Kurz vor Schluss hatte Verteidiger Carsten Rubarth einen wichtigen Zeugen präsentiert.
Ereignisse überschlagen sichFolter-Video aus Istanbul – Mitwisser will plötzlich nach Köln reisen

Der Angeklagte Onur G. (37) mit seinen Verteidigern Carsten Rubarth (Mitte) und Fin Keith Habermann im Landgericht Köln
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Beim Strafprozess um ein Folter-Video aus einem Hotelzimmer überschlagen sich vor dem Kölner Landgericht die Ereignisse. Wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ erfuhr, will ein von der Verteidigung benannter Tatzeuge aus der Türkei nach Köln reisen und hier vor Gericht aussagen. Zuvor hatte man angenommen, der Mann sei lediglich zu einer Videovernehmung aus Istanbul bereit – und das hätte die laufende Hauptverhandlung aufgrund nötiger Amtshilfe aus der Türkei sogar sprengen können.
Köln: Verteidiger will Inszenierung von Folter-Video beweisen
Verteidiger Carsten Rubarth hatte die Vernehmung des Mannes beantragt, um eine Inszenierung des Videos zu beweisen, dessen Verbreitung zu einer Anklage unter anderem wegen besonders schwerer räuberischer Erpressung und gefährlicher Körperverletzung geführt hatte. Die Aufnahmen zeigen, wie ein Mann unter Waffenvorhalt vermeintlich eine Patrone schluckt. Nach Gewaltanwendung und Todesdrohungen wurden dem Opfer zudem eine goldene Rolex, ein Armband und eine Kette geraubt.
„Alles nur Show“, hatte Anwalt Rubarth verlauten lassen. Die dargestellten Szenen auf dem Video sollten der Genugtuung einer Dame dienen, die der laut Anklage Geschädigte zuvor am Telefon als „Hure“ bezeichnet hatte. Dass es sich um ein Schauspiel gehandelt habe, sollte diese nie erfahren. Überzeugt zeigten sich Staatsanwaltschaft und Gericht von dieser Version nicht. Bereits in der vergangenen Woche sollte ein Urteil fallen – und niemand rechnete wirklich mit einem Freispruch.
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Köln: Möglicher Entlastungszeuge will im Gericht aussagen
Kurz vor Schluss hatte der Verteidiger plötzlich den möglichen Entlastungszeugen präsentiert – er war namentlich zuvor nicht bekannt. Der Mann sei bei der Aufnahme des Videos in dem Istanbuler Hotelzimmer dabei gewesen und könne bestätigen, dass es sich um eine Inszenierung handele. Er wolle die Türkei aber nicht verlassen. Der Staatsanwalt unkte daraufhin, dass eine Videovernehmung aus dem Ausland einen langen Vorlauf brauche und der laufende Prozess daher gefährdet sei.
Der Vorsitzende Richter Christoph Kaufmann äußerte deutlich, dass es nun Maßnahmen brauche, um den Prozess „zu retten“. Dazu gehörten neue Termine, die nun bis Ende April festgesetzt werden sollen. Doch jetzt die Wende: Dem Vernehmen nach hat sich der benannte Zeuge nach einem Telefonat mit Kaufmann nun doch bereit erklärt, nach Köln zu reisen und in Präsenz auszusagen. Er soll bestätigt haben, etwas beitragen zu können. Hören will Kaufmann den Mann an Karnevalsfreitag.
Bestätigt der Zeuge eine Inszenierung, dann kommt es auf dessen Glaubhaftigkeit an. Eine Aussage des Türken gilt als zentrales Beweismittel, nachdem sich der Geschädigte dem Verfahren entzogen hat. Zwar hatte der 27-Jährige sein Erscheinen vor Gericht gegenüber dem zuständigen Staatsanwalt mehrfach angekündigt, sich dann aber nicht mehr gemeldet. Zuvor hatte er noch angegeben, bedroht worden zu sein. Der Mann kann nicht vorgeladen werden; auch er soll sich in der Türkei aufhalten.
Köln: Ehemaliger Rocker saß schon viele Jahre im Gefängnis
Durch den Antrag des Verteidigers war der Vorsitzende Richter unter Zugzwang geraten. Nach einer neuen Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts muss ein Gericht alles tun, um willige Zeugen aus dem Ausland zu hören. Beim Prozess um den getöteten Rocker im Mülheimer Böcking-Park hatte die Schwurgerichtskammer auf einen wichtigen Zeugen verzichtet und angegeben, nur eine Vernehmung in Präsenz sei zielführend. Die Verfassungsrichter sahen das anders und hoben das Mordurteil auf.
Der neu aufgetauchte Zeuge stellt für den mutmaßlichen Haupttäter Onur G. den wohl letzten Strohhalm dar, um einen Freispruch zu erreichen. Ansonsten droht dem Mann eine mehrjährige Haftstrafe. Für das frühere Mitglied der Rockergruppierungen Bandidos und Hells Angels wäre das allerdings keine neue Erfahrung. Schon rund zehn Jahre hat der 37-Jährige im Gefängnis verbracht. So soll er etwa in Bonn den damaligen Freund seiner Schwester mit einem Messer attackiert haben.

