölner Volksschauspielerin Trude Herr in der ZDF-Show „Na siehste“ mit dem Thema Karneval zu eröffnen. Gut, es ist der 17. Februar 1988, zwei Tage nach Rosenmontag. Aber Trude Herr und Karneval? Die Angesprochene kontert auch sofort. „Neeein, doch seit 1960 nicht mehr. Hofnarren haben im Karneval keine Freiheit mehr.“ Jauch legt nach. „Sie waren auch immer frech. Das nehmen die einem übel, oder?“ Trude Herr: „Ja, das dürfen die nur selber, ein anderer darf das nicht.“
Herr und die Karnevalsfunktionäre waren in unterschiedlichen Galaxien unterwegs
In der Tat glichen die Karnevalsfunktionäre und Trude Herr zwei Raumschiffen, die Ende der 1950er Jahre in unterschiedlichen Galaxien unterwegs waren. Hier die Traditionalisten und Brauchtumsverweser, da eine Büttenrednerin, die nicht recht ins Bild passte. Ohnehin gar nicht in die Bütt wollte, sondern daneben. Weil „sonst die halbe Figur weg“ wäre. 1954 stellte sich die 27-Jährige den Programmgestaltern der Karnevalssitzungen als „Wunderkind“ vor. Das war ein unbedarftes, pummeliges, kölsches Mädchen, das seine Erlebnisse als Nachwuchsfilmstar erzählte.
Es gab vor, alle Stars zwischen Hollywood und Venedig persönlich zu kennen. Die Rede basierte auf einer raffinierten Naivität, die leicht Anrüchiges verdeckte. So behauptete das Filmsternchen, es habe die Filmgesellschaft gebeten, den Titel „Die Jungfrau von Orléans“ in „Das Mädchen von Orléans“ zu ändern. Die Leute zu Hause im Vringsveedel würden sonst dumme Bemerkungen machen. Die Humorprofis waren skeptisch, es gab für die Session 1955 dennoch Engagements für die Neue. Das Publikum war begeistert über die frisch-freche Art und den ebenso komischen wie gesellschaftskritischen Vortrag.
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Trude Herr
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Wer von den Offiziellen in Bezug auf Trude Herr insgeheim auf ein „One-Hit-Wonder“ gehofft hatte, wurde vor 70 Jahren eines Besseren belehrt. 1956 trat sie als „Besatzungskind“ auf und gewann den ersten Platz im „Wettbewerb der rheinischen Nachwuchskarnevalisten“ des WDR. Es war ihr Durchbruch. Dabei hatte sie ein schwieriges und ernstes Thema aus der Nachkriegszeit aufgegriffen. Als Besatzungskinder wurden die Mädchen und Jungen bezeichnet, die aus den Verbindungen deutscher Frauen mit Besatzungssoldaten hervorgegangen waren.
Bloß kein „Kommt eine Frau zum Arzt“-Humor
Die Rednerin spitzte das Thema zu, indem sie mit schwarz angemaltem Gesicht auftrat und behauptete, dass sie so aussehe, weil ihre Mutter zu viel amerikanische Schokolade gegessen habe. „An minge Vatter kann ich mich nur janz dunkel erinnere.“ Das war so ganz anders als die Witze der Marke „Kommt eine Frau zum Arzt“. Fast noch exotischer schien der Wunsch der Künstlerin, neben der Rede auch ein Lied zu singen. Über das „Dat jiit et nit en Kölle, entweder mer maache en Red oder mer maache Jesang“ setzte sie sich hinweg. Der Liedtext war nicht komisch, sondern ging sehr zu Herzen.
An einer Stelle heißt es: „Un ben ich och e schwaz Jeblöt, ich han trotzdem e kölsch Jemöt.“ Das Publikum kreischte vor Vergnügen. Auch als das Besatzungskind von den Gemeinheiten der anderen Kinder berichtete: „Kumm ens her, do verbrannt Marizebell. Mer han e jroß schwaz Dier op dr Kellertrepp, dat welle mer met dir verschreck maache.“ Fazit: Die Leute im Saal liebten den neuen Stern am Karnevalshimmel, die Offiziellen nicht immer.

Maxi Trude Herr sorgt 1961 für Stimmung.
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Das blieb auch so. Trude Herr präsentierte jede Session neue Typen und neue Büttenreden. Mal als beleibtes Rotkäppchen, mal als „Madame Wirtschaftswunder“, mal als „Gangsterbraut vom Eigelstein“. Im Laufe der Jahre wurde sie in ihren Reden immer frecher, manche Zeitgenossen sagen aggressiver. 1958 spitzte sich das Ganze zu. Trude Herr kündigte für die kommende Session eine Rede als „Karnevalspräsidentengattin“ an. Das war nicht gewünscht. Herr kehrte daraufhin den Präsidenten samt Gattinnen den Rücken und trat nicht mehr auf.
Ganz brach sie aber nicht mit dem Karneval. Sie hatte 1964 bei der Prinzenproklamation einen umjubelten Auftritt als „Kölsche Cleopatra“ als sie sich, eingewickelt in einen Teppich, in den Saal tragen und auf der Bühne ausrollen ließ. Das würde wohl auch bei heutigen Proklamationen als progressiv durchgehen. Die verschmähte Rede über die Karnevalspräsidentengattin kramte sie 1980 wieder hervor und verarbeitete sie in der Produktion „Drei Glas Kölsch“ für ihr „Theater im Vringsveedel“ in dem Einakter „Auftakt zur Session“, Untertitel: „Karnevalästerische Klamotteske“. Die Künstlerin lässt zum Schluss die Karnevalspräsidentengattin sagen: „Wahrheit hat mit dem Sitzungskarneval nix zu tun.“
Oder wie es Trude Herr im Gespräch mit Günther Jauch ausdrückte: „Der Sitzungskarneval ist mir zu albern. Diese organisierte Freude, da kann ich nicht drüber lachen.“

