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Köln früher und heuteDie „Villa Lammine“ erzählt 120 Jahre Kölner Geschichte

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Das Bild zeigt die „Villa Lammine“ an der Düsseldorfer Straße im Jahr 1914.

Die „Villa Lammine“ an der Düsseldorfer Straße im Jahr 1914. Wieso sie auf dieser Karte als „Haus zur Mühle“ bezeichnet wird, ist nicht überliefert.

Die Düsseldorfer Straße, auf der die opulente Villa steht, galt einst als „Marienburg Mülheims“. Wie sich Villa und Straße im Laufe der Jahre entwickelten.

Wer die „Villa Lammine“ betritt, wird sofort umfangen vom gehobenen Wohnstil der „Belle Époche“. Der Besucher staunt über die dunklen Holzverkleidungen, die die großen, hohen Räume prägen, über die schmucken Stuckdecken und das uralte Parkett, das schon vor mehr als 120 Jahren den Hausherrn Theodor Lammine trug. Der Industrielle lebte fürstlich auf etwa 500 Quadratmetern. In seinem weitläufigen Wohnbereich im Erdgeschoss hatte er die Wahl, sich am Kamin aufzuwärmen, Frachtschiffe beim Vorbeigleiten zu beobachten oder sich an den Putten zu ergötzen, die sich auf Bleiglasfenstern an einem Brunnen mit Froschkönigen tummelten. Das Essen bereitete das Hauspersonal im Souterrain zu.

„Villa Lammine“ im Bombenkrieg beschädigt

Die „Villa Lammine“, gebaut um 1905 an der Düsseldorfer Straße in Mülheim, ist im Inneren in vielen Details erhalten geblieben. Das ist auch den Miteigentümern Erika und Gernot Johannis zu verdanken, die den Wert des hochherrschaftlichen Gebäudes schon Ende der 1970-er Jahren erkannten, als modernere Wohnformen angesagter waren. Weil das Erdgeschoss aufgrund längeren Leerstands verwahrlost war, legten sie sich ins Zeug und renovierten das Parterre. Von dort bietet sich ihnen heute ein unverbaubarer Blick auf den Rhein: „Bei Hochwasser denkt man, die Schiffe fahren direkt durch den Wintergarten“, so Gernot Johannis. Wobei das Anwesen immer hoch genug lag, um nicht überschwemmt zu werden.

Die Düsseldorfer Straße galt einst als „Marienburg Mülheims“. Auf der dem Rhein zugewandten Seite siedelte sich die Mülheimer Oberschicht auf parkähnlichen Grundstücken an, während auf der anderen Straßenseite vor allem Arbeiter, Angestellte und Industriebetriebe wie das Böcking-Walzwerk zu finden waren. „Die Villen entstanden mit der Industrialisierung“, sagt Helmut Goldau von der Mülheimer Geschichtswerkstatt. Nur Seidenfabrikant Christoph Andreae habe sein „Maison de Plaisance“ bereits um 1800 errichten lassen. Insbesondere protestantische Industrielle brachten das bis 1914 eigenständige Mülheim zur wirtschaftlichen Blüte, wurden sie in Köln doch lange Zeit diskriminiert. „Diese Familien waren untereinander verwandt und bildeten eine Art Dynastie, in der man sich gegenseitig unterstützte und förderte“, heißt es in der Broschüre „Mülheimer Straßengeschichte(n)“ der Geschichtswerkstatt.

Im Zweiten Weltkrieg wurden viele Anwesen der Düsseldorfer Straße beschädigt und später durch moderne Bauten ersetzt. Die „Villa Lammine“ gehörte zu den wenigen Juwelen, die überlebt haben. Allerdings musste auch sie im Krieg Federn lassen: Nach Beschädigungen der Fachwerk-Dachlandschaft wurde sie vereinfacht wiederaufgebaut. Warum sie auf der historischen Ansichtskarte aus dem Jahr 1914 als „Haus zur Mühle“ bezeichnet wird, ist nicht überliefert.

Das Bild zeigt die vereinfacht wiederaufgebaute Villa.

Nach Kriegsbeschädigungen im Bombenkrieg wurde die Villa vereinfacht wiederaufgebaut.

Theodor Lammine gründete zusammen mit seinem Bruder eine Fabrik für Dampfkessel, Hochofen- und Glühanlagen, Erbauer der Villa war sein Sohn oder Enkel, der ebenfalls Theodor hieß. Bekannt wurde das Haus später als private Geburtsklinik, die Lammines Schwiegersohn Simon Pucker während des Zweiten Weltkriegs eröffnete und bis Ende der 1960-er Jahre betrieb. Nach Recherchen der Geschichtswerkstatt erblickten im „Rheinsanatorium“ auch die Kinder von Lotte Multhaupt-Adenauer das Licht der Welt. Sie war eine Tochter des Kölner Oberbürgermeisters und Bundeskanzlers Konrad Adenauer, der ihr in den 1950-er Jahren einen Besuch am Wochenbett abstattete. Im Treppenhaus der Villa zeugt noch heute ein Foto vom hohen Gast: Adenauer ist hier zusammen mit Simon Pucker und Lottes Mann Heribert Multhaupt zu sehen.

Positive Entwicklung

Lotte Multhaupt-Adenauer habe damals in Lindenthal gewohnt und damit in der Nähe des St. Elisabeth-Krankenhauses Hohenlind, sagt Konrad Adenauer, Enkel des Bundeskanzlers. Dass sie nicht dorthin zur Entbindung ging, sondern nach Mülheim, wundere ihn ein wenig: „Wahrscheinlich hatte sie enge persönliche Beziehungen zu Simon Pucker.“ Außerdem handelte es sich um eine renommierte Klinik mit gutem Ruf über Mülheim hinaus.

Anfang der 1970er Jahre erkrankte der Gynäkologe schwer und wandelte die Villa aus finanziellen Gründen in mehrere Eigentumswohnungen um. Eva-Maria Bruchhaus war 1971 die erste Eigentümerin, die einzog. Zunächst fühlte sie sich von Mülheim abgestoßen: „Die Gegend, das Haus – alles war schrecklich“, sagt die 92-Jährige: „Damals zog man nicht in alte Häuser, man zog in Neubauten.“ Doch der Ausblick auf den Rhein, die Mülheimer Brücke und den Dom ließ sie bleiben. Heute will sie die Düsseldorfer Straße nicht mehr missen. Nicht nur wegen des Charmes der alten Villa. Auch die Umgebung habe sich positiv verändert. Laute Industriebetriebe sind jedenfalls nicht mehr zu finden.