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Mein VeedelTrimm-dich-Pfad, Trattoria, Boxring – Ingo Froböse und sein Müngersdorf

5 min
Ingo Froböse balanciert über eine wackelige Hängebrücke.

Ingo Froböse balanciert über eine wackelige Hängebrücke.

Ingo Froböse kämpft dafür, dass Sport für alle bezahlbar bleibt und beschreibt die Chance, die für ihn in Olympia in Köln läge

Ein sonniger Vormittag in Köln. Am Rand der Jahnwiese, mit Blick auf den Adenauer Weiher, wartet Ingo Froböse. Statt stillzustehen, balanciert der 68-jährige Sportwissenschaftler über eine wacklige Hängebrücke des Trainingsparcours. „Diese Trimm-dich-Pfade waren in den 1970er-Jahren unglaublich populär. Die Idee war genial: Jeder konnte kostenlos trainieren. Solche Anlagen müssen allerdings gepflegt und gewartet werden, das hat die Stadt lange versäumt“, sagt Froböse.

Froböse: Brauchen niedrigschwellige Bewegungsangebote

Der neue Parcours auf der Jahnwiese sei ein gutes Beispiel für niedrigschwellige Bewegungsangebote. „Wer bis ins hohe Alter mobil bleiben will, braucht regelmäßige Bewegung. Wir brauchen mehr solcher Orte – und die Menschen müssen sie auch nutzen“, sagt der Mann, der 50 Liegestütze am Stück machen kann. Er steigt von der Brücke und geht ein paar Schritte weiter zu einer hohen Säule. Viermal prangt der Buchstabe  „F“ an der Spitze – „frisch, fromm, fröhlich, frei“. Das Denkmal wurde beim Deutschen Turnfest 1928 enthüllt und erinnert an Friedrich Ludwig Jahn, den „Turnvater Jahn“.

„Dieser Mann hat die deutsche Turnkultur stark geprägt“, sagt Ingo Froböse. „Er gehörte zu den Ersten, die verstanden haben, wie wichtig Bewegung für die Gesellschaft ist.“ Gleichzeitig müsse man seine Rolle heute differenziert betrachten, denn Teile der Turntradition seien später politisch vereinnahmt worden, etwa in der NS-Zeit.

Dann zeigt Froböse auf die lange Treppe unterhalb des Denkmals und muss schmunzeln. „Die bin ich früher wie ein Bekloppter rauf und runtergelaufen. Für mich war diese Treppe eine perfekte Trainingsstätte. Einen Aufzug meide ich bis heute.“

Froböse lebt seit 1978 in Köln

Seit 1978 lebt Ingo Froböse, der aus Unna stammt, in Köln. Als Student an der Deutschen Sporthochschule Köln wohnte er am Wiener Weg 1 – in einer Hochhausanlage, die 1977 unfreiwillig Teil deutscher Zeitgeschichte wurde: Hier befand sich eine konspirative Wohnung der Rote-Armee-Fraktion, von der aus die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer vorbereitet wurde.

„Ich wohnte auf 18 Quadratmetern im elften Stock. Alles war anonym und abends fast unheimlich – aber fußläufig zur Spoho und zu meinem Stammkiosk“, erzählt der frühere deutsche Vizemeister über 100 Meter. „Nach dem Training haben wir dort oft ein Kölsch getrunken und gequatscht.“ Der kleine Laden an der Ecke Kölner Weg/Frankenstraße steht noch – die Rollläden aber sind heruntergelassen. „Leider zu. Aber das ist mein Kiosk“, sagt Froböse und klingt kurz etwas wehmütig.

Ingo Froböse mit Claudio Pezzuto in der Küche seines Restaurants.

Weiter geht es über die Frankenstraße in Richtung Kirchweg, über einen eher unscheinbaren Platz, durch eine Eisentür – und plötzlich steht man in einer Restaurantküche. Zwischen Töpfen und Pfannen lächelt Claudio Pezzuto, der Chef. „Das ist seit über 30 Jahren mein bester Freund. Auch wenn es voll ist, bekomme ich immer noch einen Tisch.“ Das Restaurant gilt im Veedel als Institution. Immer wieder hat sich hier auch Prominenz eingefunden. Selbst Angela Merkel war schon hier– auf Einladung des früheren Außenministers Guido Westerwelle und seines Mannes Michael Mronz.

„Spoho“ immer auch Lebensraum

Wir laufen entlang der Aachener Straße zur Deutschen Sporthochschule Köln. Zwischen Hallen und Trainingsplätzen laufen Studierende mit Sporttaschen über den Campus. Ingo Froböse kennt hier jedes Gebäude ganz genau – vom Schwimmstadion über die Radrennbahn bis zur Trainerakademie. „Viele Jahre meines Lebens haben sich hier abgespielt“, sagt der emeritierte Sportwissenschaftler. Die „Spoho“ war für ihn nie nur ein Arbeitsplatz, sondern immer auch ein Stück Lebensraum.

Rauf, runter, rauf, runter: Auf dieser Treppe trainierte Ingo Froböse früher intensiv.

Rauf, runter, rauf, runter: Auf dieser Treppe trainierte Ingo Froböse früher intensiv.

Am Olympiaweg, wo sich auch „sein“ Spoho-Institut befindet, kommt das Gespräch schließlich auf die Olympischen Spiele. „Wir brauchen eine Initialzündung. Olympia könnte auch für Köln einen sportlichen Schub bringen.“ Eine Bewerbung könne viel bewirken – für die Infrastruktur, für den Breitensport. Gleichzeitig warnt Froböse auch vor zu hohen Erwartungen. „Wenn wir den Zuschlag nicht bekommen, dürfen wir nicht in ein Loch fallen. Köln braucht mehr intakte und moderne Sportstätten – unabhängig von Olympia.“ Dazu gehöre für ihn auch, bestehende Anlagen besser zu nutzen. „Zum Beispiel, in dem Sporthallen am Wochenende für die Öffentlichkeit geöffnet werden.“

Regeln, Respekt, Umgang mit Niederlagen

Wir gehen weiter entlang der denkmalgeschützten Backsteinbauten vor dem Rhein-Energie-Stadion. In einem der Gebäude befinden sich die Trainingsräume des Boxclub SC Colonia 06, dessen Präsident Froböse seit fünf Jahren ist. „Im Boxen lernt man Regeln, Respekt – und den Umgang mit Niederlagen. Genau das lässt sich auch auf unsere Gesellschaft übertragen, und davon könnten wir im Moment vielleicht etwas mehr gebrauchen.“ Besonders schätzt er das Miteinander im Verein. „Hier trainieren Kinder und Jugendliche aus ganz unterschiedlichen Kulturen fair miteinander. Da geht mir das Herz auf.“

Beim ASV Köln hat Ingo Froböse seine Frau Bianca kennengelernt

Beim ASV Köln hat Ingo Froböse seine Frau Bianca kennengelernt

Auf dem Weg zum ASV Köln-Sportplatz, der letzten Station des Veedel-Spaziergangs, formuliert  Froböse noch einen Wunsch an den Kölner Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD). „Wir brauchen mehr offene Ganztagsangebote mit Bewegung für Grundschulkinder, bessere Schwimmstätten und mehr Trainingsplätze für alle Generationen. Sport darf nicht privaten Trägern überlassen werden – er muss für alle bezahlbar bleiben.“

Beim ASV wird der ehemalige Leistungssportler sentimental: „Hier habe ich früher jeden Tag trainiert – und hier habe ich auch meine Frau kennengelernt.“ Heute wohnt das Ehepaar in Alt-Müngersdorf, nur eine Ampel vom Sport-Campus entfernt. „Hier kennt jeder jeden. Es ist wie ein Dorf – mitten in Köln.“

Zum Abschluss räumt der Kölner noch mit einem Mythos auf: „Die 10.000 Schritte am Tag sind eine Mär, sie stammen von einem japanischen Schrittzähler, der 1964 zu den Olympischen Spielen in Tokio beworben wurde. Entscheidend ist nicht die Menge, sondern die Intensität – jeder Schritt zählt, am besten im gleichen Rhythmus: vier Schritte einatmen, vier Schritte ausatmen. Dazu braucht man keine hippe Sportkleidung, dem Körper geht es nur darum, den Zellen Energie zu liefern.“

Ingo Froböse empfiehlt:

  1. das italienische Restaurant Claudio am Kirchweg 3, wo er am liebsten Fisch mit Gemüse isst.
  2. einen intensiven Spaziergang durch den Stadtwald mit Übungen auf den Trimm-dich-Geräten
  3. einen Besuch von Alt-Müngersdorf und ein Glas Wein in der Vinoteca Tommasone in der Wendelinstrasse 61 mit Blick auf die Kirche St.Vitalis, in der er geheiratet hat.