- Die Uni Köln und die Sporthochschule beschäftigen sich mit dem Videobeweis, der in der deutschen Fußball-Bundesliga in der Saison 2017/18 eingeführt wurde.
- Für eine belgische Studie wurden 3477 Spiele ausgewertet, in jedem dritten wurde die neue Technik eingesetzt.
- Doch was bringt der Videobeweis? Wo liegen die Chancen, was sind die Grenzen?
Köln – Die rote Karte erhielt FC-Abwehr-Spieler Jorge Meré nach einem groben Foul im Bundesliga-Spiel Köln gegen Hertha BSC Berlin am Sonntagabend – aber erst nachdem der Videoassistent eingegriffen hatte. Eine von zahlreichen Entscheidungen im Rahmen der neuen Regelung, die in Fußballstadien und vor den Bildschirmen für Diskussionen sorgen. Auch an Kölner Hochschulen beschäftigen sich Forscher mit der neuen Technik des Videobeweises, die in der deutschen Fußball-Bundesliga in der Saison 2017/18 eingeführt wurde.
Daniel Memmert, Leiter des Instituts für Trainingswissenschaft und Sportinformatik an der Deutschen Sporthochschule, und Christian Deckenbrock, Akademischer Rat am Institut für Arbeits- und Wirtschaftsrecht der Universität Köln, kommen zu unterschiedlichen Einschätzungen. Memmert hält nichts von Änderungen an der noch jungen Regel. Im Rahmen seiner wissenschaftlichen Arbeit an der Sporthochschule berichtet er über aktuelle Zahlen zum Videobeweis, die der belgische Kollege Werner Helsen jüngst in 20 Fußball-Profiligen weltweit gesammelt hat.
Für die Studie wurden 3477 Spiele ausgewertet, dabei wurde der Videobeweis 1275-mal angewendet, so Memmert. Im Durchschnitt also etwa bei jedem dritten Spiel. 1067-mal hatten Schiedsrichter zuvor falsche Entscheidungen gefällt, in 864 Fällen wurden sie korrigiert. Nicht funktioniert hat die Regelung in 232 Fällen – in jedem 15. Spiel. „Diese Technik macht den Fußball auch ohne den Anspruch darauf, jeden Fehler auszuschließen, deutlich fairer“, sagt der Forscher.
Mehr Akzeptanz für die Technik
Falsch sei es auch, dass der Videobeweis für zu viele Unterbrechungen im Spiel sorge. „Die Studie aus Belgien zeigt, die Top fünf der Zeitfresser auf dem Platz sind Freistoß, Einwurf, Tor, Eckball sowie die Einwechselung“, so Memmert. „Wir brauchen mehr Akzeptanz für die neue Technik, aber ich bin sicher, die verfestigt sich mit der Zeit“, so der Sportpsychologe. „Die Stille, die herrscht, wenn alle auf die Entscheidung nach einem Videobeweis warten – das sorgt doch auch für hochspannende Momente während des Spiels.“

Im Kölner Video-Keller werden Entscheidungen der Schiedsrichter überprüft.
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Auch Deckenbrock begrüßt grundsätzlich die Einführung des Videobeweises: „Die Befürchtung oder Hoffnung – je nach Sichtweise –, dass über Schiedsrichterentscheidungen nicht mehr diskutiert wird, hat sich nach der Einführung des Videobeweises nicht bewahrheitet.“ Im Gegenteil: Seither gebe es um den Begriff der offensichtlichen Fehlentscheidung, die Voraussetzung für einen Eingriff des Video-Schiedsrichters ist, neuen Gesprächsbedarf, sagt Deckenbrock.
Anzahl der groben Fehler hat abgenommen
Gleichzeitig lasse sich nicht leugnen, dass dank des Videobeweises die Anzahl grober Fehler abgenommen habe. Der DFB habe für die vergangene Saison ermittelt, dass 82 von 92 klaren Fehlentscheidungen verhindert wurden. Mithilfe der Regelung könnten also klare Fehlentscheidungen noch vor der Spielfortsetzung korrigiert werden. Der Videobeweis stehe daher nicht im Widerspruch zum sportrechtlich anerkannten „Grundsatz der Unanfechtbarkeit der Tatsachenentscheidung“, so der Wissenschaftler.
Trotzdem empfiehlt der Jurist, der auch Vizepräsident Recht des Deutschen Hockey-Bundes, langjähriger Schiedsrichter in der Hockey-Bundesliga sowie Turnieroffizieller für den internationalen Hockey-Verband ist, beim Fußball strittige Szenen auf Bildschirmen im Stadion zu wiederholen und den Funkverkehr zwischen den Schiedsrichtern offenzulegen. Dies sorge für mehr Transparenz.
Videobeweis gauckelt Objektivität vor
„Dass mit der Einführung des Videobeweises verbundene Mehr an Gerechtigkeit hat aber seine natürlichen Grenzen: Menschliche Fehler lassen sich bei Interpretationsentscheidungen auch mit Hilfe der Technik und Schulungen nicht vollständig vermeiden, zumal bei der Entscheidungsfindung erheblicher Zeitdruck besteht“, sagt Deckenbrock. Der Begriff „Videobeweis“ gaukele eine Objektivität vor, die es nicht gebe. Damit der Videobeweis auch bei Kritikern an Akzeptanz gewinne, bedürfe es mehr Transparenz für die Zuschauer.
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Deckenbrock schlägt vor, das „Challenge“-Prinzip im Hockey auf den Fußball zu übertragen: „Die Fifa könnte die Entscheidung, ob es zur Überprüfung einer Situation kommt, den Mannschaften überantworten.“ Die sollte vom Feldschiedsrichter vorgenommen werden, der Videoassistent sollte sich nur bei „Schwarz-Weiß-Entscheidungen“ von sich aus einmischen.

