Köln – Als Weihnachten 1993 die Altstadt, große Teile der Südstadt und etliche flussnahe Stadtteile in den braunen Fluten des Rheins absaufen, ist für Reinhard Vogt klar: So kann es nicht weitergehen. Mehr als 20 Jahre später blickt Vogt zufrieden auf die Entwicklung rund um den Hochwasserschutz zurück und kann Ende August relativ entspannt in Rente gehen. Allerdings: „Fertig bin ich mit meiner Arbeit eigentlich noch nicht“, sagt der 65-jährige Noch-Chef der Hochwasserschutzzentrale. Doch er habe schon im letzten Jahr angefangen, sein Team auf seinen Ausstieg vorzubereiten: „Die können das jetzt auch ohne mich.“
In Regenjacke und Gummistiefel fühlt sich der gebürtige Niedersachse am wohlsten, wenn er nahe am Wasser sein und sich seinem Hobby Hochwasserschutz widmen kann, das er zum Beruf gemacht hat. In Schlips und Kragen sah man Vogt eher selten. Fast legendär sind die Mottoshirts, die er stets unter seinem legeren Sakko trägt: „Gib dem Hund eine Chance“ stand da drauf, „Arsch huh, Zäng ussenander“ oder ein Bild mit sechs Vögeln auf einer gespannten Leine, von einer nach unten durchhängt.
Auch damit hob sich Vogt vom klassischen Verwaltungsmenschen ab: „Ich hatte nie ein Problem damit, der durchhängende Vogel zu sein.“ Nur manchmal eckte der gelernte Bau- und Planungstechniker damit im Behördenapparat an. Ungern erinnert er sich an einen Dezernenten, mit dem er wegen seiner offenen Art aneinander geriet. „Danach hatte ich ein halbes Jahr kein schönes Leben“, erzählt er. Wie sehr seine Arbeit allgemein akzeptiert wurde, sieht man aber auch daran, dass das Hochwasserschutzkonzept 1996 parteiübergreifend und einstimmig vom Rat beschlossen wurde.
Ohne eine intensive Bürgerbeteiligung wäre das vermutlich komplizierter geworden. Doch der fünffache Vater Reinhard Vogt hat den Dialog mit den Menschen immer groß geschrieben. Und zwar aus Faulheit, wie er mit einem Augenzwinkern verrät: „Ich hatte nach den beiden großen Hochwassern Mitte der 1990-er Jahre einfach keine Lust mehr, die ganzen Beschwerden der Bürger schriftlich zu beantworten. Da bin ich einfach auf die Leute zugegangen und habe mit ihnen geredet.“ Dabei sei wichtig, die Menschen nicht mit fertigen Plänen zu konfrontieren, sondern wirklich von Anfang an einzubinden.
So wurden notwendige Rückhalteflächen ausgewiesen, Deiche erhöht und insgesamt 60 km Schutzmauern gebaut, darunter elf Kilometer mobile Wände, die auf Mauern und Fahrradwegen angebracht werden können. Flankiert werden die Maßnahmen von jährlichen Übungen, Merkblättern und Veranstaltungen vor Ort.
Mit Vogt geht eine der wenigen schillernden Persönlichkeiten der Stadtverwaltung in Rente. Im Karneval war er schon mal als Kölner Pegeluhr verkleidet, der Boulevard verpasste ihm den Spitznamen „Hochwasserpapst“. Doch bei all dem stand nie seine Kompetenz in Frage, die er nicht nur in Köln, sondern auch zahlreichen internationalen Projekten eingebracht hat. „Reinhard Vogt ist ein international anerkannter Fachmann“, sagte Otto Schaaf, Vorstand der Stadtentwässerungsbetriebe und Vogts Chef.
Will kein „Klugscheißer“ sein
Im Ruhestand wird sich Vogt weiter mit seinem Lieblingsthema beschäftigen, ohne ein „Klugscheißer“ sein zu wollen, wie er lachend sagt. Darüber hinaus ist jetzt auch mal die Familie an der Reihe. Mit seiner finnischen Frau Marja will er Reisen unternehmen, bei denen nicht irgendein Pressevertreter anruft und Vogt um ein Interview zu einem Hochwasser irgendwo in Deutschland bittet.
42 Jahre sind Reinhard Vogt und seine Frau verheiratet. Ein Geheimnis ihres Glücks: „Sie hat mir immer das gelassen, was ich liebe.“ Zum Schluss ist sie sogar einmal über ihren Schatten gesprungen: Dieser Tage hat Vogt in Wesseling einen Vortrag zum Thema Hochwasser gehalten, es war eine Art Abschiedsvorstellung. Seine Frau, die sonst nie derartige Veranstaltungen besucht hat, war auch dabei.
