Für die Durchführung der Strafprozesse braucht es im Justizzentrum die Vorführstelle. Eine Reportage.
Im Keller des LandgerichtsIn dieser Zelle warten Mörder in Köln auf ihren Prozess

Blick in Zelle 1 in der Vorführstelle des Kölner Landgerichts an der Luxemburger Straße
Copyright: Hendrik Pusch
An diesem Montagmorgen öffnet sich das Rolltor auf der Rückseite des Kölner Justizgebäudes um 7.42 Uhr – der Bus der JVA Köln-Ossendorf rückt an. Das Tor schließt sich, damit keiner entkommen kann, dann steigen die Gefangenen aus. „Den Namen, bitte“, heißt es am Tresen. „In die drei“, ruft der Wachtmeister danach, „in die vier“ beim nächsten Besucher. Es sind die Nummern der Zellen im Untergeschoss des Landgerichts, es gibt 28 Stück. Hier in der Vorführstelle warten die Angeklagten – darunter Mörder, Vergewaltiger und Betrüger – auf ihre Strafprozesse, die meist ab 9 Uhr starten.
Köln: Karge Zellen im Untergeschoss des Landgerichts
Zelle 1 hinten im Trakt versprüht den Charme der 80er Jahre – seitdem wurde hier auch nicht mehr viel modernisiert. Kacheln an den Wänden, eine Holzpritsche in der Ecke, darauf liegt eine alte braune Wolldecke. Auf der angeschraubten Tischplatte steht ein weißer Plastikbecher; den dürfen durstige Gefangene an einem in die Wand eingelassenen Edelstahlwaschbecken auffüllen. Das schützt vor Vandalismus – in den früheren Jugendzellen einen Gang weiter wurde schon einmal Keramik herausgerissen. Die Toilette befindet sich mit Sichtschutz daneben. Eine Rolle Klopapier steht bereit.

Dieser Weg führt vom ersten Stock zur Vorführstelle im Untergeschoss des Landgericht.
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Reemtsma-Entführer und Geldtransporträuber Thomas Drach musste hier in den Prozesspausen die Zeit totschlagen, genau wie der damals wegen Steuerhinterziehung angeklagte Boxer Felix Sturm oder Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi. Auch Rockergrößen sind hier Stammgäste. Ein früherer Club-Präsident wird an diesem Tag um 8.47 Uhr per Einzeltransport gebracht, die Handschellen werden in der Zelle gelöst. Strafverteidiger Mike Hakner wartet am Empfang bereits auf seinen Mandanten. In einem kleinen Raum mit Tisch und Stühlen bespricht er sich mit ihm kurz vor dem Prozessbeginn.
„Hier werden alle Gefangenen gleichbehandelt“, sagt Wachtmeister Andreas Schneider, der eigentlich anders heißt, seinen Namen aber nicht in der Zeitung lesen will. 25 Jahre verrichtet er seinen Dienst bereits im Kölner Justizgebäude an der Luxemburger Straße, die Hälfte davon in der Vorführstelle. Am entspanntesten seien die „alten Hasen“, für die es nicht der erste Strafprozess ist. Auch an diesem Montag grüßen sie mit einem Lächeln in die Runde, die Wachtmeister sind ja auch schon so etwas wie Bekannte. Die „Neuen“, sagt Schneider, seien zurückhaltender und ernster, „die reden nicht viel“.
Köln: Feste Sicherheitsstandards bei der Vorführung der Angeklagte
Die Sicherheit für Bedienstete und Gefangene steht im Vorführtrakt an erster Stelle. Nach dem „Check-In“ werden alle Angeklagten gründlich durchsucht – um auszuschließen, dass womöglich Gegenstände aus dem Gefängnis mitgebracht werden, die im Gericht verboten sind. Ladekabel für Musikboxen etwa. „In den Zellen gibt es ohnehin keine Steckdosen“, so der Wachtmeister. Ist auf dem sogenannten Laufzettel aus der JVA etwa eine Suizidgefahr vermerkt, dann schauen die Beamten in Einzelfällen noch gründlicher nach, auch in Körperöffnungen. Bei Frauen kommen Beamtinnen hinzu.

Das Lunchpaket für einen Gefangenen aus der JVA Wuppertal-Ronsdorf
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„Bitte den Angeklagten auf Saal 32“, ertönt es aus der Telefonanlage. Eine Protokollführerin meldet sich, der Prozess geht los. Dann muss es schnell gehen. Auf verschiedenen Glastüren steht die Saalnummer – der verwinkelte Gang dahinter führt genau dorthin. Ein Verlaufen ist ausgeschlossen und auch, dass ein Angeklagter auf einen anderen Beschuldigten trifft. Zwei Wachtmeister werden bestimmt, sie bringen einen mutmaßlichen Räuber nach oben. Die Beamten sollen nie allein mit Gefangenen sein – etwa um gewappnet zu sein für einen möglichen Angriff im Treppenhaus.
Zwischenfälle seien selten, sagt Wachtmeister Schneider. Angeklagte seien manchmal frustriert darüber, dass sie Angehörige im Saal nicht umarmen oder gereichte Zigaretten nicht mitnehmen durften. Dann würden auch schon mal Schimpfwörter fallen. „Meistens geht das zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus“, sagt der Wachtmeister. Anders sieht das bei Morddrohungen aus. Wie diese Zeitung jüngst berichtete, soll ein mutmaßlicher Geiselnehmer einen Wachtmeister mit einer „schneidenden Geste am Hals“ bedacht haben. Das wurde dem Vorsitzenden Richter gemeldet.
Köln: Manche Gefangene werden entlassen und sind „total happy“
Während im Saaltrakt über Schuld oder Unschuld entschieden wird, wird es ruhig in der Vorführstelle. In den Prozesspausen füllen sich die Zellen wieder, der Mittagstransport bringt Essen aus der Küche der JVA Köln. Es gibt Eintopf, wie jeden Tag, ohne Fleischbeilage. Den darf auch der Häftling aus der Jugendhaftanstalt Wuppertal-Ronsdorf probieren. Er hatte aber bereits am Morgen ein Lunchpaket mitbekommen – acht Scheiben Toast mit Frischkäse, einen Apfel und ein Tetra-Pak Wasser. Das ist die übliche Tagesration. An anderen Gerichtsstandorten in NRW gibt es keinen eigenen Essensservice.
Nachmittags endet der Hochbetrieb in der Vorführstelle, dann ist Abtransport. Manche Gefangene müssen trotz frühen Prozessendes noch stundenlang in der Zelle ausharren. Wer Glück hat, kommt vorher frei. Dann gab es einen Freispruch, Bewährung oder die Aufhebung des Haftbefehls. Die Menschen seien dann natürlich „total happy und gelöst“, berichtet Wachtmeister Schneider. Er drückt den Entlassenen eine Fahrkarte für die Abreise in die Hand, oft warten aber auch Angehörige am Ausgang – dann öffnet sich das Rolltor in die Freiheit. Für den Rest geht es zurück in den Knastalltag.
