Abo

Serie

Zwischen Angst, Alltag und Aufbruch
So blicken Anwohner und Geschäftsleute auf den Wiener Platz

4 min
Wie erleben die Menschen den Wiener Platz, die dort täglich arbeiten oder wohnen?

Wie erleben die Menschen den Wiener Platz, die dort täglich arbeiten oder wohnen?

Wie erleben die Menschen den Wiener Platz, die dort täglich arbeiten oder wohnen? Wir haben Anwohner und Gewerbetreibende gefragt – ihre Antworten reichen von Angst und Frustration bis hin zu Verbundenheit.

Für unsere Serie „Kölner Plätze“ haben wir Anwohner und Geschäftsleute gefragt, wie sie den Wiener Platz erleben, wie er sich entwickelt hat und was sie sich für ihn wünschen. Das sind ihre Antworten:

„Ich habe manchmal Angst, die Treppe runterzugehen“

Das größte Problem am Wiener Platz ist die Trinkerszene auf den Treppen. Ich habe manchmal Angst, die Treppe runter- oder hinaufzugehen, in Richtung der Galerie, weil die Männer, die dort sitzen, einen anpöbeln oder angreifen könnten. Außerdem ist es dreckig und stinkt. 

Güler Bali (61) arbeitet in einem Café in der Galerie, direkt neben dem Wiener Platz

Güler Bali (61) arbeitet in einem Café in der Galerie, direkt neben dem Wiener Platz

Zum Glück haben wir in der Galerie Sicherheitsleute, die diese Personen nicht reinlassen. Aber draußen sieht das anders aus. Die Polizei kommt zwar immer wieder vorbei, aber es bringt nichts – die drehen sich um, und dann ist wieder alles wie vorher. Wir haben uns schon oft gedacht: Als normale Leute kommen wir dagegen nicht an.

Ich fände es gut, wenn Polizei und Stadt sich wirklich dauerhaft kümmern würden – und nicht nur kurz vorbeischauen und dann wieder verschwinden.

Güler Bali, 61, arbeitet in einem Café in der Galerie, direkt neben dem Wiener Platz

„In meinen Augen haben wir das hier noch ganz gut im Griff“

Ich bin in Mülheim aufgewachsen und seit 1984 hier selbstständig tätig. Ich habe den alten wie den neuen Wiener Platz mit all seinen Umbrüchen miterlebt. Von Anfang an war der Wiener Platz im Grunde eine Betonwüste.

Aber es hat sich einiges zum Positiven gewendet: Mittlerweile wird der Platz dreimal am Tag von der AWB gereinigt. Wir haben inzwischen auch einen Toilettencontainer, seitdem hat sich vieles verändert – das Wildpinkeln zum Beispiel findet nicht mehr so statt wie früher.

Vorsitzender der Bürgervereinigung Köln-Mülheim und Biergarten-Betreiber am Wiener Platz

Helmut Zoch ist Vorsitzender der Bürgervereinigung Köln-Mülheim und Biergarten-Betreiber am Wiener Platz

Wir haben hier eine Waffenverbotszone, genauso wie eine Spezialeinheit der Polizei, die seit langer Zeit gute Arbeit leistet. Dazu kommen die Kameras. Das trägt schon dazu bei, die Kriminalität im Auge zu behalten. Ich bin ja jeden Tag hier, viele Stunden, und sehe, wie viel hier kontrolliert und mit Handschellen abgeführt wird. Wenn ich Kollegen vom Neumarkt oder Rudolfplatz höre, muss ich sagen: In meinen Augen haben wir das hier noch ganz gut im Griff.

Negativ ist aber, dass die Rolltreppen an der KVB-Haltestelle fast nie funktionieren – und so das erste Bild, das die Menschen bei ihrer Ankunft vom Wiener Platz bekommen, negativ ausfällt. Dort hält sich dann auch die Alkoholiker- und Drogenszene auf.

Außerdem braucht der Platz dringend Bäume und Schattenplätze. Gerade bei diesen Temperaturen merkt man das extrem: Nachmittags heizt er sich total auf, weil er komplett in der Sonne liegt. Da helfen auch keine Sonnenschirme, sondern nur echte Begrünung. Man ist da zwar schon seit einigen Jahren dran, aber es finden immer wieder nur Gespräche statt, wie man das in Köln so kennt – und es dauert und dauert.

Helmut Zoch, 75, ist Vorsitzender der Bürgervereinigung Köln-Mülheim und Biergarten-Betreiber am Wiener Platz

„Es ist nicht so, dass hier alle rumschreien und randalieren“

Der Wiener Platz ist für mich der beste Einkaufsort – man bekommt hier alles, hat seine Bekanntschaften, die Ärzte sind hier. Man braucht gar nicht extra in die Innenstadt zu fahren. 

Es gibt viele Leute, die sich über Obdachlosigkeit, Trinker und so weiter beschweren, aber ich finde, anderswo ist es schlimmer. Man versteht sich hier mittlerweile auch untereinander – es ist nicht so, dass hier alle rumschreien und randalieren wie in der Innenstadt. Nur wegen der Kinder, die hier auch vorbeilaufen und das Elend sehen, ist es manchmal nicht schön anzusehen.

Erika Petrolo, 45, wohnt in Mülheim.

Erika Petrolo, 45, wohnt in Mülheim.

Unsicher fühle ich mich trotzdem nicht: Es gibt hier immer viele Kontrollen, die Polizei kümmert sich, mindestens ein- bis zweimal am Tag ist sie vor Ort. Man kann sich hier wirklich wohlfühlen – deswegen würde ich auch niemals von hier wegziehen.

Was ich mir für den Platz wünschen würde? Dass man mehr aus dieser großen Fläche macht, mehr Nutzen daraus zieht – zum Beispiel mit mehr Veranstaltungen oder mehr Angeboten für Familien.

Erika Petrolo, 45, wohnt seit vielen Jahren in Mülheim

„Man merkt sofort, dass das finanzielle Niveau hier ein anderes ist“

Ich finde, der Platz geht eigentlich in Ordnung, er ist übersichtlich – außer eben nachts, wegen der Leute, die sich hier dann aufhalten. Hier sind natürlich viele gestrandete Menschen unterwegs, Trinker, Bettler und Ähnliches. Aber damit habe ich eigentlich kein Problem, denn die müssen ja auch irgendwohin, und denen geht es nicht gut. Das ist am Neumarkt genauso, da sind auch viele Abhängige unterwegs.

Ich selbst wohne in Lindenthal, das sind wirklich zwei verschiedene Welten. Man merkt sofort, dass das finanzielle Niveau hier ein anderes ist. In Mülheim und am Wiener Platz bin ich oft, weil hier meine Schwiegermutter wohnt.

Michael Baier, 68, ist wegen seiner Schwiegermutter oft in Mülheim unterwegs

Michael Baier, 68, ist wegen seiner Schwiegermutter oft in Mülheim unterwegs

Trotzdem gibt es hier auch schöne Seiten. Wenn man durch die Seitenstraßen in Mülheim geht, findet man viele alte Häuser – das wird oft unterschätzt. Auch die Verbindung zum Park nebenan habe ich erst kürzlich zufällig entdeckt, das hat schon etwas.

Wie man den Platz schöner machen könnte? Man könnte gelegentlich Veranstaltungen organisieren, mit einer kleinen, spontan aufgebauten Bühne – dann würde der Platz sicher viel stärker genutzt werden.

Michael Baier, 68, ist wegen seiner Schwiegermutter oft in Mülheim unterwegs