Katrin Jungclaus ist die erste Frau an der Spitze des Kölner Landgerichts. Ihr Büro liegt im 17. Stock des Justizzentrums. Sie zeigt, was sie in und um ihren Arbeitsplatz fasziniert.
Mein VeedelDie Herrin des Gerichts führt durch ihr Reich und Sülz

Katrin Jungclaus schaut vom Dach des Justizzentrums über die Dächer ihres Veedels.
Copyright: Inge Swolek
Die Tür zum Büro von Katrin Jungclaus öffnet sich – statt auf Aktenberge fällt der Blick zuerst auf Köln. „Ich glaube, ich habe von hier oben den schönsten Blick auf den Dom“, sagt die Präsidentin des Landgerichts Köln. „Das Panorama ist einfach großartig.“ Seit dem 1. Januar 2025 steht die 58-Jährige an der Spitze des Landgerichts – als erste Frau in der mehr als 200-jährigen Geschichte des Gerichts. „Dass ich die erste Präsidentin des Landgerichts Köln geworden bin, macht mich sehr glücklich. Am Ziel der Gleichstellung sind wir aber erst, wenn es keine Erwähnung mehr wert ist, ob eine Stelle mit einem Mann oder einer Frau besetzt wird. Die Justiz war lange Zeit eine überwiegend männlich geprägte Arbeitswelt. Vielleicht habe ich auch dadurch gelernt, mich durchzusetzen. “
Der Turm des Justizzentrums und das Unicenter prägen die Sülzer Silhouette
Ihr Büro liegt im 17. Stock des Justizzentrums. Von hier oben fällt der Blick zunächst auf Sülz. Gleich gegenüber ragt das Unicenter in den Himmel. Zusammen mit dem Hochhaus des Justizzentrums prägt es seit Jahrzehnten die Silhouette des Stadtteils. Beide Gebäude stehen für eine Zeit, in der groß gedacht und hoch gebaut wurde. Heute sind ihnen die Jahrzehnte anzusehen – architektonisch ebenso wie technisch. Dennoch gehören sie zum Stadtbild und erzählen ein Stück Kölner Baugeschichte.

Katrin Jungclaus steht vor dem Justizzentrum in Sülz neben der 10 Meter hohen Stahlskulptur 'Som' des Künstlers Andreu Alfaro.
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Zwischen den beiden Hochhäusern zieht sich die Luxemburger Straße wie ein grünes Band durch das Veedel. Was unten als laute und viel befahrene Verkehrsachse wahrgenommen wird, wirkt aus dem 17. Stock beinahe parkartig. Die Baumkronen verdecken einen Großteil des Verkehrs. Erst aus dieser Perspektive wird sichtbar, wie grün Sülz tatsächlich ist.
Polizeihubschrauber brachten viermal die Woche den Angeklagten Drach
Wer den Blick weiter schweifen lässt, entdeckt den kleinen Parkplatz des Justizzentrums, der als Hubschrauberlandeplatz dient. Während des Drach-Prozesses landeten dort drei- bis viermal pro Woche Polizeihubschrauber, mit denen der Angeklagte unter hohen Sicherheitsvorkehrungen zum Gericht gebracht wurde. Für viele Menschen im Veedel bedeuteten die Flüge mit ihrem Lärm, die Straßensperrungen und die starke Polizeipräsenz über Jahre eine erhebliche Belastung.
„Viele denken beim Justizzentrum nur an Gerichtssäle. Dabei ist das ein eigenes Veedel. In diesem Hochhaus pulsiert das Leben, hier begegnen sich Tag für Tag mehrere Tausend Menschen“, sagt die Chefin von 230 Richtern, 350 Justizbeschäftigten und 600 Auszubildenden und Referendaren. Vom 17. Stock geht es mit dem Aufzug hinunter in den vierten , in die Kantine - ein Ort an dem Hierarchien in den Hintergrund treten. Richterinnen und Richter stehen mit Justizangestellten, Rechtsanwälten sowie Wachtmeister:innen in der Schlange. Auch Bürger sind willkommen.

Katrin Jungclaus macht gerne eine Pause im Bistro Südlicht.
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„Wir haben tatsächlich Stammgäste“, erzählt Jungclaus. „Häufig sind es Rentner, die sich vormittags öffentliche Gerichtsverhandlungen ansehen und anschließend hier essen gehen. Für sie ist das wie Fernsehen – nur echt. Wir haben ein breites Angebot an Themen, von Bandenkriminalität bis zu Raub und Wirtschaftsdelikten.“ Viele der regelmäßigen Besucher seien erstaunlich sachkundig. „Sie unterhalten sich mit Rechtsanwälten über die Verfahren und haben sogar ihre Lieblingsrichter.“
Regelmäßig finden Ausstellungen im Foyer und Treppenhaus statt
Für Katrin Jungclaus zeigt sich gerade hier, was sie mit ihrem Bild vom „eigenen Veedel“ meint: Das Justizzentrum ist kein abgeschotteter Ort. Es ist ein Haus, in dem Recht gesprochen wird – und zugleich ein Ort der Begegnung, an dem Justiz und Öffentlichkeit miteinander ins Gespräch kommen. Im Foyer und Treppenhaus finden regelmäßig Kunstausstellungen statt. Diese sind auch für alle Kölnerinnen und Kölner kostenlos zugänglich. Doch zwei Bereiche bleiben der Öffentlichkeit verschlossen: der Keller und das Dach.
Im Keller befindet sich der Zellentrakt mit 30 Einzelzellen. Hier warten Gefangene, die in Untersuchungshaft sind, auf ihre Verhandlung. Die meisten werden aus der Justizvollzugsanstalt Ossendorf gebracht, einige kommen auch aus anderen Haftanstalten der Region. Die beiden obersten Etagen des Hochhauses sind der Versorgungstechnik vorbehalten.

Der Kiosk ist beliebt bei den Besuchern und Justizangestellten.
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Der Weg führt weiter ins Erdgeschoss. Hier beginnt die Sicherheitszone. Wer das Gebäude betritt, passiert Kontrollschleusen, die an Flughäfen erinnern. Taschen werden überprüft, Besucherinnen und Besucher kontrolliert.
Der Platz vor dem Justizzentrum grenzt unmittelbar an die Luxemburger Straße. Versiegelte Flächen, Waschbeton und Bauzäune prägen das Bild, Bäume sucht man vergeblich. Es ist ein Ort, der wenig zum Verweilen einlädt. Der kleine Kiosk auf dem Gelände und das italienische Restaurant „Amici“ wirken dabei wie kleine Inseln der Begegnung in einer Umgebung, die sichtbar in die Jahre gekommen ist.

Die Ausstellungen im Justizzentrum sind für die Öffentlichkeit frei zugänglich.
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„Das Gebäude hat seine besten Jahre hinter sich. Ein Hochhaus aus den 1980er Jahren ist in dieser Form nicht mehr zeitgemäß“, sagt Jungclaus. „Die Asbestproblematik ist zwar beherrschbar, weil alles versiegelt ist. Aber unsere Sanitäranlagen sind grenzwertig, die Heizungs- und Lüftungstechnik fällt immer wieder aus. Im Winter ist es zu kalt, im Sommer viel zu heiß. Auch die energetische Bilanz ist katastrophal.“ Für die Präsidentin geht es dabei um mehr als um bauliche Mängel. „Die Justiz ist die dritte Gewalt im Staat. Das sollte sich auch in ihrer Unterbringung widerspiegeln – gerade in einer Millionenstadt wie Köln mit einem der größten Justizstandorte Deutschlands.“
Seit 1981 ist das Justizzentrum in Köln-Sülz angesiedelt
Umso größer ist die Vorfreude auf den Neubau. „Wir freuen uns sehr, dass wir hier im Veedel bleiben und nicht an den Stadtrand ziehen müssen. Die Justiz gehört mitten in die Stadt. Seit 1981 sind wir in Sülz, und das soll auch so bleiben. Der Standort ist für alle gut erreichbar – egal ob mit Auto, Bus, Bahn oder zu Fuss. “ Der Mammut-Umzug in ein Interimsgebäude steht bevor. 2027 soll das Justizzentrum vorübergehend in das alte Arbeitsamt umziehen. Danach wird nur noch der Bereich bis zur vierten Etage genutzt – dort, wo sich die Sitzungssäle befinden. „Dieser Ausblick auf den Dom wird mir fehlen“, bemerkt Katrin Jungclaus. Ob sie den Einzug in den Neubau noch als Präsidentin des Landgerichts erleben wird, das bezweifelt sie selbst.
Auf dem Weg zum Café „Südlicht“, in dem sie sich gelegentlich eine Auszeit gönnt, führt der Weg an einem Zeltlager für wohnungslose Menschen und am „Autonomen Zentrum“ vorbei. Zwei sehr unterschiedliche Orte, die seit Jahren Teil des Sülzer Alltags sind. Dass sie direkt neben einer staatlichen Institution wie dem Justizzentrum liegen, macht die Gegensätze des Veedels sichtbar. Hier treffen Rechtsstaat, soziale Not und alternative Lebensentwürfe unmittelbar aufeinander. „Es ist leider eine Schmuddelecke. Überall liegt Müll, Kleidungsstücke, kaputte Glasflaschen“, sagt Jungclaus. Die politischen Weichen für einen Umzug des „Autonomen Zentrums“ nach Kalk sind aber gestellt. Auf dem Gelände soll ein Teil der Parkstadt Süd entstehen.

Von ihrem Büro im 17. Stock auf das neue Kölner Stadtarchiv, das Autonome Zentrum und weit in die Ferne.
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Katrin Jungclaus kennt Köln aber nicht nur von dem Blick aus dem 17. Stock. Seit 20 Jahren wohnt sie mit ihrem Mann in Nippes und pendelt täglich nach Sülz. „Köln ist für mich zur Heimat geworden. Es gibt ein breites kulturelles Angebot, und es ist eine lebendige Stadt“, sagt sie. „Man kann irgendwo hingehen, sich dazusetzen – und kommt sofort ins Gespräch. Diese Offenheit ist etwas ganz Besonderes.“ Vielleicht ist auch genau das Kölns Besonderheit: eine Stadt voller Gegensätze, in der Gerichte, soziale Konflikte und neue Nachbarschaften unmittelbar nebeneinanderliegen. Und mittendrin das Justizzentrum – ein Veedel im Veedel.
Katrin Jungclaus empfiehlt:1) Das Bistro „Südlicht“ am Eifelwall 562) Halbes Hähnchen mit Pommes frites für 7 Euro in der Kantine des Justizzentrums3) Einen Besuch im neuen Stadtarchiv Köln, Eifelwall 54) Sophias griechisches Restaurant mit leckeren Mezedes, Luxemburger Straße 289
Zur Person
Katrin Jungclaus wurde in Dortmund geboren, und hat in Hamburg Jura studiert. Mit 29 Jahren trat sie ihre erste Stelle als Richterin am Landgericht Wuppertal an. Zehn Jahre lang war sie Vizepräsidentin des Landgerichts Düsseldorf, anschließend Präsidentin des Landgerichts Kleve. In ihrer Freizeit wandert sie mit ihrem Mann am liebsten in Lappland.
