Chinesische Geheimdienste zielen weniger auf Regierung und Parlament als auf wirtschaftlich relevante Quellen. Ihre Methoden sind raffiniert, wie der Experte Luca Manns von der Kölner Forschungsstelle für Nachrichtendienste erläutert.
GeheimdiensteDas leise Geschäft von Chinas Spionen

Ein Mann, bei dem es sich um einen mutmaßlichen chinesischen Spion handeln dürfte, wird am 20. Mai 2026 zur Haftvorführung an den Bundesgerichtshof (BGH) gebracht.
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Was dieser Tage in der Öffentlichkeit Furore machte, sorgte in Sicherheitskreisen für wenig Verwunderung. Am 20. Mai ließ die Bundesanwaltschaft ein chinesischstämmiges Paar in München festnehmen, das sich unter Nutzung von Legenden um Kontakte zu zahlreichen Wissenschaftlern an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen bemüht haben soll. Dieser Ermittlungserfolg der Bundesanwaltschaft ist ein Beleg, worauf es Spione Pekings abgesehen haben. Sie zielen nicht in erster Linie auf Regierung und Parlament, sondern auf wirtschaftlich relevante Informanten.
Anders als es in Filmen oder Romanen häufig präsentiert wird, treten ausländische Geheimdienste vergleichsweise selten mit top ausgebildeten Agenten auf, die quasi pausenlos lebensbedrohliche Lagen meistern. Spionage in einem weiten Sinne, die den Export beschränkter Güter oder den illegitimen Abfluss von Wissen einschließt, ist überwiegend ein leises Geschäft. Eigene Kräfte sollen geschont und vor Enttarnung oder gar Verhaftung bewahrt werden, weshalb häufig Mittelsmänner zum Einsatz kommen.

Luca Manns ist Geschäftsführer der Forschungsstelle Nachrichtendienste der Universität zu Köln.
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Interesse an HochtechnologieMit welchen Interessen der chinesische Staat agiert, zeigt ein weiterer Fall: Im Dezember 2025, zwei Tage vor Heiligabend, verurteilte das Oberlandesgericht Düsseldorf ein Unternehmer-Ehepaar zu mehrjährigen Freiheitsstrafen, weil es – entgegen gesetzlichen Ausfuhrbeschränkungen – Speziallaser nach China exportiert hatte. Zwar konnte nicht mit der notwendigen Sicherheit nachgewiesen werden, dass die Technologie in der Volksrepublik für militärische Zwecke genutzt werden sollte (was nicht heißt, dass es nicht so passiert ist). Der Fall zeigte aber, wie breit das Repertoire gefächert sein kann, nach dem fremde Mächte hierzulande tätig werden. Dabei wissen die Betroffenen selbst nicht immer explizit, dass sie für einen ausländischen Geheimdienst tätig werden.
Deutsche Universitäten im Fokus
Beide Enttarnungen lassen eine größere Linie im Vorgehen Chinas sichtbar werden: An ihrem 100. Jahrestag 2049 soll die Volksrepublik nach dem erklärten Willen von Staatspräsident Xi Jinping zur globalen Führungsmacht aufgestiegen sein, maßgeblich definiert durch unangefochtene ökonomische Dominanz.
Zur Durchsetzung ihrer Ziele baut die Regierung in Peking neben eigenem technologischem Fortschritt auf das Abschöpfen fremden Wissens. Diesem generalstabsmäßig verfolgten Plan kann die Lieferung sensibler Güter dienen, die sich unmittelbar militärisch oder industriell verwerten lassen. Kaum weniger interessant ist die Erlangung wissenschaftlicher Erkenntnisse, die später zu eigenen chinesischen Entwicklungen führen könnten. Das gilt vor allem in naturwissenschaftlichen Bereichen wie Antriebssystemen, Radartechnik, Materialforschung oder Informatik.
Die Strategie der China-Reisen
Sollte sich in dem aktuellen Münchner Fall der Vorwurf bewahrheiten, dass das festgenommene Paar Forschende nach China lockte und dort – teils gegen Honorar – Vorträge vor einem bloß vordergründig zivilen Publikum halten ließ, wäre auch das typisch. Reisen ins Ausland erschweren es der Spionageabwehr des Verfassungsschutzes, einzugreifen, und ermöglichen eine verhältnismäßig risikolose Ausforschung der Zielpersonen.
Eine solche Strategie ist nicht in allen Fällen von Erfolg gekrönt, und nicht jedes Mal sind gewonnene Erkenntnisse von Wert. Doch immer wieder kommt es vor, dass Referenten bereits in ihren Vorträgen ungewollt relevante Informationen mitteilen, vielleicht bestärkt durch eine staatliche Auszeichnung oder ein besonders harmlos wirkendes Publikum junger Menschen. Spätestens beim anschließenden Abendessen und dem einen oder anderen Glas Alkohol glückt dann die geheimdienstliche Bearbeitung häufiger.
Nicht bloß Staatsgeheimnisse
Zu diesem Erfolg trägt vielleicht bei, dass in der Bevölkerung vielfach nicht nur ein falsches Bild davon besteht, wie Spione aussehen – sondern auch, auf welches Niveau von Informationen sie abzielen. Nach den Verhaftungen in der vorigen Woche ließ der Vertreter einer der betroffenen Universitäten sinngemäß verlauten, man sei geschult und achte darauf, keine geheimen Daten bei Vorträgen vor ausländischem Publikum zu präsentieren.
Dies mag im konkreten Fall stimmen und wäre lobenswert. Trotzdem offenbart die Argumentation ein Fehlverständnis von dem, was das Strafgesetzbuch in Paragraf 99 als „geheimdienstliche Agententätigkeit“ definiert: Bestraft wird, wer für den Geheimdienst einer fremden Macht eine Tätigkeit gegen die Bundesrepublik Deutschland ausübt, die auf die Mitteilung oder Lieferung von – irgendwelchen – Tatsachen, Gegenständen oder Erkenntnissen gerichtet ist. Weder müssen diese Informationen zugangsbeschränkt sein, noch muss ihre Weitergabe überhaupt erfolgt sein. Maßgebliches Kriterium ist vielmehr, dass Angeklagten die Absicht nachgewiesen werden muss, ihre Tätigkeit für einen ausländischen Geheimdienst und gegen die Interessen unseres Staates ausgeübt zu haben. Denkt ein Vortragender, dass er vor einem rein zivilen ausländischen Publikum spreche, fehlt ihm der nötige Vorsatz. Nur deshalb dürften sich deutsche Wissenschaftler (anders als das mutmaßliche Agentenpaar) hier nicht strafbar gemacht haben.
Sensibilität erhöhen
Sollten sich Forschende und Industrie-Vertreter im Lichte der gestiegenen Bedrohung und potenzieller Strafen künftig stärker abschotten? Für ein Land wie Deutschland, das seine ökonomische Kraft maßgeblich aus internationaler Vernetzung und Exportleistungen zieht, scheidet radikaler Isolationismus aus. Und China ist, ob es uns gefällt oder nicht, ein so bedeutsamer Markt, dass ihn die hiesige Wirtschaft zumal in ihrer aktuellen Schwächephase nicht abschreiben kann.
Die ökonomischen Notwendigkeiten müssen uns gleichwohl nicht zwingend zu einem naiven und damit gefährlichen Auftreten gegenüber jenen Mächten verleiten, die sich selbst in einem Systemkonflikt mit Europa sehen. Die Regierung in Peking verfolgt grundsätzlich andere Vorstellungen von der Weltordnung im Ganzen und von individuellen Menschenrechten. Entsprechend ihrer ambitionierten Aufstiegsagenda liegt es auf der Hand, dass sie auch im geheimdienstlichen Bereich alle Register zieht.
Dies flächendeckend anzuerkennen, wäre bereits ein bedeutender Schritt. Doch Bewusstsein allein reicht nicht. Wenn mancher Professor die Bitte, bei Gastwissenschaftlern genauer hinzuschauen, gleich als Angst vor Rassismus abtut, offenbart das jedenfalls einen Mangel an konkreter Orientierung.
Natürlich ist Herkunft allein kein taugliches Kriterium. Institutionelle Anbindung, Finanzierungsquellen und die Frage, wer eine Einladung nach China eigentlich ausspricht, sind hingegen hochrelevant. Daneben müssen Vor-Ort-Beschränkungen stehen: Welche Räume müssen wirklich betreten, welche Cloud-Speicher genutzt werden? Klare Kriterien zu schaffen und Bewerber aus nicht-verbündeten Staaten besonders kritisch zu prüfen, dient nicht zuletzt dem Schutz jener Menschen, die bisweilen selbst unter dem Druck ihrer heimischen Geheimdienste stehen.
