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95-Jährige erinnert sichWas vor der Kölner Operneröffnung 1957 alles schief ging

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Biggi Fahnenschreiber freut sich am Donnerstag, 24. September, auf dem roten Teppich über die Wiedereröffnung der Kölner Bühnen.

Biggi Fahnenschreiber freut sich am Donnerstag, 24. September, auf dem roten Teppich über die Wiedereröffnung der Kölner Bühnen.

Biggi Fahnenschreiber ist 95 Jahre alt und eine Kölner Tanz-Legende. Sie war schon 1957 als Tänzerin bei der Eröffnung der Kölner Oper dabei.

Es war der wohl emotionalste Moment beim Festakt zur Wiedereröffnung von Oper und Schauspiel, den aber nur wenige der geladenen Gäste mitbekamen: Eine Frau steht in der Pause auf, geht nach vorn, legt beide Hände auf den Bühnenboden und hält inne. Es ist Biggi Fahnenschreiber, 95 Jahre alt. Sie ist die letzte noch lebende Tänzerin der Operneröffnung von 1957. Auch damals ging im Vorfeld einiges schief, erinnert sich die Kölnerin im Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Frau Fahnenschreiber, wie hat Ihnen die Wiedereröffnung am Donnerstag gefallen?

Sehr, sehr gut. Aber dieses Gefühl, das einen ergreift, wenn man die Bühne anfasst, auf der man vor 69 Jahren getanzt hat – das kann man nicht beschreiben. Es kamen jedenfalls viele Erinnerungen zur ersten Eröffnung des Opernhauses hoch.

Zum Beispiel?

Naja (lacht). Auch damals ist im Vorfeld nicht alles rund gelaufen – um nicht zu sagen: Da hat vieles nicht funktioniert.

Geschichte wiederholt sich?

Wenn Sie so wollen: Das größte Problem hatten wir kurz vor der Eröffnung. Wir waren im Ballettsaal, als wieder die Feueralarmanlage losging. Wir sind dann alle zur Bühne gelaufen. Dort stand der Inspizient mit der neuen Schalttafel, mit der er noch nicht so vertraut war. Und dann hat er einen falschen Knopf gedrückt, so dass die Sprinkleranlage anging und die linke Seite des Hauptvorhangs berieselte – und das drei Tage vor der Premiere. Der arme Mann war total fertig. Tag und Nacht hat man dann auf Leitern und mit Föhnen versucht, den Vorhang zu trocknen.

Biggi Fahnenschreiber als 19-jährige Tänzerin

Biggi Fahnenschreiber als 19-jährige Tänzerin

Sie sagen, es gab vor der Eröffnung häufiger Feueralarm?

Ja, da war ja immer was. Die Alarmanlage war nämlich ganz empfindlich eingestellt. Und immer, wenn man beim Maskenbildner die Perücken feucht ondulierte oder der Föhn benutzt wurde, ging die Alarmanlage an. Jedes Mal kam die Feuerwehr. Oder wenn in der Schneiderei die Kostüme feucht gebügelt wurden: Zack, Alarmanlage – und wieder Feuerwehr. Ich weiß noch: Einmal waren mein Tanzpartner Peter Schnitzler und ich an der Ballettstange und Peter meinte zu mir: „Biggi, es sind jetzt schon 20 Minuten vergangen, und es ist noch keine Feuerwehr gekommen.“

Gab es weitere Probleme?

Ja, wir hatten in der Garderobe so ganz moderne Stühle, die hatten nur drei Beine. Das war für uns Tänzerinnen schlecht. Wir haben unsere Beintrikots, also die Strumpfhosen, immer im Stehen auf den Stühlen angezogen. Aber das war mit dem dreibeinigen Stuhl nicht möglich. Eine Etage über uns war die Garderobe vom Damenchor. Auch von dort hörten wir immer wieder einen Knall und wussten sofort: Jetzt ist wieder eine umgefallen.

Wie lange mussten Sie mit diesen Stühlen leben?

Die sind zum Glück recht schnell ausgetauscht worden. Auch bei der Premiere lief dann alles reibungslos. Es wurde der „Oberon“ von Carl Maria von Weber aufgeführt, und Adenauer und die ganze Prominenz waren da. Es war herrlich.

Haben Sie nicht der alten Oper am Rudolfplatz nachgetrauert, deren Bau sich an der Dresdner Semperoper orientierte und die 1958 abgerissen wurde?

Oh ja, ich habe dort als Achtjährige im Kinderballett bei „Peterchens Mondfahrt“ auf der Bühne gestanden. Und auch nach dem Krieg hatten wir im Ballettsaal des alten Opernhauses noch Training und Probe. Man hätte das Haus sanieren können. Dass man es abgerissen hat, finde ich ganz schlimm. Gleichwohl gefällt mir auch der Neubau. Architekt Wilhelm Riphahn hat dem Ensemble das Haus vor der Eröffnung gezeigt und erklärt. Bei den Übergängen vom Foyer zum großen Saal habe er sich von den Brücken in Venedig inspirieren lassen, hat er uns erzählt. Das hat mich schwer beeindruckt.

Noch im Jahr der Operneröffnung 1957 haben Sie Köln verlassen. Warum?

Der damalige Ballettmeister ging nach Freiburg und hat mich gefragt, ob ich zu ihm kommen wolle als erste Solotänzerin, also Primaballerina. Da konnte ich natürlich nicht nein sagen. Insgesamt kann man sagen, dass ich mit meinem Tanzpartner Peter Schnitzler den Kölner Tanz in die Welt gebracht habe, zum Beispiel in die USA. Ich bin übrigens Ehrenbürgerin von El Paso in Texas. Entschuldigen Sie bitte, wenn ich das so sage: Ich möchte damit nicht angeben, sondern sagen, dass ich durch das Tanzen sehr belohnt worden bin. Tanzen ist mein Leben.


Zur Person: Biggi Fahnenschreiber wurde 1931 im Severinsklösterchen geboren und wuchs in der Ehrenstraße auf. 1950 wurde sie als Tanz-Elevin bei den Städtischen Bühnen engagiert, 1957 wechselte sie als Primaballerina an das Stadttheater Freiburg und 1959 weiter an das Theater Aachen. Es folgten Tourneen durch Europa und die USA. Nach ihrer aktiven Karriere betreute sie bis ins hohe Alter viele Tanzgruppen. Fahnenschreiber entwickelte den Kölner Karnevalstanz weiter, indem sie Elemente des klassischen Balletts einführte. Längst gilt sie als „Mutter der Mariechen“: Dass diese heute meterhoch in die Luft geworfen werden, spektakuläre Hebungen vollführen und Saltos schlagen, geht maßgeblich auf ihr Training zurück. Für ihr Lebenswerk wurde ihr 2015 der Verdienstorden in Gold des Festkomitees und 2021 der Rheinlandtaler verliehen.