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MedizintalkDas Ziel: Tumore in Stadien finden, in denen eine Operation heilen kann

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Dr. Simon Lennartz und Dr. Jürgen Wolf

Professor Dr. Jürgen Wolf (r.) und Dr. Simon Lennartz von der Uniklinik beim Medizintalk im Domforum im Gespräch mit Claudia Lehnen vom Kölner Stadt-Anzeiger.

Seit April können Raucherinnen und Raucher an einem Lungenkrebsscreening teilnehmen. Ziel ist, Tumore in einem frühen Stadium zu entdecken und damit Leben zu retten - die wichtigsten Fragen und Antworten aus dem Medizintalk.

Lange Zeit war Lungenkrebs ein Todesurteil. Das hat sich durch molekulare Diagnostik, zielgerichtete Therapie und Immuntherapie in den vergangenen Jahren verändert. Nun soll eine neue Vorsorgeuntersuchung dabei helfen, Tumore in sehr frühem Stadium zu erkennen - und zu heilen. Professor Dr. Jürgen Wolf, Leiter des CIO in Köln sowie Dr. Simon Lennartz, Radiologe an der Uniklinik Köln haben bei einem Medizintalk des „Kölner Stadt-Anzeiger“ im Domforum die wichtigsten Fragen beantwortet. Hier eine Zusammenfassung für alle, die nicht dabei sein konnten.

Warum ist Lungenkrebsscreening überhaupt ein Thema?

Weil Lungenkrebs besonders häufig – und besonders häufig tödlich ist. Der Grund: Viele Tumoren werden erst entdeckt, wenn sie bereits gestreut haben.

Zwar hat die Behandlung in den vergangenen Jahren einen Sprung gemacht. Professor Dr. Jürgen Wolf beschreibt, wie zielgerichtete Therapien und Immuntherapien für einen Teil der Betroffenen die Perspektive verschoben haben: Aus einer rasch tödlichen Diagnose kann eine chronische Erkrankung werden. Diese Fortschritte erreichen aber nicht alle – und sie greifen häufig erst, wenn der Krebs schon Metastasen gebildet hat. Das Screening setzt früher an: Es soll Tumoren in Stadien finden, in denen eine Operation noch heilen kann.

Was wird beim Screening konkret untersucht – und warum nicht einfach geröntgt? Untersucht wird mit einer Niedrigdosis-Computertomographie (CT) der Lunge. Der Radiologe Dr. Simon Lennartz erklärt, weshalb das altbekannte Röntgenbild nicht reicht: „Röntgen ist nicht genau genug, um kleine, potenziell heilbare Tumoren zuverlässig zu erkennen. Die CT dagegen findet auch sehr kleine Veränderungen.“

Das Ziel ist eine Verschiebung der Diagnosen: weg von späten Stadien (3 und 4), hin zu frühen Stadien (1 und 2). Denn ein winziger Tumor, sagt Lennartz, verursacht meist keine Beschwerden – „ein 1‑cm‑Lungenkrebs tut nicht weh“. Ohne gezielte Suche bleibe er unsichtbar.

Für wen ist das Programm gedacht – und warum ist es so eng begrenzt? Teilnehmen dürfen Menschen zwischen 50 und 75 Jahren, die mindestens 25 Jahre geraucht und mindestens 15 Packungsjahre erreicht haben. Sie müssen noch rauchen oder weniger als zehn Jahre rauchfrei sein. Menschen mit bekanntem Lungenkrebs, kürzlich erfolgter Lungen-CT oder schweren, lebenslimitierenden Erkrankungen gehören nicht ins Programm.

Die strenge Auswahl folgt mathematischen Kriterien. Wolf warnt: „Wenn man das Screening mit der Gießkanne macht, dann kippt dieses Nutzen-Risiko-Verhältnis.“ .“ Das Screening bringt auch Nebenwirkungen mit sich – und es lohnt sich nur dort, wo das Risiko für Lungenkrebs hoch genug ist, um am Ende wirklich Leben zu retten.

Trifft Lungenkrebs nur Raucher? Rauchen bleibt der stärkste Treiber: Wolf sagt, 85 Prozent der Erkrankten waren oder sind Raucher. Gleichzeitig erinnert er daran, dass 15 Prozent nie geraucht haben – und dass diese Gruppe, weil Lungenkrebs insgesamt so häufig ist, in der weltweiten Statistik auf Platz sieben der Krebstodesfällen liegt.

Wolf ergänzt weitere Risikofaktoren: Radon (ein radioaktives Gas, das sich in Kellern sammeln kann), außerdem Asbest, Feinstaub, genetische Belastung. Für ein organisiertes, strahlenbasiertes Screening braucht es jedoch einen dominanten Risikofaktor – und den liefert in den meisten Fällen das Rauchen.

Wie kommt man ins Screening – und was passiert dann? Der Zugang läuft über ein Aufklärungsgespräch in der hausärztlichen oder internistischen Praxis. Dort wird geprüft, ob jemand die Kriterien erfüllt, und es wird über Nutzen und Risiken gesprochen.

Politisch war – so Lennartz – ein Punkt besonders wichtig: Das Programm soll keine Beruhigungspille sein. Die Patienten sollen ausdrücklich motiviert werden, mit dem Rauchen aufzuhören. Niemand wolle signalisieren, es gäbe eine „Gesundheitsflatrate“ für Raucher.

Wenn die Kriterien passen, folgt die Niedrigdosis-CT. In rund 85 Prozent der Fälle ist der Befund unauffällig: Dann gibt es einen Brief und die Wiedereinladung nach zwölf Monaten.

Was folgt auf einen auffälligen Befund? Das Programm setzt auf feste Eskalationsstufen. Alles, was nicht eindeutig unauffällig ist, wird zweitbefundet – ein zweiter Radiologe schaut darauf. Befunde, die unklar sind, werden nach kurzer Zeit kontrolliert (etwa nach drei Monaten).

Wenn ein Befund nach Lungenkrebs aussieht, folgt die interdisziplinäre Abklärung: Pneumologie, Onkologie, Thoraxchirurgie. Je nach Lage gehören zusätzliche Bildgebung und Gewebeproben dazu.

Lennartz hebt einen entscheidenden Punkt hervor: Zweitbefundung und weitere Schritte sollen an spezialisierten Zentren stattfinden. Das verhindere, dass Menschen mit einem Verdachtsbefund zwischen Befundfax, Terminsuche und Angstschleifen alleingelassen werden.

Wie groß ist der Nutzen? Lennartz verweist auf europäische Studiendaten: In der Zielgruppe kann das Screening die Lungenkrebssterblichkeit je nach Geschlecht um 24 bzw. 33 Prozent senken. Im Schnitt muss man etwa 130 Personen regelmäßig screenen, um einen Todesfall durch Lungenkrebs zu verhindern.

Unter Berücksichtigung vieler Studien ergibt sich anschaulich formuliert: Von 1.000 Frauen sterben ohne Screening innerhalb von zehn Jahren 24 am Lungenkarzinom – mit Screening 19. Bei 1.000 Männern sinkt die Zahl von 29 auf 23.

Welche Risiken müssen Teilnehmer kennen – und warum spricht man von Überdiagnosen? Screening ist kein Null-Risiko-Angebot. Lennartz nennt drei Nachteile: Es werden unter Umständen auch Tumore entdeckt, die einer Person zu Lebzeiten nie geschadet hätten – weil sie vorher an etwas anderem gestorben wäre. Es kann zudem zu falsch-positiven Befunden kommen: Verdachtsbefunde lösen Abklärungen und invasive Biopsien aus, die ebenfalls Risiken haben - stellen sich aber dann als gutartig heraus. Zuletzt: Auch ein Niedrigdosis-CT nutzt Strahlung – mit entsprechenden Risiken. Lennartz erläutert, die Dosis läge ungefähr etwas unter „der Hälfte dessen, was man im Jahr in Deutschland durchschnittlich aus der Umwelt abbekommt“.

Warum hat Deutschland so lange gezögert – und war das richtig? Beide Experten verstehen die Vorsicht, kritisieren aber das Tempo. „Die gründliche Prüfung ist eine deutsche Stärke, die Genehmigungsverfahren dauern aber aus bürokratischen Gründen zu lange, das ist nicht digitalisiert, schlecht koordiniert, die Behörden reden nicht miteinander“, sagt Wolf.

Nehmen Raucher das Angebot an? Lennartz berichtet aus der Uniklinik von „sehr vielen Anfragen“, teils im zweistelligen Bereich pro Tag. Allerdings sei Köln eine Großstadt, und das Programm laufe erst an. Die eigentliche Herausforderung liege darin, jene zu erreichen, die vom Screening nichts wissen oder es verdrängen. Denn der Effekt hängt – wie bei jedem Screening – auch an der Teilnahmequote.