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Interview

Roncalli-Chef vor Premiere in Köln
„Wir sind beweisbar der meistkopierte Zirkus der Welt“

8 min
18.03.2026: Roncalli Interview mit Bernhard Paul, Zirkuschef und Roncalli-Gründer zum 50. Jubiläum.
Foto: Martina Goyert

Wir treffen den Zirkus-Gründer Bernhard Paul in seinem Winterquartier in Mülheim. Der Roncalli-Zirkus feiert 50. Jubiläum. Am 10. April ist Premiere in Köln.

Der Roncalli-Zirkus feiert in diesem Jahr 50. Jubiläum. Gründer Bernhard Paul spricht über die Anfänge auf dem Stollwerk-Gelände, über seine enge Bindung zum Kölner Publikum und über den tierfreien Zirkus.

Herr Paul, ist es für eine Zirkusfamilie eine schwierige Frage, wenn sie danach gefragt wird, wo ihr Zuhause ist?

Bernhard Paul: Nein. Meine Frau sagt immer: Da, wo der Zirkus gastiert, ist unser Zuhause. Das Komische ist ja, dass der Zirkus immer gleich aufgebaut ist: Zelt, Büro, die Wagen und so weiter. Egal, ob man jetzt in Wien, New York, Brüssel, Zürich oder Sevilla ist: Auf dem Platz, wo der Zirkus steht, ist alles so wie immer – nur die Aussicht ist anders: Also ich schaue aus dem Fenster und sehe das Burgtheater in Wien oder in Recklinghausen den Bahnhof.

Aber Köln ist die Heimat des Circus Roncalli…

Der Hauptsitz ist schon hier, aber wir sind natürlich auch viel unterwegs. Wir haben noch einen Wohnsitz in Spanien und in Wien. Die Familie meiner Frau hat ein Haus in Verona, aber das ist auch gut so. Wir sind es nicht gewohnt, lange an einem Ort zu sein.

Zum 50-jährigen Bestehen gastieren Sie mit ihrer Jubiläumsshow demnächst auf dem Neumarkt. Tourauftakt war in Recklinghausen. Wie ist es dort bislang gelaufen?

Das Programm ist unglaublich gut angekommen. Man stellt es ja im Bewusstsein zusammen, dass es etwas Besonderes werden muss zum Jubiläum. Da habe ich Nummern ausgesucht, die ich schon länger bewundert habe. Zum Beispiel eine Fahrradnummer – die ist unglaublich. Aber ich will noch nichts verraten.

18.03.2026: Winterquartier von Roncalli in Mülheim. Foto: Martina Goyert

Das Winterquartier des Circus Roncalli in Mülheim

Neues Roncalli-Programm zum 50. Jubiläum: Premiere in Köln am 10. April

Sie wirken sehr zufrieden.

Perfektionisten sind Schweine, die sind nie ganz zufrieden. Es ist nicht so, dass man sagt: Toll, jetzt lehnen wir uns zurück. Das gibt es nicht. Wer in Kunstbetrieben zufrieden ist, den muss man mir erst mal zeigen. Ich kenne niemanden. Wir haben alle den Perfektionierungswillen und sind nie zufrieden.

Wie sehr hilft Ihnen die Erfahrung bei der Programm-Erstellung?

Naja, nach 50 Jahren und fast so vielen Programmen hat man natürlich schon ein Gefühl dafür, wie was funktioniert. Früher, bei einem neuen Programm, da war ich zuerst immer unzufrieden und konnte nicht schlafen und habe überlegt, wie ich Nummern oder Abläufe noch ändern könnte. Aber diesmal waren es nur kleine Details. Das hat mich selbst überrascht, wie zufrieden ich war.

18.03.2026: Roncalli Interview mit Bernhard Paul, Zirkuschef und Roncalli-Gründer zum 50. Jubiläum.
Foto: Martina Goyert

Interview mit Roncalli-Chef Bernhard Paul, Zirkuschef und Roncalli-Gründer zum 50. Jubiläum.

Hat das auch mit dem Alter zu tun?

Nein, im Gegenteil. Je älter ich werde, desto mehr bin ich Perfektionist.

Gab es denn überhaupt mal ein Roncalli-Programm, das kritisiert wurde? Wann gab es mal einen Verriss?

Ich weiß gar nicht, was ein Verriss ist. Ich habe immer versucht, das Beste zu machen. Und habe dann gewusst, dass ich mich beim nächsten Mal wieder steigern muss. Das ist schwer. Aber wir sind immer direkt belohnt worden: mit ausverkauften Gastspielen und Lobeshymnen. Das ist nicht normal in dem Geschäft.

Sie sind heute erfolgreicher Unternehmer. Vor 50 Jahren kamen Sie mit zwei Plastiktüten nach Köln.

Eine mit Unterhosen, eine mit T-Shirts…

also dem Wichtigsten…

Genau, mehr braucht man nicht. Wir hatten zuletzt in Wien gespielt. Und das war ganz schwer. Danach wusste ich, dass Österreich kein Zirkusland ist. Da gibt es drei große Städte - und fertig. Ich war zwar nicht wirklich pleite, auch wenn das einige Leute sagen. Aber ich war knapp dran und ich bin dann nach Köln gekommen.

Roncalli: Deswegen kam Bernhard Paul nach Köln

Warum Köln?

Da hatte ich bestimmte Freunde. Köln liegt für einen Zirkus günstig in der Mitte, ist verkehrstechnisch gut angebunden – und ich habe eine Sympathie gehabt für die Stadt. Das schon von Kindesbeinen an. Mit meinem Bruder habe ich den Zirkus Krone in Miniatur nachgebaut – mit Hilfe von Holzkisten mit Laubsäge und so weiter. Ich war fünf Jahre alt, mein Bruder zehn. Später habe ich den Circus Williams nachgebaut, der ja in Köln beheimatet war.

Als Sie nach Köln kamen, mieteten Sie zunächst eine Halle auf dem Stollwerck-Gelände. Welcher Wind wehte dort?

Ich wusste ja, dass ich dort wieder rausmuss, weil das abgerissen wird. Die Stadt wollte uns da nicht, aber es lief schon die Besetzung. Einmal hieß es, in der Nacht kommen sie mit den Bulldozern und dann räumen sie das Stollwerck. Es hat in der Nacht gebrannt, und es gab ein Kind, das sich versteckt hat und dann durch den Aufzugsschacht gefallen ist. Das ist gestorben. Man kann sich das nicht vorstellen. Eine Halle hat angefangen zu brennen: Dort wurden Pornohefte gelagert. Ich hatte damals acht Löwen und die musste ich in der Nacht retten. Ein Abenteuer ohne Ende. Ich brauchte dringend ein Winterquartier.

Bernhard Paul als Clown Zippo in der Manege im Jahr 2010

Bernhard Paul als Clown Zippo in der Manege am Kölner Neumarkt im Jahr 2010

Sie hatten es auf das Winterquartier hier in Mülheim abgesehen, das zuvor Carola Williams und ihrem Zirkus gehörte. Sie haben es 1984 gekauft. Wie lief das ab?

Als ich hier ankam, wurde es gerade an einen Immobilienhai verkauft, der damals in Köln berüchtigt war. Dessen Geschäftsmodell basierte darauf, gekaufte Grundstücke von industrieller Nutzung in Wohnland umzuwidmen und sie teuer weiterzuverkaufen. Ein paar Zirkuswagen konnte ich Carola immerhin abkaufen. Bei der Stadt habe ich dann immer wieder hinterlegt, dass ich die Fläche gern kaufen würde. Als der Investor sich verzockt und hohe Schulden hatte, habe ich ihn mir geschnappt und gesagt: Ich kaufe es. Die Bank, deren Direktor ich kannte, gewährte mir einen Kredit und alles fügte sich.

Erst Stollwerck-Gelände, dann Winterquartier in Köln-Mülheim

Da haben Sie wohl an den richtigen Stellen bei der Stadt angeklopft. Wie war denn zuletzt das Verhältnis zur Kölner Politik und Verwaltung?

Es gibt eine unglaubliche Verbindung zwischen dem Kölner Publikum und uns. Mit der Stadt Köln ist es etwas schwieriger. Wir wollten ja hier in Mülheim ein brachliegendes Nachbargelände dazukaufen und, weil ich von Kostümen berühmter Clowns, bis Musikinstrumenten und historischen Zirkusgegendokumenten schon viel gesammelt habe. Sechs Jahre haben wir allein auf das Kaufangebot der Stadt für die Brachfläche neben unserem Winterquartier in Mülheim gewartet. Wir haben mit unseren Architekten Pläne entwickelt, diverse Gutachten erbracht und waren dazu mit dem Stadtplanungsamt in regem Austausch. Dann kamen die Verkehrsauflagen. Wir sollten unter anderem 500 Parkplätze vorweisen. Das ist illusorisch. Die Vorgaben haben keinen Spielraum gelassen und es gab hier seitens der Stadt auch keine Flexibilität. Das mussten wir als Desinteresse werten.

Wie geht es nun weiter?

Jetzt warten wir bereits wieder seit fast zwei Jahren auf ein Kaufangebot für eine Teilfläche des brachliegenden Grundstücks: für unser Logistikzentrum. Aktuell haben wir für Kostümfundus, meine Sammlungen und den Fuhrpark Lagerflächen an vier Standorten in Köln angemietet. Das bedeutet auch viel Transportwege. Die Museumsidee habe ich aber noch nicht aufgegeben. Die Frage ist nur, ob das Museum in Köln oder anderswo realisiert wird.

Hatten Sie denn schon Kontakt zum neuen Oberbürgermeisten Torsten Burmester?

Wir haben einmal telefoniert und wir wollen uns treffen. Wir haben auch schon einen Termin.

Wie schafft Roncalli es nach 50 Jahren immer noch zukunftsfähig zu sein?

Als ich angefangen habe, gab es ungefähr zehn Zirkusse, die sich den deutschen Markt aufgeteilt haben: Krone, Busch-Roland, Simoneit-Barum, Sarrasani, Corty-Althoff, Giovanni-Althoff und noch andere. Mir hat man nur drei Monate prognostiziert. Man muss sich mehrere Standbeine schaffen. Wenn ich nur einen Wanderzirkus hätte, wäre es ganz schwer. Das Expandieren würde drei Generationen dauern. Wir haben eine Eventagentur, ein Spiegelzelt und richten dort eine Dinnershows aus, Weihnachtsmärkte, ein Café in Hamburg, ein Varieté-Theater in Düsseldorf. Wir sind schuldenfrei und haben die Pandemie überstanden, ohne jemanden zu entlassen.

Ist der Zirkus heute in einer digitalisierten Welt als Gegenpol sogar noch wichtiger als früher?

Ich glaube jedenfalls, dass uns die heutige Welt hilfreich ist bei dem, was wir machen. Alle rennen mit ihren Handys herum und bekommen Laternenprallen, sie wissen überhaupt nicht mehr, was realistisch ist und was unrealistisch. Und jetzt auch noch mit der KI. Auch in der aktuellen weltpolitische Lage brauchen die Menschen Trost und Entspannung. Was in Deutschland und international passiert, ist absoluter Wahnsinn. Wir sind eine kreative Insel mittendrin. Und die Leute, die uns besuchen, fühlen sich geborgen und wie in einer anderen Welt.

Sie waren der erste Zirkus, der 2018 auf jegliche Tiere verzichtet hat. Was waren die Reaktionen?

Die anderen Zirkusse waren nicht erfreut. Krone hatte zu manchen Zeiten zehn Elefanten, bis zu 200 Pferde und Raubtiere. Und dann komme ich sage und: Wir sind jetzt tierfrei. Tiere vorführen macht bei vielen immer noch einen Großteil des Programms aus. Aber das ist aus der Zeit gefallen. Jeden Tag haben stehen Tierschützer mit ihren Transparenten rund um den Zirkus.

Die Faszination von Roncalli, sagt man, liegt in seinem poetischen Charakter. Woran machen Sie die Faszination Ihres Zirkus noch fest?

Ich wollte die Zirkusromantik. Als ich anfing, hatten einige Zirkusse wie Althoff-Williams die alten Zirkuswagen aus Holz abgeschafft und durch Container ersetzt. Sattelschlepper und Campinganhänger dominierten das Bild. Ich habe die alten Wagen gekauft, sie restauriert und dekorativ gestaltet, Veranden gebaut, Messingstangen genutzt, sogar Blattgold für die Schrift. Und statt weiß, was kalt wirkt, einen Farbton verwendet, der das untergehende Sonnenlicht auf einer weißen Fläche darstellen soll. Die Kombination aus elfenbeinfarben und blau sind heute die Roncalli-Farben. Ich habe Grafik studiert und wusste, dass Farbpsychologie etwas ganz Wichtiges ist. Das Schnörkelige steht für den Roncalli-Stil. Viele kopieren das. Wir sind beweisbar der meistkopierte Zirkus der Welt.

Roncalli in Köln: Darum will Bernhard Paul sich nicht mehr als Clown Zippo in der Manege zeigen

Sie arbeiten weitgehend plastikfrei und bieten auch vegane Snacks. Ihren Zirkus samt Logistik lassen sie mit Sonderzug statt über die Autobahn transportieren. Wie stark ist der Einfluss Ihrer Kinder bei solchen Entscheidungen?

Bei uns in der Familie ist ein Kriterium ganz wichtig, was auch in der Politik sehr gut wäre: die Vernunft. Wir sitzen am Frühstückstisch, bringen Vorschläge ein, reden darüber und alles wird abgesprochen, aber nicht krampfhaft diskutiert. Beim Thema essen: Wir reden viel über Ernährung, meine Frau ist Italienerin und kauft nur frisch ein und weiß genau, wo und wie und achtet auf die Ernährung. Und das versuchen wir natürlich auch im Zirkus. Auch beim Reisen ist es einfach vernünftig, nicht mit 20 Zugmaschinen die Autobahnen vollzustopfen, sondern den Sonderzug zu nehmen. Wir sind mittlerweile der einzige Zirkus, der noch mit der Bahn reist.

Kann das Publikum zum 50. Jubiläum auf ein Comeback in der Manege von Clown Zippo, den Sie jahrelang verkörperten, hoffen?

Ich habe die Lust am Clownspielen verloren, weil Fumagalli, den ich als Clown erfunden und aufgebaut habe, alle meine über die Jahre entwickelten Nummern mitgenommen und sie als seine ausgegeben hat. Ich habe ein Leben gebraucht, um das zu erarbeiten. Das macht mich sauer, weil ich Clownsein geliebt habe und das der eigentliche Grund war, warum ich in den Zirkus wollte. Ich bin Zirkusdirektor geworden, um Clown zu sein.


Zur Person: Bernhard Paul wurde am 20. Mai 1047 in Lilienfeld in Niederösterreich geboren. Um seinen Traum vom eigenen Zirkus zu verwirklichen, kündigte er seinen Job als Art Director bei einem Wiener Magazin und baute seit 1975 den Zirkus und das Unternehmen Roncalli auf. Mit seiner Frau Eliana hat er drei Kinder: Vivi, Adrian und Lili, die 2020 die Tanz-Show „Let’s dance“ gewann. Bernhard Paul besitzt eine der größten Sammlungen von Zirkusgegenständen in Europa.