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Köln früher und heuteAls Winston Churchill Tee in der Lindenthaler Stadtwaldschenke trank

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Die Stadtwaldschenke Lindenthal um 1900.

Die Stadtwaldschenke Lindenthal um 1900.

Die Stadtwaldschenke in Lindenthal wurde 1898 eröffnet. Heute erinnert kaum noch etwas an das einst prächtige Gebäude.

Am Lindenthaler Stadtwald zu wohnen, war und ist ein Privileg. Stattliche Villen, viele davon aus alten Zeiten, zeugen vom Wohlstand, der hier seit mehr als 125 Jahren zu Hause ist. Der Blick ins Grüne zwischen Friedrich-Schmidt-Straße, Fürst-Pückler-Straße und Dürener Straße zog die Gutsituierten an.

Einst befand sich auch mitten im Park eine Villa. Es war die Stadtwaldschenke, ein Gastronomiebetrieb mit Turm und riesiger Terrasse. Konrad Adenauer, Enkel des früheren Bundeskanzlers und Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer, führt zu der Stelle, an der sich das Gebäude im Landhausstil befand. Der Weg führt zu einem Hügel im nordwestlichen Teil des Stadtwaldes. Vor längerer Zeit habe er hier noch einen Stein der Waldschenke gefunden, sagt der Lindenthal-Experte und Buchautor, der schon als Kind viel Zeit im Stadtwald verbrachte. Doch an diesem Vormittag sucht er vergeblich nach Relikten. Nur einige der Linden, die einst den Besuchern des Biergartens Schatten spendeten, stehen noch.

Der Hügel im Stadtwald besteht möglicherweise aus den Trümmern der Stadtwaldschenke.

Der Hügel im Stadtwald besteht möglicherweise aus den Trümmern der Stadtwaldschenke.

Joachim Bauer, früherer stellvertretender Leiter des Grünflächenamts, hält es für denkbar, dass der Hügel aus Trümmern des verschwundenen Gebäudes besteht. Eröffnet wurde die Waldschenke am 1. Mai 1898. Unklar ist, seit wann sie nicht mehr da ist. Konrad Adenauers Recherchen haben ergeben, dass das Haus bereits vor dem Zweiten Weltkrieg aufgegeben und abgebrochen wurde. Anderen Quellen zufolge wurde es während des Kriegs beschädigt und dann beseitigt.

Stadtwald war Novum für Köln

Der Stadtwald wurde Ende des 19. Jahrhunderts angelegt. Keimzelle waren die Gebäude und Gartenanlagen der ehemaligen Kitschburg, einer Hofanlage, die schon 1669 Erwähnung fand. Mit dem mehr als 100 Hektar großen Stadtwald wollte die Stadt die begrünten Befestigungsgräben ersetzen, die nach dem Abbruch der Stadtmauer der Stadterweiterung zum Opfer gefallen waren. Gartenamtsleiter Adolf Kowallek legte jedoch keinen klassischen Park an, sondern schuf einen inszenierten Wald mit birnenförmigem Hauptweg. „Um 1900 gab es im linksrheinischen Stadtgebiet nämlich keinen Wald“, sagt Joachim Bauer.

Die neue Grünfläche bot allerdings weitaus mehr Möglichkeiten, als unter Bäumen zu lustwandeln. Noch heute gibt es Tennisplätze, einen Tierpark und zwei Weiher, die durch einen Kanal miteinander verbunden sind. Früher zogen auch Rad- und Motorradrennen tausende Besucher an. Der Stadtwald war ein Novum für Köln: „Erstmals wurde ein großes und zusammenhängendes Waldareal geschaffen, das gleichzeitig ein umfangreiches Angebot an Erholungseinrichtungen für alle Schichten der Bevölkerung beinhaltete“, so Bauer. Als Teil eines riesigen Grünzugs leiste er heute auch einen wichtigen Beitrag für das Kölner Stadtklima.

Berühmte Gäste besuchen Stadtwaldschenke

Zu den prominenten Gästen der Stadtwaldschenke zählte der damalige britische Kriegsminister Winston Churchill, der nach dem Ersten Weltkrieg auf der Terrasse Tee getrunken haben soll. Das klingt plausibel, waren doch zeitweilig britische Besatzungssoldaten hier untergebracht. Auch der Kölner Liedersänger und Komponist Willi Ostermann ließ sich immer wieder vor das Gebäude chauffieren, um sich im lauschigen Ambiente zu neuen Texten inspirieren zu lassen.

Ostermann wäre in diesem Jahr 150 Jahre alt geworden, genau wie Konrad Adenauers berühmter Großvater, der seit seinem 30. Lebensjahr im Umfeld des Stadtwalds lebte. Allein 22 Jahre lang wohnte er an der Max-Bruch-Straße. Täglich sei er im Stadtwald spazieren gegangen, sagt sein Enkel. Damit war es 1933 vorbei, als die Nazis ihn als Oberbürgermeister absetzten und Adenauer Köln fluchtartig verließ.

Zehn Jahre zuvor war der Stadtwald erweitert worden. Der Park ging nun über die Militärringstraße hinweg und wurde später Teil des äußeren Grüngürtels. Mit dem Lindenthaler Kanal schuf die Stadt zudem eine schmucke Verbindung zum inneren Grüngürtel. Es war die Zeit, in der Baudirektor Fritz Schumacher die beiden Festungsringe in große Grünsysteme verwandelte, die er durch Radiale miteinander verknüpfen wollte. Der geniale Planer kam 1920 auf Werben Adenauers von Hamburg an den Rhein. Seine erste Wohnung bezog er, natürlich, am Stadtwald. Es war eine stattliche Villa an der Fürst-Pückler-Straße.