Der Bau von Wohnungen lässt auf sich warten, dadurch verzögert sich auch das geplante Mahnmal an der Keupstraße. Die Stadt Köln sieht keine Möglichkeit, das zu ändern.
Nagelbombenanschlag 2004Bau des Mahnmals an der Keupstraße rückt in weite Ferne

„Wo bleibt das Mahnmal?“, fragen Anwohner der Keupstraße 22 Jahre nach dem Nagelbombenanschlag. Von links: Rujin Tunc, Muhammet Ayazgün, Bünyamin Köksoy und Ilknur Altinova.
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Am Dienstag jährt sich der Nagelbombenanschlag auf der Keupstraße zum 22. Mal. Es wird eine Gedenkveranstaltung geben und eine Schweigeminute für die Opfer. Politiker und der türkische Generalkonsul werden Ansprachen halten. Man wird beklagen, dass es weiterhin kein Mahnmal für die Opfer gibt. Nicht mal eine klare Perspektive. Der quälend lange Prozess sorgt bei den Menschen auf der Keupstraße für viel Frust.
„Keiner fühlt sich verantwortlich. Wie kann es sein, dass es 22 Jahre nach dem Anschlag noch immer kein Mahnmal für die Opfer gibt?“ Rujin Tunc (33), Vorstandsmitglied der Interessengemeinschaft Keupstraße, ist enttäuscht und verärgert. Wie so viele Anwohner und Geschäftsleute in dem türkisch geprägten Viertel in Mülheim kann sie nicht verstehen, dass die Pläne für einen würdigen Gedenkort nicht endlich in die Tat umgesetzt werden. „Es gibt bislang keinen konkreten Zeitplan, wann das Mahnmal gebaut werden soll. Das ist nicht hinnehmbar. Eigentlich müsste es längst fertig sein“, meint Ilknur Altinova (49), Inhaberin eines Modegeschäfts auf der Keupstraße. Doch ein Baubeginn ist nicht in Sicht. Und die Stadt Köln sieht keine Handhabe, wie sie das Projekt beschleunigen könnte.
Am 9. Juni 2004 um 15.56 Uhr hatten Rechtsradikale der Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) vor dem Friseursalon Özcan an der Keupstraße 29 einen mit rund 800 Nägeln gespickten Sprengsatz detonieren lassen. Die Bombe war in einem Koffer versteckt, der auf dem Gepäckträger eines Fahrrads lag. 22 Menschen wurden verletzt, vier davon schwer. Wie durch ein Wunder kam niemand ums Leben. Das Attentat hinterließ nicht nur körperliche Narben, es grub sich auch tief ins kollektive Bewusstsein der Menschen auf der Keupstraße. Sie wurden durch den Anschlag traumatisiert, fühlten sich in ihrer vertrauten Umgebung plötzlich nicht mehr sicher.
Rujin Tuncs Ehemann Baran, heute Inhaber eines Juweliergeschäfts, war 13 Jahre alt, als die Bombe hochging. „Mein Mann war rund 100 Meter entfernt, er hat alles miterlebt – den gewaltigen Knall, den Qualm, der die Straße verdunkelte, die Trümmer, die verstörten Menschen. Noch heute erschrickt er sich bei jedem lauten Geräusch“, erzählt sie.
Zehn Zentimeter lange Nägel flogen durch die Luft
Muhammet Ayazgün (55), Besitzer des „Café Paradies“, befand sich damals mit zwei Freunden direkt gegenüber dem Tatort. „Ich habe gesehen, wie der Mann mit dem Käppi das Fahrrad mit dem Koffer vor dem Friseursalon abgestellt und mehrmals hin und her geschaut hat“, erinnert er sich. „Eine Minute, nachdem er weg war, hat es geknallt. Danach konnte ich nichts mehr hören. Das Trommelfell in meinem linken Ohr war geplatzt. Auf der Straße lagen überall Scherben.“

Ermittler der Kölner Polizei vor dem zerstörten Friseursalon an der Keupstraße 29 (Foto vom Juni 2004).
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Die Wucht der Explosion hatte zahlreiche Schaufenster zerbersten lassen, zehn Zentimeter lange Zimmermannsnägel flogen durch die Luft. „Einer steckte im Bein meines Freundes, drei weitere im Regenrohr über mir“, berichtet Ayazgün. Er habe zuerst an eine Gasexplosion gedacht, dann die Nägel gesehen. „Da wusste ich, es war eine Bombe.“ Bis heute schaue er instinktiv genauer hin, wenn jemand in seiner Nähe ein Fahrrad abstelle.
Auch der Vorsitzende der IG Keupstraße Bünyamin Köksoy (53), Besitzer eines Reisebüros und im Viertel aufgewachsen, hat das Attentat miterlebt. „Alle waren völlig schockiert.“ Die Jahre danach seien für die Menschen auf der Keupstraße extrem belastend gewesen. „Keiner wusste, wer das getan hat. Alle hatten Angst, dass so etwas wieder geschehen könnte. Die Polizei hat nichts herausgefunden und fälschlicherweise die türkische Community verdächtigt.“ Immer wieder seien Läden auf der Keupstraße durchsucht worden. Viele Geschäftsleute hätten damals aufgegeben und seien weggezogen. „Die Opfer wurden zu Schuldigen erklärt. Das war die zweite Traumatisierung“, sagt Rujin Tunc.
Keupstraßen-Mahnmal soll aus Skulptur und digitalem Teil bestehen
Erst nach der Selbstenttarnung des NSU 2011 wurde klar, dass der Anschlag einen rassistischen Hintergrund hatte und von den Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt verübt wurde. Drei Jahre später, am zehnten Jahrestag des Attentats, fand in Mülheim das erste „Birlikte“-Kulturfest statt – als Zeichen für ein friedliches Zusammenleben und gegen Rassismus. Neuauflagen gab es 2015, 2016 und zum 20. Jahrestag im Jahr 2024.
Bereits 2016 wurde in einem Wettbewerb festgelegt, wie das Mahnmal für die Opfer des Anschlags aussehen soll. Zehn Künstler gaben Entwürfe ab, die Jury kürte einstimmig das Konzept von Ulf Aminde aus Berlin zum Sieger. Er will auf der Ecke Keupstraße/Schanzenstraße, in Sichtweite des Tatorts, eine 30 Zentimeter hohe und 24 mal sechs Meter große Betonplatte gießen lassen. Sie bildet das Fundament des Hauses ab, vor dem die Bombe detonierte. Die Skulptur soll durch eine digitale Komponente zu einem „virtuellen Haus“ werden. Über QR-Codes können sich Besucher vor Ort auf dem Smartphone Videos anschauen, in denen Überlebende des Anschlags zu Wort kommen.

An der Ecke Keupstraße/Schanzenstraße stehen noch Gebäude, die abgerissen werden sollen. Dort soll das Mahnmal entstehen.
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Dass das Mahnmal bis heute nicht existiert, hat vor allem damit zu tun, dass es auf einer Fläche entstehen soll, die nicht der Stadt gehört. Die früheren Eigentümer des Areals hatten den Standort auf der Ecke Keupstraße/Schanzenstraße abgelehnt und eine Alternative in der Nähe angeboten. Die lehnte Ulf Aminde ab, er sagte: „Ich habe das Mahnmal eigens für diesen Standort konzipiert. Es kann nur dort stehen.“
Als die Düsseldorfer Gentes-Gruppe das Grundstück 2021 erwarb, schien Bewegung in die Sache zu kommen. Der Projektentwickler sagte zu, der Stadt eine 550 Quadratmeter große Fläche für das Mahnmal zu übertragen. Das ist zwar inzwischen geschehen. Doch der Bau liegt nach wie vor in weiter Ferne.
Platz für das Mahnmal soll erst als Baustelleneinrichtungsfläche dienen
„Der notarielle Kaufvertrag über die für das Mahnmal vorgesehene Grundstücksfläche wurde Mitte März 2026 beurkundet“, teilt die Stadt Köln auf Anfrage mit. Nutzen könne man die Fläche aber erst, wenn der Wohnungsbau abgeschlossen sei. „Teil der Abmachung ist, dass Gentes die Platzfläche unentgeltlich als Baustelleneinrichtung nutzen kann. Deshalb ist es nicht möglich, die Platzfläche mit dem Denkmal zeitlich vor dem Bau der Gebäude zu realisieren“, so eine Stadtsprecherin.
Gentes will auf dem rund 16.000 Quadratmeter großen Areal 320 Wohnungen plus Gewerbeflächen bauen, sucht dafür einen Investor. Das gestaltet sich offenbar schwierig. Fragen unserer Redaktion zum Stand des Projekts und zum Beginn der Bauarbeiten will Gentes nicht beantworten und verweist auf „die laufenden Gespräche mit der Stadt Köln, vertreten durch die zuständigen Ämter sowie die politischen Gremien“. Der WDR hatte berichtet, der Bau des Mahnmals werde frühestens 2030 beginnen. Gentes dementierte dies auf Anfrage, nannte aber kein Datum.

Die vom Projektentwickler Gentes geplante Bebauung an der Keupstraße/Schanzenstraße. Das dunkelgraue Rechteck unten rechts stellt die Skulptur des Mahnmals dar
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Im Mai 2025 hatte Gentes-Geschäftsführer Michael Kraus erklärt, man wünsche sich einen Baubeginn im November 2025 und gehe „davon aus, dass die Bauarbeiten etwa 36 Monate in Anspruch nehmen“. Bislang hat der Bau der Wohnungen aber nicht begonnen. Die Errichtung des Mahnmals könnte somit frühestens im Sommer 2029 starten – aber nur wenn sich jetzt ein Investor findet, der sofort loslegt.
Danach sieht es jedoch nicht aus. Zur Frage, wann das Bauprojekt startet, erklärt die Stadtsprecherin: „Der Stadt liegen aktuell leider keine Informationen dazu vor.“ Gentes habe im März 2024 eine vollständige Baugenehmigung erhalten. Diese sei drei Jahre gültig, könne aber auf Antrag verlängert werden. Zudem sei die Verjährung eventuell durch die Klage eines Nachbarn gehemmt worden. Gentes und der Investor Nidya, der auf der angrenzenden Fläche einen Hotelkomplex bauen will, hatten jeweils gegen die Baugenehmigung des anderen geklagt, ihren Rechtsstreit aber im Mai 2024 beigelegt.
Mahnmal wird zum 25. Jahrestag des Anschlags voraussichtlich nicht fertig
Über die Gründe, warum sich offenbar kein Investor findet, wird im Viertel viel spekuliert. Einige meinen, Gentes fordere einen zu hohen Preis, es liege nicht nur an der Krise auf dem Immobilienmarkt. Andere sagen, Gentes habe das Grundstück zu teuer eingekauft. Zudem werde das Projekt durch eine Auflage im Grundbuch verteuert, die Investoren bei einem Neubau zwingt, hunderte zusätzliche Parkplätze für Nachbargrundstücke zu errichten. Das mache den Bau der Tiefgarage besonders kostspielig.
Angesichts der verfahrenen Situation zeichnet sich ab, dass es auch zum 25. Jahrestag im Jahr 2029 kein Mahnmal geben wird. „Man hat uns immer wieder vertröstet. Rund 150 Familien und Geschäftsleute fragen sich: Warum passiert einfach nichts? Wir wollen nicht länger mit leeren Versprechungen hingehalten werden“, betont Bünyamin Köksoy. „Die Stadt Köln und Oberbürgermeister Torsten Burmester müssen jetzt alles daran setzen, dass das Mahnmal so schnell wie möglich realisiert wird.“
Doch die Stadt Köln sagt, ihr seien die Hände gebunden. Ob eine Baugenehmigung tatsächlich genutzt werde, könne die Stadt nicht beeinflussen. Daher könne man keinen konkreten Zeitpunkt für die Realisierung nennen. Es sei auch nicht möglich, den Bau des Mahnmals vorzuziehen. Begründung: „Es stehen keine alternativen Flächen für die Baustelleneinrichtungen zur Verfügung.“
Wenigstens kommt der digitale Teil des Mahnmals gut voran. In Filmbeiträgen, die die Stadt finanziert, kommen Überlebende des Anschlags zu Wort. Zum Jahrestag am 9. Juni werde es eine Präsentation des digitalen Teils geben, kündigt die Stadtsprecherin an. „Die bereits produzierten Filme werden spätestens ab 2027 der Öffentlichkeit über eine Website zugänglich gemacht.“ Interviews mit Betroffenen sind bereits unter www.mahnmal-keupstrasse.de zu sehen.
Gedenktag
Am Dienstag, 9. Juni, wird an der Keupstraße der Opfer des Anschlags gedacht. Um 15.56 Uhr findet eine Schweigeminute statt. Grußworte sprechen Bürgermeisterin Derya Karadag, der türkische Generalkonsul Hüseyin Kantem Al, Landtagsvizepräsidentin Berivan Aymaz und Bezirksbürgermeister Vincent Morawietz. Außerdem sprechen der Vorsitzende des Integrationsausschusses Tayfun Keltek und der beim Anschlag verletzte Geschäftsmann Muhammet Ayazgün. (fu)
