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„Chaotisches Verfahren“280 Kölner Kinder an ihren Wunschschulen abgelehnt – Eltern sind wütend

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Schülerinnen und Schüler einer Grundschule sitzen in ihrem Klassenraum.

Engpässe gibt es vor allem an Kölner Gymnasien und besonders im Rechtsrheinischen. (Symbolbild)

Die erste Runde des Anmeldeverfahrens ist beendet. Was schief gelaufen ist und in welchen Bezirken es die größten Engpässe gibt – eine Bilanz.

Mitte dieser Woche sind die mit Anspannung erwarteten Briefe nach der ersten Runde des Anmeldeverfahrens für Gymnasien, Realschulen und Hauptschulen bei den Kölner Familien der Viertklässler angekommen. Eine offizielle Bilanz wird die Stadt erst im April nach Abschluss des Verfahrens veröffentlichen, da noch zu viel in Bewegung sei. Aktuell geht die Stadt davon aus, dass rund 93 Prozent der angemeldeten Kinder – allerdings betrachtet über alle drei Schulformen – einen Platz an der Wunschschule bekommen habe.

Engpässe gibt es vor allem an den Gymnasien. Schuldezernent Robert Voigtsberger hatte zudem im Schulausschuss gesagt, dass es diesmal rechnerisch genug Gymnasialplätze gab. Das Angebot lag im Saldo um 130 Plätze über der Zahl der Bewerber. Das klingt zunächst nach einer guten Nachricht und ist zumindest bei der stadtweiten Zahl eine Verbesserung gegenüber dem Vorjahr.

Schulplätze in Köln: Engpässe gibt es vor allem an den Gymnasien

Doch die Zahl täuscht darüber hinweg, dass es weiter große Engpässe gibt und das Problem mit fehlenden Gymnasialplätzen in Köln mitnichten gelöst ist: Denn was helfen freie Plätze etwa am Gymnasium Rondorf, wenn viele Kinder in Porz eine Ablehnung bekommen haben? Nach Recherchen der Initiative „Die Abgelehnten“ an sämtlichen Gymnasien gab es trotz des positiven Saldos mindestens 280 Ablehnungen von Kindern an ihren Wunschschulen. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es 312 Ablehnungen. „Einfach nur Saldo-Zahlen in den politischen Raum zu werfen, kann ich nur als Täuschungsmanöver bezeichnen“, bewertet Olaf Wittrock, Sprecher der Initiative „Die Abgelehnten“ die Lage.

Die Ablehnungen verteilen sich auf elf Schulen. Spitzenreiter bei den Ablehnungen ist demnach in diesem Jahr das Montessori-Gymnasium in Bickendorf mit 59, gefolgt vom Schiller-Gymnasium in Sülz mit 57 Ablehnungen. Die Lage stellt sich in den Stadtbezirken sehr unterschiedlich dar.

Einfach nur Saldo-Zahlen in den politischen Raum zu werfen, kann ich nur als Täuschungsmanöver bezeichnen.
Olaf Wittrock, Sprecher der Initiative „Die Abgelehnten“

Im Südwesten ist es schwierig: Neben dem Schiller-Gymnasium ist auch das benachbarte Elisabeth-von-Thüringen-Gymnasium voll. Im Hildegard-von-Bingen-Gymnasium gibt es nur noch wenige Plätze. Für die abgelehnten Sülzer Kinder bleiben die Innenstadt-Schulen wie die Königin-Luise-Schule, wo noch knapp 30 Plätze frei sein sollen, an der Kreuzgasse sind es etwas mehr als 10. Allerdings werden diese wohl in der zweiten Anmelderunde geografisch von allen Seiten angewählt werden.

Auch im Norden gibt es durch die Ablehnungen am Montessori-Gymnasium und am Gymnasium Zusestraße etwa 100 Kinder, die noch verteilt werden müssen. Viele von ihnen werden nach Widdersdorf auf das Gymnasium Neue Sandkaul oder das Büchner-Gymnasium in Weiden ausweichen müssen, die noch in größerer Zahl Plätze haben.

Köln: Vor allem in Porz reichen die Schulplätze nicht aus

Besonders schwierig ist die Situation, ähnlich wie schon bei den Gesamtschulplätzen, im Rechtsrheinischen – vor allem in Porz. Zumal es dort wenig Optionen für die abgelehnten Kinder in vertretbarer Entfernung gibt. Am Stadtgymnasium Porz wurden wohl über 30 Kinder abgelehnt, am Lessing-Gymnasium Zündorf sind es dem Vernehmen nach etwa zwölf, die laut Recherchen der Initiative „Die Abgelehnten“ allesamt aus Ensen stammen.

Gerade am Beispiel Porz werde deutlich, wie chaotisch das Verfahren in diesem Jahr wieder abgelaufen sei und wieviel Ärger und Sorge das für Eltern bedeute, konstatiert Wittrock. Denn: Obwohl die Briefe mit den Ablehnungen eigentlich alle zeitgleich von allen Schulen an diesem Montag (4. März) rausgehen sollten, hielten sich nicht alle Schulleitungen daran.

Nachdem die Stadt sich ihrerseits nicht an die Abmachung gehalten und versehentlich schon am Donnerstag (29. Februar) eine Liste von Schulen mit noch freien Plätzen auf ihrer Internetseite veröffentlicht hatte, verschickten einige Schulleitungen verärgert am Freitag die Briefe. Mit dem Ergebnis, dass die Ablehnungen des Porzer Stadtgymnasiums bereits am Samstag in den Briefkästen lagen. Viele Eltern sicherten sich gleich am Montag die noch freien Plätze an der Porzer Gesamtschule. Die Gesamtschulen laufen in einem eigenen und vorgezogenen Verfahren. Die noch freien Plätze werden dort nach der Reihenfolge der Anmeldungen vergeben, nach dem Prinzip „wer zuerst kommt, mahlt zuerst“.

Warum muss ich jetzt recherchieren, wie viele Plätze noch verfügbar sind?
Desiree Kargbo-Bäuchler, Mutter eines Viertklässlers

Am Lessing-Gymnasium hielt man sich dagegen an die Absprache und verschickte die Briefe erst am Montag. Als die dann in den Briefkästen ankamen, waren für die Kinder mit Ablehnung längst alle Plätze an der Porzer Gesamtschule belegt. Bei den Eltern in Porz herrscht Wut. 

Außerdem haben wohl einige Schulen die Eltern bei der Anmeldung verpflichtet, einen Zweitwunsch anzugeben. Dieser war aber – anders als im vergangenen Jahr – dieses Mal freiwillig. Diese Änderung stand in einem inzwischen 14 Seiten langen Begleitschreiben, das den Schulen mit den Regularien zum Anmeldeverfahren von der Stadt zugesandt worden war.

In der Annahme, es habe sich im Vergleich zum Vorjahr nichts geändert, wurde es wohl nicht überall gelesen. Mit dem Ergebnis, dass nun viele Eltern die an die Zweitwunschschule weitergeleiteten Unterlagen dort wieder abholen müssen, weil sich jetzt herausstellt, dass dort nur noch ganz wenige Plätze frei sind. Daher wollen sie in der zweiten Anmelderunde lieber an einer Schule anmelden, an der die Chancen höher sind.

Kölner Schulen: Zweitwunschregelung bringt keinen Mehrwert

Die Situation zeigt, dass die Zweitwunschregelung – die ja schlicht eine Weiterleitung der Unterlagen ist – keinerlei Mehrwert bringt, sondern im Gegenteil Mehraufwand bedeutet. Dass der Schulausschuss – unterstützt durch die Stadtschulpflegschaft –  nun eine Digitalisierung des Anmeldeverfahrens für das kommende Jahr vorantreibt, bedeutet zumindest eine Aussicht darauf, dass das Verfahren schlanker, fairer und schneller wird.

Den Familien, die jetzt in eine zweite Anmelderunde müssen, hilft das alles nicht. Dass die Stadt auf ihrer Homepage nicht transparent macht, wie viele Plätze an welcher Schule noch frei sind, sorgt bei den Eltern für großen Ärger: „Warum muss ich jetzt recherchieren, wie viele Plätze noch verfügbar sind?“, fragt Desiree Kargbo-Bäuchler, deren Sohn eine Ablehnung für das Montessori-Gymnasium bekam.

An den Schulen stehen die Telefone nicht still, weil jedes betroffene Elternteil nun selbst die Schulen durchtelefoniert. Alle wollen besser einschätzen können, wo eine Anmeldung in der zweiten Runde am meisten Sinn macht. „Diese Transparenz ist uns die Stadt nach diesem katastrophalen Verfahren schuldig“, meint sie.

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