Besuch in einem Keller, in dem es keine Zeit zu geben scheint, eine konstante Temperatur herrscht und die Geräusche der Stadt wie ferne Erinnerungen wirken.
2000 QuadratmeterIn diesem Kölner Weinkeller steht die Zeit still

Links vor dem Eingang in die Winebank steht ein altes Maischefass. Weil Besucherinnen und Besucher es für einen Mülleimer hielt, musste es mit einem Brett abgedichtet werden.
Copyright: Michael Bause
Dieser Keller schluckt die Zeit. Es könnte neun Uhr morgens, 16 Uhr am Nachmittag oder genauso gut auch 23 Uhr in der Nacht sein, alles ist denkbar, und nichts würde einen wundern. Diana Keuser kennt den Effekt. Sie arbeitet in dem alten Gewölbekeller, in dem es kein Tageslicht gibt und immer 16 Grad Celsius herrschen. Er ist das Zuhause der Winebank, wo Weinliebhaber ihre liebsten, besten Flaschen in Tresoren einlagern können.

Winebank-Geschäftsführer Gunnar Oswald an einer der Theken, die es in dem Keller gibt und an denen die Mitglieder zusammenkommen können.
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Der Eingang liegt in der Nähe des Ebertplatzes, nur 200 Meter vom Rhein entfernt, man kann ihn leicht übersehen. Wer ihn aber findet, hinuntersteigt und betreten darf, kommt in ein 2000 Quadratmeter großes Gewölbe aus dem Jahr 1895. Das ließ der Kölner Weinhändler Otto Engels errichten – als Lagerstätte für Weine, die von der Mosel und aus dem Rheingau den Rhein herunterkamen und von Köln aus in die Welt verschifft wurden.
Heute assoziiert jeder Köln automatisch mit Kölsch, dabei war Köln lange Weinstadt. Im Mittelalter, so Gunnar Oswald, Chef der Kölner Winebank, stellte die Stadt den zentralen Knotenpunkt des westeuropäischen Weinhandels dar. „Das wissen ganz viele Menschen nicht“, sagt Oswald. Deutsche Weißweine von der Mosel, aus dem Rheingau oder von der Saar galten international als führend, noch vor dem Burgund.

Eine historische Presse in dem alten Weinkeller
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Otto Engels baute den riesigen Keller ab 1895, unter anderem mit Gewölbebögen aus Beton, die heute noch erhalten sind. Nutzen konnte Engels seinen neuen Riesenkeller selbst indes nicht: Er starb, so rekonstruiert Ulrich Soénius, Direktor des Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchivs, im August 1898 in Godesberg infolge eines Herzschlags. Zum Zeitpunkt des Umzugs, 1899, leiteten seine Witwe Luise und Sohn Paul das Unternehmen. Über eine Winde wurden damals die Fässer in den Keller gewuchtet und dort mittels einer Fässerstraße bewegt: leicht erhöhte Steinführungen, auf denen die schweren Fässer einst durch den Keller gerollt wurden.
Der Krieg zerstörte dann nicht nur das Herrenhaus über dem Keller, sondern auch die Händlerstrukturen, die den deutschen Wein in die Welt gebracht hatten. Der Keller selbst überstand die Bomben, aber er verlor seinen Sinn, lag danach jahrzehntelang brach. In den 1980er Jahren versuchte man, hier wieder einen Weinhandel zu betreiben – vergeblich. Die Luftfeuchtigkeit war zu hoch, Etiketten lösten sich, Ware verdarb.

In den Fächern lagern unterschiedlichste Weine: sehr teure, sehr alte, aber auch günstige. In diesem Fach lagert eine Flasche, die im Ahr-Hochwasser Schaden genommen hat.
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Seit einigen Jahren ist der Keller wieder nutzbar – als geschlossener Weinclub, in dem Mitglieder ihre Flaschen einlagern und den Ort jederzeit aufsuchen können. Möglich ist das nur dank eines ausgeklügelten Klimasystems. „Unser Technikraum sieht aus wie eine U-Boot-Kommandozentrale“, sagt Oswald. Es hält die Temperatur konstant und filtert sehr viel Feuchtigkeit heraus. Ganz entziehen kann man sie dem Uraltgemäuer nicht: Wenn es ganz still ist, hört man dann und wann ein leises Tropfen.

Auch an der Fassade des Hauses ist zu sehen, wie das Haus ursprünglich genutzt wurde.
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Straßenbahngeräusche, Autoverkehr – auch das ist bisweilen zu hören, aber alles scheint wahnsinnig weit weg. Mehr wie eine Erinnerung an die Wuseligkeit, die oberirdisch am und rund um den nahen Ebertplatz herrscht. Die Abgeschiedenheit, die Ruhe, das Gefühl, für die Dauer des Aufenthalts außerhalb von Zeit und Raum zu stehen – das schätzen die Menschen, die hierher kommen.
Einmal, daran erinnert sich Gunnar Oswald, kam ein Sohn mit seinem Vater her. Kein Geburtstag, kein Anlass, einfach so. Die Männer setzten sich in den alten Keller, holten sich Gläser, öffneten eine Flasche Wein und redeten Stunde um Stunde. Im Anschluss sagte der Sohn zu Oswald, dieser Abend sei einer der wertvollsten gewesen, die er je mit seinem Vater verbracht habe.
An einem Ort unter der Erde, an dem Zeit keine Rolle spielt.
