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Offenes Ohr in langen NächtenDie Nightline Köln hört Studierenden zu

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Die Silhouette einer Frau zeichnet sich vor einer hellen Fensterfront ab (gestellte Szene).

Die Nightline ist ein Angebot von Studierenden für Studierende. Viele Probleme, von denen die Anrufer erzählen, kennen die Ehrenamtlichen selbst. (Symbolbild)

Viele Studierende kämpfen mit Stress, Einsamkeit und finanziellen Sorgen. Die Nightline Köln bietet ihnen einen geschützten Raum zum Reden.

Eine neue Stadt, zum ersten Mal Großstadt. Neue Gesichter, neue Routinen, neue Freiheiten, Gespräche, die sich nach Aufbruch anfühlen. Die ersten Wochen wirken wie ein Versprechen: Kneipenabende, Pubquizze, Partys, das Leben in den Zwanzigern in Köln, wie es in den besten Vorstellungen aussieht.

Doch nachts, wenn das Handy stumm bleibt, melden sich die Zweifel. Die Freunde zu Hause fehlen, die neuen Kontakte wirken noch brüchig, das Geld ist knapp und die Prüfungsangst wächst. Und manchmal wird dann alles etwas zu viel.

Um elf Uhr abends noch jemanden aus dem Freundeskreis anzurufen, ist schwierig, die Eltern verstehen die Probleme nicht. In solchen Momenten können Studierende die Nightline Köln erreichen: 0800/470 3500. Am anderen Ende meldet sich Nina: „Hallo, hier ist die Nightline Köln.“ Oder Mona: „Erzähl gern, ich höre dir zu.“ Beide sind Anfang zwanzig und studieren an der Universität zu Köln.

Brummen statt Nicken

Sie gehören zu den rund 30 Ehrenamtlichen des Zuhör- und Infotelefons für Studierende aller Kölner Hochschulen. Während der Vorlesungszeit sitzen montags, dienstags und freitags von 21 bis 24 Uhr zwei von ihnen in einem Raum und warten auf Anrufe.

Die Gespräche behandeln sie vertraulich. Sie sind zur Verschwiegenheit verpflichtet: „Alles ist vertraulich. Wir wissen nicht, wer anruft, und die andere Seite weiß auch nicht, wer wir sind. Darum geht es auch nicht“, sagt Nina. Deshalb sind die Namen der Ehrenamtlichen für diesen Text geändert.

Manche Telefonate dauern zehn Minuten, andere zwei Stunden. Oft fühlt es sich aber gar nicht so lang an, erzählt Mona: „Aktives Zuhören erfordert Aufmerksamkeit. Wir sind in diesen drei Stunden mental nur dafür da. Unsere Konzentration gilt ausschließlich dem Gespräch.“ Aktiv zuzuhören heißt für sie, der anderen Person Raum zu geben und sie die Richtung bestimmen zu lassen.

Viel funktioniere über kleine Signale, erklärt Mona: „Ich möchte zeigen, dass ich da bin. In einem normalen Gespräch würde ich nicken. Am Telefon brumme ich dann. So weiß die andere Person, dass ich zuhöre.“ Wichtig sei dabei, sich zurückzunehmen.

Das Besondere an der Nightline: Sie ist ein Angebot von Studierenden für Studierende. Viele Probleme, von denen die Anrufer erzählen, kennen die Ehrenamtlichen selbst. „In manchen Situationen möchte ich sagen: ‚Ja, sehe ich genauso, das ist furchtbar!‘ Aber das geht natürlich nicht“, sagt Nina.

„Je länger ich schon telefoniere, desto besser kann ich mich abgrenzen“

Fast jeder kennt die Situation: Es ist spät, man liegt wach, und der Kopf kommt nicht zur Ruhe. Nachts wirkten Sorgen oft noch drückender, so die Beobachtung der Nightline-Mitarbeiterinnen.

Häufig drehen sich die Gespräche um Themen, die viele Studierende beschäftigen: verliebt sein, ein depressiver Freund – oder man selbst –, der Umgang mit dem Alltag, soziale Beziehungen. Manchmal belasten politische Ereignisse, oft ist es Einsamkeit.

Einsamkeit schwinge in vielen Gesprächen mit, auch wenn sie nicht ausdrücklich benannt werde. Vor der Pandemie galt sie vor allem als Problem älterer Menschen, inzwischen rücken junge Erwachsene stärker in den Fokus. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung berichten 51 Prozent der 18- bis 35-Jährigen in Deutschland von mindestens moderater Einsamkeit, davon zwölf Prozent von starker Einsamkeit – mehr als in der Gruppe der 36- bis 69-Jährigen.

Viele Anrufer haben auch einfach Redebedarf. Nina erinnert sich an einen Mann, der ihr nur von seinem Alltag erzählen wollte. Manche bräuchten einfach einen Ort, an dem sie sprechen können. Therapeutische oder rechtliche Beratung können die Ehrenamtlichen nicht leisten, aber sie verweisen bei Bedarf an passende Stellen.

Bevor sie starten, absolvieren alle eine Schulung. Manche Geschichten hängen länger nach. „Ich habe gemerkt: Je länger ich schon telefoniere, desto besser kann ich mich abgrenzen“, sagt Nina, die seit April dabei ist. Regelmäßige Supervisionen gehören für alle zum Pflichtprogramm. Sich bewusst in die Rolle der Zuhörerin einzufinden, Empathie zu zeigen und gleichzeitig Grenzen zu setzen, sei eine Fähigkeit, die sie erst lernen musste.

Es gehe nicht darum, den perfekten Ratschlag zu geben, sagt Mona: „Es hilft vielen schon, alles einmal auszusprechen. Oft kommen sie dann selbst auf neue Ideen.“ Das habe sie auch in ihr eigenes Leben mitgenommen: „In Gesprächen mit Freundinnen lasse ich sie inzwischen erst reden und brumme erst mal. Natürlich wünschen sie sich irgendwann auch Rat, aber nicht immer sofort.“

Die Nightline stammt ursprünglich aus Großbritannien. Die erste wurde an der University of Essex gegründet, mittlerweile gibt es das Konzept europaweit. In Deutschland existiert es unter anderem in Heidelberg, Aachen und Münster. In Köln finanziert sich die Nightline durch Spenden.

Nicht alle Probleme sind nach einem Telefonat gelöst. Das sei auch nicht der Anspruch, sagen Nina und Mona. Aber das Vertrauen, das ihnen die Anrufenden schenken, bedeute ihnen viel. Und ein Ehrenamt mit Menschen zu teilen, die sich genauso engagieren, mache die Arbeit im Verein für beide besonders wertvoll.