Die Kölnerin Sanja Zündorf hat aus ihrem Kampf für einen unverkrampften Umgang mit weiblicher Lust ein erfolgreiches Geschäftsmodell entwickelt.
„Die Scham brechen“Kölnerin möchte weibliche Lust aus der Tabuzone holen

Sanja Zündorf hat einen Sattel für weibliche Masturbation entwickelt.
Copyright: Lioba Lepping
Passanten verlangsamen häufig ihren Schritt, wenn sie an Sanja Zündorfs Laden in der Zeughausstraße vorbeigehen. Besonders Frauen bleiben häufig stehen und zücken ihr Smartphone. An der Tür steht: „Entzück Dich selbst – komm ruhig rein und komm laut zu Hause.“
„Da ich den Laden hauptsächlich als Büro nutze, ist es manchmal ein bisschen unangenehm, bei der Arbeit angestarrt zu werden, vor allem, wenn ich meine Aufnahmen für Social Media mache“, sagt die 32-jährige Kölnerin. Seit sie mit 18 Jahren erstmals mit Freundinnen über weibliche Selbstbefriedigung sprach, ist sie auf einer Mission. „Der Anlass damals war, dass sich eine Freundin einen Satisfyer gekauft hatte. Über das Spielzeug kamen wir ins Gespräch über die Sache.“ Genauso soll ihr Sattel funktionieren: Der Gurt, der um ein Kissen geschnallt, genutzt wird, soll Frauen ins Gespräch bringen über ihre Lust. „Ihr braucht den Sattel gar nicht“, ist Zündorfs eigentliche Botschaft. Für seine Erfinderin ist er ein Instrument der Selbstermächtigung. „Masturbation is a feminist act“, – das Statement hat sie auch auf T-Shirts drucken lassen.
Masterarbeit an der Köln International School of Design
Angefangen hat alles mit ihrer Masterarbeit an der Köln International School of Design, die der TH in der Südstadt angeschlossen ist. „Es war zu Covid-Zeiten und ich saß mutterseelenallein in meiner Küche, und hatte nur die Idee, dass ich die Scham, mit der weibliche Masturbation behaftet ist, brechen wollte.“ Als Design-Studentin lag es nahe, ein Produkt zu entwerfen, das genau diesem Zweck dient.
In einer Umfrage, die sie über Social Media teilte, bat sie Menschen, von ihren Selbstbefriedigungspraktiken zu berichten. Daran nahmen 800 Personen teil. „Hauptsächlich Frauen, aber auch Transmänner und non-binäre Personen mit Vulva.“ Heraus kam, dass jede sechste Person dabei schon mal ein Kissen benutzt hat. Zündorf entwickelte einen Sattel, der um das Kissen gewickelt wird, um den Reiz auf die Klitoris zu verstärken.

Der einladende Spruch an Sanja Zündorfs Ladentür spiegelt auch ihre Herangehensweise an das Thema Masturbation wider. Ohne Humor geht es nicht.
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Mit ihrem Sattel, der den Sexappeal eines handgehäkelten Nierenwärmers verströmt, setzt sie bewusst einen Kontrapunkt zu den üblichen Sextoys für Frauen. „Satisfyer und Vibrator ahmen den heteronormativen Paar-Sex nach“, sagt Zündorf. „Die meisten Sextoys sind für die Liegendanwendung, bei mit dem Sattel ausgestatteten Kissen nehmen die Frauen eine dominante Rolle ein. Sie sind nicht devot, sondern aktiv und obenauf.“ Die Rolle der Frau beim Sex wird ihrer Meinung nach, allzu oft noch als reine Antwort auf die Lust des Mannes definiert.
Speaker bei Ausstellung in Düsseldorf oder im Kölner Schauspiel
Oft wird Zündorf inzwischen auch als Referentin für Veranstaltungen angefragt, bei denen es genau um diesen Aspekt ihres Sex-Spielzeugs geht, bei der Ausstellung Sex Now im Düsseldorfer Kulturforum etwa oder der Reihe Britney X im Kölner Schauspiel. Bald ist sie zu Gast bei einer Talkrunde von Kölnbusiness, der Wirtschaftsförderung der Stadt Köln, wo sie über ihre Erfahrungen als Gründerin sprechen wird.
Für viel Resonanz sorgte auch ihr Auftritt bei der Gründer-Show „Die Höhle der Löwen“, in der sie im September 2025 zu sehen war. „Ich habe die ersten Sättel in meiner Küche genäht, ich erinnere mich noch sehr genau an die erste Woche, in der es zehn waren.“ Nach ihrem Auftritt in der „Höhle“ schoss die Nachfrage in die Höhe. Bis zu 1000 Stück wurden online bestellt. Längst lässt sie die Sättel, die 95 Euro kosten, in einer Näherei in Berlin produzieren, und auch das Verschicken geschieht in der Hauptstadt. Zu den Sätteln bietet sie Audio-Guides an und eine Anleitung zur Nutzung, aber vor allem pflegt sie ihre Community bei Instagram. Dort hat sie 94.000 Follower. Täglich postet sie etwas rund um die Thematik sexuelle Selbstbestimmung.
Viele Kundinnen aus den USA, wo der Umgang mit Sexualität oft sehr unfrei ist
Zu ihren Kundinnen gehören viele Frauen aus den USA. „Eine 65-Jährige bedankte sich herzlich bei mir, weil sie immer gedacht hatte, sie sei die Einzige, die sich mit einem Kissen befriedigt.“ Tatsächlich gebe es jenseits des Atlantiks viele streng-religiöse Gruppen, wie Mormonen oder Evangelikale, die einen sehr unfreien Umgang mit Sexualität pflegten. Oft hätten Menschen demütigende Erfahrungen gemacht, zum Beispiel, dass Eltern sie beim Onanieren erwischt und bestraft hätten.
Ihr Wunsch ist es, dass das Thema Masturbation schon im Kindesalter behandelt wird. Mädchen sollten schon in der Schule lernen, wie ihre Geschlechtsteile heißen, dann würde auch Missbrauch früher entdeckt werden. „Wenn die Worte fehlen, kann man nicht darüber reden“, sagt Zündorf, die als Beispiele „mental load“ oder „Gender Care Gap“ anführt. Die Probleme, die diese Ausdrücke beschreiben, gibt es schon lange, aber seit es Begriffe dafür gibt, wird ernsthaft darüber diskutiert. Nur so könnten auch politische Lösungen rund um das Thema sexuelle Selbstwirksamkeit erreicht werden.
Sanja Zündorf ist am Mittwoch, 17. Juni, ab 13 Uhr, zu Gast bei „Get your creative business started“, einer Informationsveranstaltung von KölnBusiness für junge Unternehmensgründer im Filmhaus, Maybachstraße 111. get your creative business started Tickets, Wednesday, June 17 • 1 PM - 8 PM | Eventbrite
Entzück dich selbst, Zeughausstraße 10, geöffnet freitags von 13 bis 18 Uhr, www.entzueckdichselbst.com
