In Köln kostet ein WG-Zimmer durchschnittlich 600 Euro. Zum Start des Sommersemesters erzählen Studierende, wie sie sich durch den teuren Alltag kämpfen.
„Gehe oft zur Lebensmittelrettung“Wenn das Geld nicht für den Laptop reicht – Studierende berichten

Semesterbegrüßung an der Uni Köln im Sommersemester 2025 (Archiv). Zum Sommersemester 2026 nehmen 1100 Personen ein Studium auf.
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Es ist schon vorgekommen, dass Mehdi B. seine Vorlesung am Morgen verschlafen hat. Mehrfach habe er den Wecker überhört, seine innere Uhr sei einfach verwirrt gewesen. Zweimal die Woche, meist am Wochenende, arbeitet Mhedi B. nachts. Der 26-Jährige Student ist Rezeptionist in einem Kölner Hotel, seine Schicht beginnt um 22.30 Uhr und endet gegen 7 Uhr morgens.
„Selbst wenn ich dann acht Stunden nach der Schicht geschlafen habe, fühle ich mich müde. Wenn die Sonne scheint, kommt das schlechte Gewissen hinzu, den Tag verpasst zu haben“, sagt Mhedi B. Er ist 2021 zum Studieren nach Deutschland gekommen. Seinen echten Namen will der Marokkaner nicht verraten, um keinen Ärger mit seinem Vorgesetzten zu bekommen. Ohne seinen Nachtjob hätte er keine Lebensgrundlage und keine Aufenthaltsberechtigung. Beides braucht er aber, um hier zu studieren.
Kölner Studierendenwerk vergibt immer öfter Soforthilfen in Höhe von 350 Euro für täglichen Bedarf
Wohnen, Lebensmittel, Semestergebühren: Der Kostendruck für Studierende steigt seit Jahren. Rund ein Drittel der Studierenden in Deutschland gilt als armutsgefährdet. Darunter fallen Menschen, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügen, bei Alleinlebenden sind das rund 1300 netto im Monat. Der Bafög-Höchstsatz beträgt aktuell 992 Euro.
Doch Bafög kann Mehdi B. als internationaler Student ohnehin nicht beziehen, er ist dazu nicht berechtigt. „Ich brauche mindestens eine Teilzeitbeschäftigung, ein Minijob würde nichts bringen. Man muss einmal im Jahr nachweisen, dass man nicht auf Sozialhilfe angewiesen ist“, sagt Mhedi B. Der 26-Jährige studiert Pharmazeutische Chemie an der TH Köln. Entweder müsse man mindestens 950 Euro im Monat aufbringen oder bei den Behörden einen Bürgen vorweisen.
Christian Gärtner von der Sozialberatung des Kölner Studierendenwerk bestätigt, dass Studierende zunehmend in ihrer wirtschaftlichen Existenz gefährdet sind, insbesondere internationale Studierende. „Häufig weichen sie auf Wohnungen weit um Köln aus. Viele kommen aus dem Ruhrgebiet, aus Solingen oder Hagen angereist, um in Köln zu studieren“, sagt Gärtner. Er berät Studierende in allen sozialrechtlichen Fragen sowie rund um die Finanzierung. Das Studierendenwerk hat zur Akuthilfe zwei Instrumente zur Hand: ein kleines, niedrigschwelliges Sofortdarlehen in Höhe von 350 Euro. Und eins über rund 3600 Euro, das aber nur im Extremfall wie Krankheit oder Wohnungsbrand ausgezahlt wird.

Christian Gärtner vom Kölner Studierendenwerk macht Sozialberatungen. Auch er beobachtet, dass der Kostendruck auf Studierende zunehmend steigt.
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„Die Nachfrage für die Überbrückungsdarlehen ist gestiegen. Dieses Jahr haben wir bereits 46 Mal eines gewährt, 2025 um die gleiche Zeit waren es 28. Ich schätze, es werden über 100 sein dieses Jahr. Mal können Studierende die Kaution nicht bezahlen, das Gehalt kommt zu spät oder das Bafög nicht rechtzeitig. Das Budget ist teilweise so knapp, dass schon die Semestergebühren damit gezahlt wurden.“ Ihn habe „erschreckt“, dass Studierende nach den 350 Euro gefragt hätten, um sich einen Laptop zu leisten. „Das gehört eigentlich zum Grundbedarf. Das Leben in Köln ist so teuer geworden, dass das Bafög nicht reicht.“
Nur 11,4 Prozent beziehen in Deutschland Bafög
Mehdi B. arbeitet 80 Stunden im Monat und verdient um die 1250 Euro netto. 450 Euro beträgt die Miete für sein Einzelzimmer in einem Studentenwohnheim. Vor fünf Jahren lag sie noch bei 350 Euro. Seine Krankenversicherung kostet 150 Euro. „Es kommen GEZ-Gebühren, Wlan und der Handyvertrag hinzu. Wenn man mit Freunden ausgehen will, ist der Punkt schnell erreicht, dass es nicht mehr reichen würde.“ Für den halbjährlichen Semesterbeitrag von 334 Euro spare er immer separat. Dennoch sei Studieren in Deutschland vergleichsweise günstig. Ans Aufhören habe er noch nie gedacht. „Das Studium ist der Grund, weshalb ich ausgewandert bin.“
Die Soziallage der Studierenden spitzt sich zu und dennoch liegt die Zahl derer, die Bafög beziehen, auf einem historischen Tiefstand. Laut einer Studie des Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) erhielten 2024 deutschlandweit nur rund 11,4 Prozent eine Bafög-Förderung. Die Kritik des CHE: Die Politik überlasse die Studienfinanzierung zunehmend den Studenten selbst, sie nehme damit stillschweigend in Kauf, dass sich die meisten nicht voll aufs Studium konzentrieren können.
In Köln ist der Anteil der Bafög-Bezieher mit 14.000 von 100.000 Studierenden, also 14 Prozent, zwar etwas höher, aber insgesamt „recht niedrig“, befindet Studierendenwerk-Sprecher Klaus Wilsberg. Manche fallen durch das Raster und müssen sich trotzdem durch den teuren Alltag kämpfen. Wie Studentin Vanessa Knauer, deren Eltern über der Einkommensgrenze für das Bafög liegen, ihre Tochter aber finanziell trotzdem nicht entlasten. Ohne ihre Teilzeitbeschäftigung könnte sie sich ihr Studium nicht leisten. Die 28-Jährige studiert im Master Komparatistik und um mehrere Semester nicht mehr in der Regelstudienzeit. „Rücklagen kann ich aktuell so gut wie keine bilden“, sagt Knauer.
Kölner Studentin nutzt oft Angebote der Lebensmittelrettung
Ihren Werkstudentenjob in der Pressestelle der Deutschen Knochemarkspenderdatei DKMS bezeichnet sie als „Glücksgriff“: Der Stundenlohn liege über dem Mindestlohn und eröffne auch berufliche Perspektiven. 20 Stunden arbeitet sie hier während des Semesters, in der vorlesungsfreien Zeit sogar 30. Mit einer Miete von 550 Euro warm für 20 Quadratmeter im Bereich Innenstadt stehe sie im Vergleich nicht schlecht da. Und doch kann sie sich eine Mitgliedschaft in einem Sportverein oder Fitnessstudio nicht leisten. Ins Café oder Restaurant gehen „mache ich definitiv nicht jede Woche und auch nicht jede zweite. Und wenn, suche ich mir das Günstigste auf der Karte.“

Ohne Teilzeitjob könnte Studentin Vanessa Knauer ihr Leben und Studium in Köln nicht finanzieren.
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Stattdessen isst sie regelmäßig in der Mensa, wo es für wenige Euro mehrere Gänge gibt. „Ich gehe oft zur Lebensmittelrettung und nutze systematisch Dienste wie ‚too good to go‘. Hier kann ich mir bei einem Supermarkt für drei bis vier Euro ein kleines Paket mit gutem Obst und Gemüse zusammenstellen lassen“, sagt Knauer. Dass sie ihr Studium voraussichtlich im November abschließt, sei eine große Erleichterung. „Seit ein bis zwei Jahren sind viele meiner Freunde auch ins Berufsleben eingestiegen, die Schere geht auf, man kann nicht bei allem mitmachen. Dass im Freundeskreis Rücksicht genommen werden muss, ist kein gutes Gefühl.“
Die Scham sei weit verbreitet unter Studierenden, weiß Frederick Heinz vom Asta (Allgemeiner Studierendenausschuss) der Uni Köln. Er beklagt, dass studentische Armut sehr stigmatisiert sei. Das führe dazu, dass man im Freundeskreis nicht darüber spricht oder sich womöglich zu wenig über Hilfsangebote wie das Wohngeld der Stadt Köln oder Foodsharing-Beutel des Asta informiert und austauscht. „Köln ist die drittteuerste Stadt für Wohnen in Deutschland. Die Wohnkostenpauschale des Bafögs, aktuell 380 Euro, liegt weit unter dem Durchschnittspreis für ein WG-Zimmer“, so Heinz.

Olivia Gillner studiert in Köln, wohnt aber in Düren bei den Eltern. Sie verdient mit ihrem Werksstudentenjob 1000 Euro netto, muss davon 400 Euro im Monat Studiengebühren bezahlen.
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WG-Zimmer in Köln kostet 600 bis 620 Euro
In Köln kostet ein WG-Zimmer laut dem Moses-Mendelssohn-Institut zwischen 600 und 620 Euro. „Ich kenne nicht wenig Leute, die wegen der sozialen Lage gar nicht studieren oder überlegen, aufzuhören“, sagt Asta-Vorsitzender Frederick Heinz. Viele bleiben mittlerweile im Elternhaus und pendeln. Doch nicht jeder verstehe sich gut mit seinen Eltern. Dass sie hier noch wohnen kann und sich wohlfühlt, empfinde sie als ein Privileg, sagt Studentin Olivia Gillner.
Die 19-Jährige kritisiert die Regelung, dass man während eines Semesters nicht mehr als 20 Stunden arbeiten darf. Mit ihrem Studium an der Internationalen Hochschule in Köln könne sie auch 25 Stunden nebenbei stemmen. Als Werkstudentin in einem Medienunternehmen erhält sie knapp 1000 Euro im Monat. Da sie an einer privaten Hochschule studiert – so wie mittlerweile 13 Prozent aller Studierenden in Deutschland – gehen 400 Euro allein für die Studiengebühren drauf. Eine Miete in Köln wäre zusätzlich nicht drin.
Zahlen und Angebote: Die Uni Köln zählt aktuell rund 41.000 Studenten. 1100 Studierenden nehmen zum neuen Sommersemester ein Studium auf. Es sind 4400 Studierende aus 126 Nationen. An der TH Köln studieren rund 20.000 Personen, davon haben 3300 einen ausländischen Pass. Darunter fallen auch Studierende, die in Deutschland zur Schule gegangen sind. Diese sind bafögberechtigt, anders als jene Studierende, die extra wegen des Studiums einwandern.
Im Kölner Studierendenwerk an der Universitätsstraße 14 kann man jeden Dienstag zwischen 14 und 15.30 in der sogenannten Schatzkammer Ausschau nach Gebrauchsgegenständen für den Alltag halten: Hier gibt es kostenlos Geschirr, Kindersachen und vieles mehr.
An der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Uni Köln werden im Rahmen des Projekts „Computer Reuse“ alte und aussortierte Laptops gesammelt, technisch fit gemacht und an Studierende auf Anfrage verteilt.
Regelmäßig findet eine Kleidertauschbörse des Asta in Kooperation mit dem Kölner Studierendenwerk in der Mensa Zülpicher Straße statt. (gam)

Die Schatzkammer im Studierendenwerk: Alltagsgegenstände, Kinderklamotten und mehr zum Tausch.
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