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Kölner Ebertplatz25 Jahre Kampf – jetzt sind drei Zugänge abgeriegelt

7 min
Von dem früheren Zugang zum Ebertplatz ist nichts mehr zu sehen.

Von dem früheren Zugang zum Ebertplatz ist nichts mehr zu sehen.

Jetzt ist es fix: Drei der sechs Zugänge am Ebertplatz sind geschlossen. Was die Menschen vor Ort davon halten.

Es hat am Ebertplatz mal wieder länger gedauert, wie so oft. Dieses Mal trifft es das Verschließen der drei Abgänge auf der Westseite inklusive defekter Rolltreppen. Ende Juni sollten nach rund vier Monaten die Arbeiten beendet sein, jetzt wurde es der 17. Juli.

Und teurer wird es auch: Statt von der Politik bewilligten 175.000 Euro sind es 533.000 Euro geworden, weil die Betondeckel auch für schwere Einsatzfahrzeuge geeignet sein müssen (wir berichteten). Die drei Zugänge führten bislang auf die rund 200 Meter lange, relativ dunkle und unter Straßenniveau liegende Westpassage. Sie waren ein Anlaufpunkt für Drogendealer.

Übersicht über die Zugänge am Ebertplatz

Übersicht über die Zugänge am Ebertplatz

Nun soll der Platz aus den 1970er-Jahren, der ein Umschlagplatz für Drogen ist, sicherer werden. Dafür sind die seit rund 20 Jahren defekten Rolltreppen verschwunden, die Treppen für Fußgänger ebenfalls, darüber liegen neue Betondeckel und Bodenplatten. Nichts ist mehr zu sehen von den früheren Zugängen. Insgesamt gibt es sechs, drei bleiben erhalten.

Deckel darüber und dann erhöht sich die Sicherheit? So hatte es die Verwaltung vorgeschlagen, in der Politik fand sich eine Mehrheit.

Überraschend viel Grün: der Ebertplatz

Überraschend viel Grün: der Ebertplatz

Seit rund 25 Jahren ist der Ebertplatz mit seinen Schwächen und Stärken ein Thema der Stadt, zunächst mit der Frage: Wann wird er umgebaut, wann wird er auf Straßenniveau angehoben?

Und nach zwei Todesfällen in den Jahren 2017 und 2019 und dem darauffolgenden etablierten Interimsprogramm wie sprudelndem Brunnen und Gastronomie änderte sich die Frage: Braucht es überhaupt einen kompletten Umbau, ein Anheben auf Straßenniveau? Oder können nicht Teile erhalten werden? Es geht auch um Geld: Die Stadt lässt sich das Interimsprogramm auf dem Platz über die Jahre viel Geld kosten, will angesichts der Haushaltskrise aber zukünftig sparen.

Während der Bauarbeiten sah es so aus.

Während der Bauarbeiten sah es so aus.

Fritz Schramma, Oberbürgermeister der Stadt von 2000 bis 2009 (CDU), sagt: „Ich habe auch nicht die Lösung für den Ebertplatz, ihn liegen zu lassen, ist aber auch keine Lösung.“

Doch liegen gelassen wurde hier über Jahre vieles, unter anderem die defekten Rolltreppen. Sie zu reparieren, galt irgendwann als zu teuer, man ließ es einfach sein. Stattdessen übergab die Stadt die Treppen 2019 an Künstler, die sie für ihre Zwecke nutzten und umgestalteten.

So sahen die Zugänge vor der Zubetonierung aus.

So sahen die Zugänge vor der Zubetonierung aus.

Für Installation, Reinigung und Reparatur gab sie bis Mitte 2024 insgesamt 124.000 Euro aus. Doch nach und nach vergammelten die Kunstinstallationen, jetzt wurden sie an den drei betroffenen Abgängen sogar entfernt.

Der Arbeitskreis Barrierefrei Köln sagt zu den defekten Rolltreppen: „Es ist ein Unding, dass die Rolltreppen so lange außer Betrieb sind.“ Auch Schramma sagt: „Dass Rolltreppen nicht funktionieren, darf eigentlich nicht sein.“

Eine neue Rolltreppe veranschlagte die Stadt 2018 mit 350.000 Euro. Bei insgesamt sechs Stück wären das 2,1 Millionen Euro. Zu viel angesichts der „kurzen Nutzungsdauer“ (O-Ton Stadt), man dachte ja, der große Umbau komme, 40 Millionen Euro waren mal dafür angedacht. Er kam nicht. Mal wieder. 

Schramma sagt: „Wenn man nicht dranbleibt, birgt das eine Gefahr: Es führt zu Lethargie.“ Und sein Nachfolger Jürgen Roters (2009 bis 2015, SPD) sagt: „Es ist nicht so einfach: Es gibt viele große Investitionen in Köln, die in Konkurrenz zueinanderstehen.“

Der ehemalige OB Jürgen Roters

Der ehemalige OB Jürgen Roters

2009 hatte Roters im Wahlkampf angekündigt, die Empfehlungen des damals frisch vorgelegten Masterplans Innenstadt für den Ebertplatz schnell umsetzen zu wollen, unter anderem ihn auf Straßenniveau anzuheben. Im Masterplan hatte Städteplaner Albert Speer den Platz als „Angstraum“ bezeichnet.

Mit dem Beginn der Arbeiten, so Roters damals, würde die Stadt „ein Signal in die gesamte Bürgerschaft senden – das Signal: Es tut sich was.“ Es tat sich nichts nach Roters Wahl. 

Minister Reul würde ihn einfach zuschütten

Roters sagt: „Der Ebertplatz ist nach wie vor ein problematischer Ort, trotz aller positiver Veränderungen wie etwa der kulturellen Angebote. Uns allen ist trotz aller Bemühungen nicht gelungen, den Ebertplatz neu zu ordnen, sodass die Menschen sich dort wohlfühlen.“

Henriette Reker, parteilose Oberbürgermeisterin von 2015 bis 2025, sagt: „In dieser Stadt ist unglaublich lange zu wenig Geld in die Infrastruktur investiert worden.“ Jetzt ändere sich das, aber es könne nicht alles gleichzeitig gemacht werden. „Der Ebertplatz ist ein Beweis dafür.“ Mittlerweile gilt 2030 als Ziel für den Umbau. NRW-Innenminister Herbert Reul sagte voriges Jahr: „Wenn es nach mir ginge, würde ich den Platz einfach zuschütten.“

Künstler Michael Nowottny

Künstler Michael Nowottny

An guten Tagen, vor allem in der warmen Sommerzeit, wenn die Kinder im Brunnen spielen, die Menschen auf dem Platz die Sonne genießen und in der Gastro etwas trinken, ist es schön am Ebertplatz. Trotz der Straßen und des Lärms um ihn herum. Trotz der Drogendealer, die mehr oder weniger verdeckt dealen.

An anderen Tagen, vor allem, wenn es kälter wird oder dunkel ist, ist es ungastlicher, vor allem in der dunklen Westpassage. Ohne Menschen wirkt der Platz schnell trist, die harte Trinkerszene hat sich dort und am Eigelstein mit all ihren negativen Begleiterscheinungen niedergelassen.

All das ist der Ebertplatz. Weder schwarz noch weiß.

Mesfun Zerbi, Inhaber des Kopierladens Portico in der Westpassage, sagt über die zugesperrten Abgänge: „Der Ebertplatz soll lebendiger werden, nun passiert das Gegenteil.“ Zerbi führt seinen Laden seit fast 20 Jahren, er sagt: „Im Winter werden wir die Wahrheit sehen.“

Samuel Obode

Samuel Obode betreibt das „African Drum“.

Nur wenige Meter weiter hat Künstler Michael Nowottny seine Galerie „Labor“. Er ist laut eigener Aussage „erschüttert“ über die Schließung, bezweifelt die grundsätzliche Herangehensweise. „Statt Räume zu öffnen, wird abgeriegelt. Welcher Geist steckt dahinter? Der Platz wird kaputtdilettiert.“

Um jemanden zu finden, der die gesperrten Zugänge gut findet, muss man dennoch nicht lange suchen: Samuel Obode betreibt seit 2006 die Bar „African Drum“ in der Westpassage, sie befindet sich in der Mitte der drei gesperrten Zugänge. Obode findet die Sperrung „sehr, sehr gut. Seitdem ist es ruhiger, das gefällt mir.“


Die Chronik zum Ebertplatz

2002: Es soll einen Architekten-Wettbewerb zur Neugestaltung des Ebertplatzes geben.

2008: Albert Speer legt den Masterplan für die Innenstadt vor, die Verschönerung des Ebertplatzes gilt darin als kurzfristig umsetzbares Ziel innerhalb von fünf Jahren.

2009: Rot-Grün setzt die Umgestaltung auf seine Prioritätenliste.

2013: Eine Tiefgarage unter dem Platz wird geprüft, der Rat will das so und beauftragt eine Studie.

2017: Vier Jahre später lehnt der Rat die Tiefgarage ab, demnach sind die Kosten für die Miete eines Stellplatzes zu hoch. Ein 22-Jähriger stirbt in diesem Jahr bei einer Messerattacke, der Fall macht bundesweit Schlagzeilen. Die Stadt kündigt den Künstlern in den Räumen der dunklen Westpassage, später widerruft sie die Kündigungen. Der damalige Stadtdirektor Stephan Keller und die Polizei wollen die Westpassage zuschütten lassen, das verhindert der Rat.

2018: Bis zum Umbau soll der Ebertplatz über ein zunächst dreijähriges Zwischennutzungskonzept bespielt werden. Im Winter gibt es eine Eisbahn, im Sommer einen Gastro-Container, der Brunnen sprudelt wieder, der Platz zieht an schönen Tagen viele Menschen an – trotzdem bleibt der Drogenverkauf ein Thema.

Von dem früheren Zugang zum Ebertplatz ist nichts mehr zu sehen.

Von dem früheren Zugang zum Ebertplatz ist nichts mehr zu sehen.

2019: Ein 25-Jähriger stirbt bei einer Gewalttat auf dem Ebertplatz. Im selben Jahr gestalten Künstlerinnen und Künstler die defekten Rolltreppen um, beispielsweise zu einer Rutsche.

2021: Der Rat beschließt, zwei Varianten für den Ebertplatz zu planen. Wenn sie vorliegen, will das Gremium darüber entscheiden, welche er bevorzugt. Variante eins sieht eine ebenerdige Umgestaltung durch Abriss und Verfüllung des bestehenden Platzes vor. Variante zwei „sieht eine Umgestaltung unter Berücksichtigung des Bestands und teilweise eine Sanierung, beziehungsweise Ertüchtigung der bestehenden Bauteile, wie insbesondere der Passage, vor“. Allerdings: Laut Stadt „kann von einer erheblichen Schadstoffbelastung der vorhandenen Bausubstanz ausgegangen werden“.

2022: Das Zwischennutzungskonzept wird um weitere zwei Jahre verlängert, so soll der Platz temporär verändert und belebt werden. Ein Spatenstich vor dem Jahr 2025 gilt zu diesem Zeitpunkt als unrealistisch.

2023: Die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) legen ihren Busfahrerinnen und -fahrern nahe, ab sofort und bis auf Weiteres auf Toilettengänge am Ebertplatz zu verzichten – zu ihrer eigenen Sicherheit. Als Grund nennt die KVB in dem Schreiben die „momentane Situation am Ebertplatz, die durch die Obdachlosen- und Drogenszene dort herrscht“. Und Stadtplanungsamtsleiterin Eva Herr sagt ebenfalls 2023: „Zur Ehrlichkeit gehört aber, einzuräumen, dass sich die Situation auf dem Ebertplatz durch die Zwischennutzung zwar verbessert hat, wir die Probleme, die es dort wie auch in anderen neuralgischen Räumen in Köln gibt, aber nicht in Gänze lösen konnten.“

2024: Architekten und Planer beginnen mit der Planung sowie möglicher Betriebskonzepte für die langfristige Entwicklung am Ebertplatz.

2025: Die Stadt schlägt vor, die drei Abgänge auf die tieferliegende Westpasse zu schließen. Diese bauliche Veränderung soll der Verwahrlosung und dem Drogenhandel entgegenwirken. Die Politik stimmt zu. Innenminister Herbert Reul (CDU) sagt vor Ort: „Der Ebertplatz ist längst bundesweit bekannt als größtes Drogenkaufhaus von NRW. Das kann ich nicht einfach hinnehmen.“

2026: Die drei Zugänge am Sudermanplatz, an der Bäckerei Heinemann sowie an der Ecke Ebertplatz/Neusser Straße werden abgedeckt. (mhe)