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Fort X am Neusser Wall
Kölns ältestes preußisches Festungswerk ist heute ein Vereinsheim

5 min
Fort X am Neusser Wall

Das Fort X ist Teil des ehemaligen preußischen Befestigungsrings rund um Köln.

Der Spielmannszug „Fidele Kölsche“ probt im historischen Ambiente des Fort X – und kämpft gegen dessen baulichen Verfall.

Der Weg zum Vereinsheim der „Fidele Kölsche“ führt über eine Außentreppe in den ersten Stock. Hinter einer rot-weiß gestrichenen Holztür proben die Mitglieder des Spielmannszugs für ihre Auftritte im Karneval, umgeben vom 200 Jahre alten Gewölbe des Fort X im Inneren Grüngürtel. „Einmalig schön“ sei es hier, sagt Präsident Peter Hörth über das 70 Quadratmeter große Refugium. Es sei denn, man muss, wie er einmal, bei dichtem Nebel ganz allein hier etwas erledigen: „Die Atmosphäre war so unheimlich“, erzählt der 60-Jährige: ein Hauch von Horror im Fort X.

Aus der Vogelperspektive betrachtet ragt die außer Dienst gestellte Festungsanlage wie ein breiter Pfeil in den Park. Innen ist das zerklüftete Gelände eine Mischung aus Freizeitheim und Naturparadies zwischen massivem Ziegelmauerwerk. Für Kinder gibt es einen Spielplatz, für Ältere einen Rosengarten, für Vereine Räume in einem halbkreisförmigen Bau. Viel Anschauungsmaterial gibt es für Fans der Kölner Militärgeschichte.

Angst vor Frankreich: Aufrüstung in Köln im 19. Jahrhundert

Gebaut von 1819 bis 1825, gehörte das Fort X am Neusser Wall zu einer ganzen Reihe von neuen Verteidigungsanlagen rund um die Stadt. Bis 1814 war Köln von den Franzosen besetzt, nach dem Ende der Befreiungskriege hatte das Königreich Preußen das Sagen. Köln, Wesel und Koblenz erhielten den Status von Festungsstätten ersten Ranges, was erhebliche Investitionen in die militärische Infrastruktur zur Folge hatte. Die bangen Blicke richteten sich dabei immer gen Westen: „Die deutschen Kleinstaaten hatten Angst, dass Frankreich wiederkommt“, sagt Alexander Hess, stellvertretender Vorsitzender des Vereins „Fortis Colonia“ und aktiv im Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz.

Rosengarten Fort X

Rosengarten im Fort X am Neusser Wall. (Archivbild)

Die Aufrüstung bestand aus elf linksrheinischen Forts, die sich 500 Meter vor der mittelalterlichen Stadtmauer aufreihten und von Süden nach Norden aufsteigend nummeriert waren. Wer Köln einnehmen wollte, musste sich durch diese Festungslinie kämpfen. Der Wirtschaft taten die Bauaktivitäten gut, überall entstanden Ziegelei­en, und auch die Soldaten trugen Geld in die Stadt. Allein das Fort X fasste 300 Mann. Ihr Rückzugsort war ein halbrundes, bombensicheres Kernwerk mit Fensteröffnungen zur Stadtseite und Schießscharten zur Feindseite. Umgeben ist dieses „Reduit“ von einem Erdwall, einem Graben und einer Erdaufschüttung vor dem Graben, die zum Angreifer hin flach abfällt. Alles heute noch gut nachvollziehbar.

Fort X am Neusser Wall: Das älteste aller preußischen Forts

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 folgte der Äußere Festungsgürtel als zweite Verteidigungslinie. Kanonen hatten mittlerweile eine größere Zielgenauigkeit und Reichweite, deshalb musste etwas geschehen. „Man hat gelernt, dass man den Feind in größerem Abstand halten muss, damit er nicht in die Stadt schießen kann“, so Hess.

Rund 7,5 Kilometer vom Kölner Dom entfernt wurden deutlich größere Forts als bisher gebaut, die von kleineren Zwischenwerken flankiert wurden. Der neue Verteidigungsring erstreckte sich nun auch auf das Rechtsrheinische. Die Zeit der ersten Bollwerk-Generation lief hingegen allmählich ab: Die Hälfte von ihnen wurde abgebrochen, als 1881 die Stadtmauer fiel und die Neustadt angelegt wurde. Die anderen wurden umgenutzt oder – wie die Forts I und X – in eine neue Umwallung der Neustadt integriert. Fort X, Zusatzname „Prinz Wilhelm von Preußen“, blieb bis 1910 in Betrieb.

Fort X am Neusser Wall

Das Fort X blieb bis 1910 in Betrieb.

Es ist nicht nur das älteste aller preußischen Forts, die es noch gibt. „In seiner Gesamtheit ist es auch das am besten erhaltene Festungswerk in Köln“, sagt Alexander Hess. Gleichzeitig macht ihm der bauliche Zustand des Kernwerks Sorgen. Durch Teile des Dachs dringe Feuchtigkeit ins Innere. Auch die Fassade bröckelt, weshalb im Innenhof schon Bauzäune aufgestellt wurden. Vor zehn Jahren habe die Stadt als Eigentümerin mal Geld für eine Dachsanierung bewilligt, erzählt Peter Hörth von den „Fidele Kölsche“. Doch aus dem Projekt sei nichts geworden und die Stadt habe nur noch „das Notwendigste vom Notwendigen“ erledigt.

Fidele Kölsche: Musikproben in historischem Ambiente

Die Fidele Kölsche hingegen haben die Ärmel hochgekrempelt, als sie ihr Domizil im Jahr 2000 von einem anderen Verein übernahmen. Für einen neuen Wasseranschluss ihrer separat liegenden Toilette mussten sie 4,5 Meter dickes Mauerwerk von einer Fachfirma durchbohren lassen. Das teils zubetonierte Gewölbe des Vereinsraums legten sie frei und tauschten auch den wurmbefallenen Holzboden aus.

Ohne Spenden, Fördermitglieder und kostengünstige Hilfe von Fachleuten sei der Unterhalt im Fort X nicht zu stemmen, sagt Peter Hörth: „Wir sind Spezialisten darin, andere Spezialisten zu requirieren.“ Das historische Ambiente hingegen sei „unbezahlbar“ – auch wenn das Gebäude ein sonderbares Eigenleben führe: Nach jeder Musikprobe müsse geputzt werden, weil Salz von den Wänden riesele.

Fort X am Neusser Wall

Unter dem 200 Jahre alten Gewölbe probt der Spielmannszug „Fidele Kölsche“ für seine Auftritte im Karneval.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs bestand der Äußere Festungsring aus 182 Bauwerken. Mit 60.000 Soldaten war Köln die wichtigste Garnison im Westen des Deutschen Reichs. Einen Angriff abwehren mussten sie nie. Als der Erste Weltkrieg verloren war, ging es den Forts und Zwischenwerken an den Kragen. Gemäß dem Versailler Vertrag mussten sie unbrauchbar gemacht werden. Wälle wurden eingeebnet, Gräben zugeschüttet, Anlagen gesprengt. Oberbürgermeister Konrad Adenauer sorgte dafür, dass zumindest einige Bauten erhalten blieben und in den 1920er Jahren als „grüne Forts“ in die Grüngürtel integriert werden konnten. Auch das Fort X durfte bleiben. Auf dem massigen Wallkörper, der das Kernwerk umgibt, schuf Gartendirektor Fritz Encke einen Rosengarten, der noch heute seine Schönheit entfaltet.

Laut Alexander Hess existieren noch 18 preußische Festungsteile beider Verteidigungsringe. Die meisten gehörten der Stadt, die sich aber zu wenig um ihre Denkmäler kümmere: „In anderen Städten sind die Bauten in einem deutlich besseren Zustand“, sagt der 56-jährige Geograf. Im Falle des Forts X würde er sich schon freuen, wenn zumindest das Dach abgedichtet würde.