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An Kölner SchuleMuslimischer Autor klärt über Antisemitismus auf

Lesezeit 4 Minuten
Yilmaz_Antisemitismus_Aufklärung

Burak Yilmaz mit Schülern in Deutz

Köln – Zum Einstieg liest Burak Yilmaz eine drastische Szene aus seinem Buch: Muslimische Jugendliche, die aufgestachelt von einer Anti-Israel-Demonstration kommen, stürmen in ein Duisburger Jugendzentrum, brüllen „Heil Hitler!“ und strecken ihre Hand zum faschistischen Gruß aus. Yilmaz, der als junger pädagogischer Betreuer in dem Zentrum arbeitet und die Typen wutentbrannt rausschmeißt, rufen sie hinterher: „Wir sind Antisemiten. Daran kannst du nichts ändern!“

Witze über Juden

Er habe „vielleicht mal ein paar Witze über Juden gehört“, sagt Felix, 22-jähriger Abiturient aus der Kfz-Klasse der Deutzer Nicolaus-August-Otto-Berufsschule, als Yilmaz anschließend nach den Erfahrungen der Schüler fragt. „Ansonsten war das Thema in meinem Leben bislang eher abstrakt. Aber es ist natürlich komisch, wenn eine Synagoge Tag und Nacht bewacht wird.“ Ob es andere Erfahrungen gebe? „Wenn jemand geizig ist, hat schon mal jemand gesagt: Du Jude“, erinnert sich ein Schüler. „Oder wenn es um Opfer geht: Es gibt Leute, die bezeichnen Opfer als Juden.“ - „Oder extrem Reiche.“ -„Viele verheimlichen, dass sie Juden sind, weil sie Angst vor Ausgrenzung haben – wir hatten auch mal einen in der Klasse, der es einfach nicht jedem erzählt hat.“

„Thema interessiert mich nicht“

Ein Jugendlicher im Stuhlkreis wippt heftig mit den Füßen und stiert zum Fenster. „Und, deine Erfahrungen?“, fragt Yilmaz. „Das Thema interessiert mich nicht. Ich halte nichts davon. Das ist nicht normal“, sagt der Schüler. Was er damit meine, nicht normal? „Man diskutiert das untereinander und Schluss.“ Man merkt: Es arbeitet etwas in dem Jungen. Aber er rückt nicht raus.

Es sei eher selten, dass es so ruhig zugehe wie in dieser Klasse, wird Yilmaz, der allein in diesem Jahr in mehr als 30 Schulen über Antisemitismus aufklärt, nach der Stunde sagen. „Oft wird es sehr emotional. In ungefähr jeder zweiten Klasse erzählen Jugendliche, dass sie mit judenfeindlichen Ressentiments groß geworden sind.“

„Krasses Gefühl, gedisst zu werden“

Längst nicht immer könne er die Vorurteile aufbrechen. Manchmal gelingt es aber schon mit einfachen Rollenspielen: In der Stunde hat er den 18-jährigen Stefan gebeten, kurz rauszugehen. Die anderen sollten Stefan danach konsequent ignorieren – auf keine Frage und keinen Blick eingehen, sich einfach abwenden. „Krasses Gefühl, so gedisst zu werden“, sagt Stefan. „Sehr unangenehm.“ „Stell dir vor, dir geht es 20 Jahre so, einfach immer“, sagt Yilmaz. „Vor dem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass jüdische Menschen ihre Identität verheimlichen“, sagt Felix. „Wenn jemand ausgegrenzt wird, sollte man immer eingreifen. Wenn es krass wird, auch die Polizei rufen.“ – „Die Polizei? Aber die ist doch auch rassistisch!“, sagt ein anderer Schüler. Die Diskussion wird jetzt lebhafter – „Schwarzkopf“, „Du hast kein Land“ – „Lern erstmal Deutsch“ – von den Jungs mit Migrationshintergrund haben hier alle Erfahrungen mit Rassismus gemacht.

Rassistische Erfahrungen als Kind 

Burak Yilmaz engagiert sich seit mehr als zehn Jahren gegen Antisemitismus und hat vor allem benachteiligte Jugendliche im Blick. Er kommt aus Duisburg-Obermarxloh – einem der bekanntesten sozialen Brennpunkte des Landes – und war früh mit Rassismus konfrontiert: Seine Grundschullehrerin versieht ihn mit einer Hauptschulempfehlung, obwohl er einer der besten Schüler ist. Ein alter Mann im Dichterviertel brüllt aus seinem Fenster: „Euch Türkenkinder sollte man alle in die Kammer schicken!“ Nach dem 11. September werden Yilmaz und seine Kumpels als „Terroristen“, „Schläfer“ oder „Kamelficker“ beschimpft. Burak Yilmaz erlebt, wie die Oma seiner Freundin den Hitlergruß zeigt und ein Mitschüler ihm auf einer Klassenfahrt Lieder von rechtsextremen Musikgruppen vorspielt.

Mit Muslimen nach Auschwitz

Die ständigen Erfahrungen von Extremismus, Nationalismus, Antisemitismus und Gewalt motivieren Yilmaz, gegenzusteuern. Im November 2012 fährt er zum ersten Mal mit einer Gruppe aus dem Jugendzentrum nach Auschwitz. Danach rufen ihm Muslime in Marxloh „Jude!“ oder „Zionist!“ hinterher. Den Jugendlichen – und auch Yilmaz selbst – ist nach der Fahrt zur Gedenkstätte klarer, was Auschwitz mit der Gegenwart, was mit jedem Einzelnen von uns zu tun hat.

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„Nicht wegschauen.“ – „Zivilcourage zeigen, wenn Menschen beleidigt werden.“ – „Man sollte nachdenken, was man sagt“, sagen die Jugendlichen der Deutzer Berufsschulklasse. Yilmaz nickt und sagt: „Ja, darum geht es.“ Für sein Engagement hat der Duisburger Pädagoge schon das Bundesverdienstkreuz erhalten. Sein Buch „Ehrensache. Kämpfen gegen Judenhass“ ist eine eindrucksvolle Lebensgeschichte – und ein Plädoyer für Toleranz und Zivilcourage.  

Burak Yilmaz: Ehrensache: Kämpfen gegen Judenhass, Suhrkamp (2021)

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