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Nachruf auf Ruth Herz
Die Richterin, die nicht an objektive Urteile glaubte

Ruth Herz steht vor dem Justizgebäude am Reichensperger Platz

Ruth Herz wurde bekannt als Richterin in der RTL-Serie „Das Jugendgericht“

Ruth Herz wurde als Richterin in der RTL-Serie „Das Jugendgericht“ bekannt. Sie starb mit 79 Jahren in Köln. Ein Nachruf.

Dass vor Gericht stets in hohem Maße objektiv geurteilt werde, zweifelte die Kölner Jugendrichterin Ruth Herz entschieden an. Das ginge allein deswegen nicht, weil jeder Richter ein Mensch mit eigenen Erfahrungen, Prägungen und Prinzipien sei, sagte sie. Auf der Grundlage der Gesetze würde jede Richterin und jeder Richter Täter und ihre Straftaten anders einschätzen. „Zu entscheiden, was wahr und was nicht wahr ist, scheint mir heute ein Mangel an Bescheidenheit, vielleicht sogar Eitelkeit.“ Der Satz eines Richters aus dem Spielfilm „Drei Farben Rot“ gefiel ihr sehr.

Dass sie sich mit dieser Haltung nicht nur Freunde machte in ihrer stolzen Zunft, ficht Herz nicht an. Seelenverwandt fühlte sie sich Pierre Cavellat, einem französischen Richter, der im Gerichtssaal Hunderte Zeichnungen angefertigt hatte und durch seine Bilder Emotionen, Fantasien und Widersprüche von Staatsanwältinnen, Verteidigern und Richtern freilegte, die üblicherweise durch Gesetzestexte, Roben und rhetorische Etiketten verdeckt werden. Vor zehn Jahren veröffentlichte Ruth Herz ein Buch über ihn. Sie glaubte daran, dass die Welt, die eigene und die aller Menschen, mit Geschichten verändert werden kann. Weil jede Geschichte neue Perspektiven eröffnet. Auch ihre eigene.

Ruth wäre auch gern Tangotänzerin geworden
Gabriel Gorodetsky, Ehemann

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Die lichtdurchflutete Wohnung in einem Marienburger Mehrfamilienhaus, in der sie mit ihrem Mann, dem bekannten Oxford-Historiker Gabriel Gorodetsky, lebte, ist voll von Kunstwerken und Büchern. Gefühl und Intellekt gehörten für Ruth Herz nicht nur in ihrer Arbeit als Richterin zusammen.  „Gern wäre sie auch Tangotänzerin geworden, oder Sängerin“, erzählt Gabriel Gorodetsky beim Anschauen von alten Fotos im für viele Jahre gemeinsamen Arbeitszimmer. Tango war für Herz vergleichbar mit ihrer Arbeit im Gerichtssaal. Im Tango braucht es neben dem Wissen um die richtigen Schritte Vertrauen - und Intuition.

Die Bilder und aufscheinenden Erinnerungen machen Gabriel Gorodetsky traurig und glücklich. Fast alles hätten sie in den vergangenen fast 27 Jahren geteilt, sagt er. Jetzt erinnert ihn in der Wohnung viel zu viel an sie.

Ruth Herz wird vor Fernsehaufnahmen für die Serie „Das Jugendgericht“ geschminkt.

Vor einer Aufnahme für die Serie „Das Jugendgericht“

Öffentlich bekannt wurde Ruth Herz als Richterin der RTL-Serie „Das Jugendgericht“. Ein Fachpublikum kennt sie als Initiatorin eines Modellprojekts für die Einführung der Mediation im Jugendstrafrecht – den sogenannten Täter-Opfer-Ausgleich. Sie erhielt das Bundesverdienstkreuz, hatte Lehraufträge und Stipendien unter anderem in Oxford, Princeton, Toronto, Jerusalem, München, Freiburg. Noch mit 79 wurde ihre Gastprofessur an der Universität London für vier Jahre verlängert.

Wenige Wochen vor ihrem Tod blieb sie zuversichtlich, bald nach England zurückkehren zu können. Und plante, mit Gabriel Gorodetsky nach Paris zu fahren, der Stadt, in der ihre Liebe begonnen hatte und in die sie jedes Jahr zurückkehrten. „Ihre gesundheitlichen Belastungen tat sie als Geräusche ab, die man lieber ignorieren sollte“, sagt Gorodetsky.

Sie strahlte. Sie war elegant, zeitlos schön und optimistisch bis zum letzten Tag
Manuel Herz, Sohn

Der Sohn erinnert als Erstes ihre Schönheit und Zuversicht, die er schon als kleines Kind bewunderte. „Sie strahlte so. Sie war elegant, zeitlos schön und optimistisch bis zum letzten Tag“, sagt Manuel Herz. „Wer sie sah, hätte sie nie für eine alte Frau gehalten. Alt war sie wirklich nie.“

Optimistisch blieb Ruth Herz, obwohl das Leben auch viele Zumutungen bereithielt, Stigmatisierung, zu frühe Tode, eigene Krankheiten. „Meine Mutter hatte gelernt, dass wir nicht alles in der Hand haben, aber trotzdem selbst für unser Leben verantwortlich sind“, sagt der Sohn.

Es gibt Menschen, die darauf vertrauen, dass das vor allem Positive auf sie wartet. Oft suchen diese Menschen das Glück besonders neugierig und zielstrebig – und finden es. Der Vater von Ruth Herz muss so ein Mensch gewesen sein. 1933 als Anwalt entlassen, von Nazis diffamiert, war er mit seiner Familie nach Israel geflohen, kehrte aber 1950 zurück nach Deutschland, um sich in der britischen Besatzungszone um die Rückerstattung jüdischen Eigentums zu kümmern. Später machte er in Düsseldorf eine Kanzlei auf.

Ihr Vater kehrte fünf Jahre nach dem Krieg nach Deutschland zurück

„Es brauchte etwas ungewöhnlich lebensbejahendes, um als jüdischer Rechtsanwalt fünf Jahre nach dem Krieg nach Deutschland zurückzukehren“, sagt Manuel Herz, ein international erfolgreicher Architekt. „Mein Großvater hatte trotz der Erfahrung des Holocausts die Fähigkeit, das Leben zu umarmen. Meine Mutter hatte diese Fähigkeit auch.“

Jeder Mensch trägt viele Eigenschaften und Möglichkeiten, Ideen und Träume in sich. In jedem Leben passiert verwirrend viel. Doch die meisten Menschen, die sagen, „aus meinem Leben müsste man einen Roman schreiben!“, wissen nicht, wie das gehen könnte: Ihre einmaligen Gedanken, Erfahrungen und Gefühle in einer einmaligen Geschichte zu erzählen. Oft ist das Schweigen stärker. Die Scham. Oder der Alltag. Der dann doch nicht so interessant ist wie die innere Welt. 

Ruth Herz strahlt in die Kamera

Ruth Herz

Ruth Herz versuchte immer wieder, die reiche innere Welt mit der oft in Konventionen verkleideten äußeren zu verbinden. Sie schrieb nicht nur ein Buch über ihre Geschichte („Recht persönlich – Eine Jugendrichterin erzählt“), ein Standardwerk zum Jugendstrafrecht und ein international unter Juristen viel beachtetes Buch über den malenden Richter Pierre Cavellat. Sie öffnete immer neue Möglichkeitsräume und lebte nach Möglichkeit ihre Träume.

Die Gelegenheit, als Jugendrichterin im Fernsehen zu arbeiten, habe sie nicht ergriffen, weil die Journalistin Gisela Marx damit geworben hatte, der Job bringe ihr „ein gutes Honorar und eine ungeheure Macht“, erinnert sich Gabriel Gorodetsky. „Die wirkliche Macht habe ich vor Gericht“, habe Herz geantwortet. Erst, als der Sender ihr die Autorität bei der Entscheidung über den Ausgang der Prozesse zugesichert habe, habe sie sich für den TV-Auftrag entschieden. Manche Juristen-Kollegen kritisierten sie für den Schritt.

Ihr war das einerlei. Zwar nahmen ihre Zweifel mit der Forderung nach einer Fokussierung auf schwere und brutale Verbrechen zu, schon nach zwei Jahren wollte sie kündigen, nach vieren tat sie es schließlich; die Vorteile, eine breite Öffentlichkeit für die Hintergründe von Jugendkriminalität zu sensibilisieren, schienen ihr zunächst aber zu überwiegen.

Gespür für junge Menschen und ihre sozialen und familiären Hintergründe zeichneten Ruth Herz als Jugendrichterin aus. Sie zählte nicht zu jenen, die „die heutige Jugend“ für schlechter erzogen oder verantwortungsloser hielten – im Gegenteil. Sie kritisierte, dass Jungen vor Gericht oft schroffer behandelt und härter bestraft wurden als Mädchen; dass Jugendlichen mit Migrationshintergrund allzu oft mangelnde Bildung unterstellt wurde. „Ich kenne die kleinen subtilen, fast unmerklichen Wege, wie die Grenzen zu Fremden gezogen und sie damit zu Außenseitern abgestempelt werden“, schrieb sie.

Ruth Herz steht in schwarzer Richterrobe vor einem Gerichtssaal

Ruth Herz vor der Studiokulisse der Sendung „Das Jugendgericht“

Nicht wenige Kollegen kritisierten sie für ihre vorgeblich „zu milden“ Urteile. Hinter ihrem Rücken wurde gespöttelt. Gern erzählte sie, wie sie mit männlichen Jugendrichtern ein Gefängnis besuchte und der Leiter sie, die einzige promovierte Juristin in der Gruppe, mit den Worten begrüßte: „Wie schön, dass sie ihre Sekretärin mitgebracht haben!“ Sie konterte so etwas lieber ironisch als wutschnaubend. Wie sie lieber elegante Kleider trug als weite Gewänder. Natürlich war sie Feministin. Alice Schwarzer kannte und schätzte sie. „Ruth wählte aber selbst nie den Weg der Militanz“, sagt Gabriel Gorodetsky.  „Für sie war es auch kein Widerspruch, Feministin zu sein und trotzdem ihre Weiblichkeit zu betonen.“

In einer Talkshow wurde Herz mit der Frage konfrontiert, ob sie sich als Jüdin oder als Deutsche fühle. Als sie einer Redakteurin der Frauenzeitschrift Brigitte von ihrer Herkunft erzählte, wunderte sie sich, dass das Magazin das Porträt mit dem Titel „Ich bin eine Jüdin“ versah.

Warum war das so wichtig?, fragte sie sich. Sie hatte die deutsche Staatsbürgerschaft, war die Tochter einer seit Jahrhunderten in Deutschland ansässigen Familie. „Empfindet mich meine deutsche Umgebung als Außenseiterin? Wenn das bei mir so ist, wie ist es erst vor Gericht bei Angeklagten mit ausländischer Herkunft?“ Diese Fragen trieben sie um.

Kölner Richterin Ruth Herz: Die Welt sollte ihr zu Hause sein, auf keinen Fall eine Nation

Es gehört zu den schönsten Facetten ihrer Geschichte, dass ihre Familie Ruth Herz trotz der Erfahrung des Holocausts mit einem großen Urvertrauen ausstatten konnte. Sie wuchs dreisprachig auf - mit ihrer Mutter sprach sie Hebräisch, mit dem Vater Deutsch, mit dem Bruder Englisch. Die Welt sollte ihr zu Hause sein, auf keinen Fall eine Nation. Wohnort, Religion oder Vermögen, so brachten ihr die Eltern bei, dürften nicht entscheidend sein. Dafür universelle Werte wie Toleranz, Bildung, Chancengleichheit, Empathie. Nachdem sie in Genf eine Dolmetscherschule besucht hatte, studierte sie Jura.

Das erlebte Vertrauen half Ruth Herz nicht nur entscheidend, eine der seinerzeit wenigen Richterinnen in Deutschland zu werden; sie gab dieses Vertrauen an ihre Kinder Manuel und Daniela weiter – und vermittelte es durch ihre empathische Prozessführung auch manchen der Jugendlichen, die nach Straftaten früh ins Abseits zu geraten drohten.

Und wie ließe es sich anders als mit Vertrauen und Intuition erklären, dass Herz mit den beiden Männer ihres Lebens in emotional wie intellektuell harmonischen Beziehungen lebte?

Thomas Herz lernte sie an der Universität Köln kennen. Beide verband ein ähnliches Schicksal: Thomas‘ jüdischer Vater musste während der Nazi-Zeit mit seinen Eltern von Wien nach Schweden fliehen. In seiner sozialwissenschaftlichen Forschung setzte er sich mit sozialer Ungleichheit und der deutschen Aufarbeitung der Nazizeit auseinander. Manuel Herz erinnert sich an eine liebevolle Beziehung seiner Eltern, „Gleichberechtigung in jeder Hinsicht“, die Familie als Fundament des Vertrauens in die Welt.

Ihr Mann Thomas Herz starb mit 57 an Krebs, ihre Tochter mit 52 an MS

Thomas Herz starb mit 57 Jahren an Krebs. „Es vergingen Jahre, bis die Trauer ein Teil von mir geworden war“, schreibt Ruth Herz in ihrer Biografie. Die Nähe zu den Kollegen am Kölner Institut für Kriminologie, an dem er gelehrt und sie ebenfalls einen Lehrauftrag hatte, hielt sie nicht aus und ging als Gastdozentin nach Toronto. Im Jahr darauf bewarb sie sich auf eine Dozentur in Jerusalem. Bei einem Abendessen einer Cousine lernte sie Gabriel Gorodetsky kennen, seinerzeit Inhaber des Lehrstuhls für russische Geschichte an der Universität von Tel Aviv.

Bei einem Spaziergang fanden die beiden heraus, dass sie wenige Hundert Meter voneinander entfernt aufgewachsen waren. Schnell verband sie mehr als ihre Kindheitserinnerungen. Sie hätte es nicht für möglich gehalten, noch einmal eine Liebe zu finden. Und fand sie doch.

Gabriel Gorodetsky und Ruth Herz sitzen in einem Café in Paris und lächeln.

Mit Gabriel Gorodetsky in Paris

Auf jedem Porträt, das Gabriel Gorodetsky zeigt, dieses Strahlen. In Manhattan und am Comer See, in der Maske vor einer Sendung, auf einem Bild vier Wochen vor ihrem Tod in Lissabon. Keine Spur davon, dass sie über Jahre ein Leberleiden plagte. Nichts zu sehen von der schweren Erkrankung, die folgte. Vor vier Jahren schließlich war ihre Tochter Daniela gestorben, nach langer und fürchterlicher MS-Erkrankung, mit 52 Jahren.

Er erinnere sich, wie er sie bei einem Spaziergang in Lower Manhattan gefragt habe, wie sie das nur immer wieder schaffe, eine positive Sicht auf das Leben zu gewinnen, sagt Gabriel Gorodetsky. „Ihre Antwort, mit ihrem besonderen Lächeln und Augenzwinkern, lautete: Ich erlaube mir jeden Tag eine Stunde, um im Raum der Angst und Trauer zu verweilen. Danach lege ich Trübsal und Sorgen für den Rest des Tages wieder weg.“

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