Ein halbes Jahrhundert Zirkusgeschichte mit großer Gala auf dem Neumarkt gefeiert. Ein sehr gerührter Bernhard Paul entdeckte alte Rock’n’Roller-Qualitäten wieder.
Clownsnase, Dauerlächeln, Tränen50 Jahre Roncalli – Clown Zippo steht noch einmal in der Manege
Zwei Accessoires sind an diesem Montagabend ein Quasi-Muss im Roncalli-Zelt: ein dicker, clownsroter Punkt auf der Nase und ein Dauerlächeln im Gesicht. Die Clownsnase wird den Besuchern der Gala zum 50. Roncalli-Geburtstag aufgemalt, bevor sie ins Zelt kommen; das Lächeln tragen sie zuverlässig und wie festgetackert für die nächsten drei Stunden im Gesicht.

Die früheren Höhner zusammen mit Zirkusdirektor Bernhard Paul. (v.l.) Peter Werner, Henning Krautmacher, Bernhard Paul, Janus Fröhlich und Hannes Schöner
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Die Welturaufführung des Circus Roncalli fand am 18. Mai 1976 auf dem Bonner Hofgarten statt, das Programm hieß „Die größte Poesie des Universums“. Auf den Tag genau 50 Jahre später steht Zirkusdirektor Bernhard Paul in seiner Manege in Köln und macht, wofür die Menschen sonst zu ihm ins Zirkuszelt kommen: Er staunt. Den Anblick voller Zuschauerränge kennt Paul zur Genüge, und doch ist es, als stünde da ein Mensch, der kaum glauben kann, was um ihn herum passiert.

Lili Paul-Roncalli begeisterte unter anderem in der Luft
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Zur Geburtstagsfeier hat Paul viele alte Weggefährten eingeladen, darunter frühere Höhner-Musiker, die in roten Fräcken für den Zirkusdirektor singen. Sie stimmen „Minge Droum“ an, und Henning Krautmacher orakelt: „Lieber Bernhard, das wird heute kein leichter Abend für dich.“ Und so kommt es. Paul, nach langer Zeit mal wieder in seiner Paraderolle als Clown Zippo, ist sichtlich angefasst. „Es ist wahnsinnig emotional und unbeschreiblich“, sagt er. Man meint, in seinen Augen ein Glitzern zu sehen, und will Paul umarmen, als er ein knackiges Plädoyer für große Gefühle und gegen Über-Coolness hält. Dem Wiener sieht man sogar Wandtattoo-Sprüche wie „Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum“ nach – er hat schließlich genau das gemacht: den großen Traum vom Zirkus, den er als Junge hatte, in die Tat umgesetzt.

Bernhard Paul in seiner Kult-Rolle als Clown Zippo (r.) zusammen mit seinem Sohn Adrian als Clown Bippo (M:) und Moderator Matthias Opdenhövel
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Paul, der laut Krautmacher früher ein echter Rock’n’Roller war, setzt sich an diesem besonderen Abend noch einmal selbst ans Schlagzeug. Frühere sowie aktuelle Höhner und Bernhard Paul spielen „Echte Fründe“, und dass der Ton – wie von Paul angekündigt – nicht perfekt ist, kümmert in diesem Moment keinen.
Das Programm ist so bunt, dass jeder und jede sich wiederfindet: Da ist Housch ma Housch, der Clown, der klingt wie eine Mischung aus E.T., Yoda und Gollum, und dem man gern noch länger dabei zuschauen würde, wie er mit Klebeband und bunten Sonnenbrillen mit dem Publikum spielt. Da ist Pavel Valla Bertini, der auf 15 gestapelten Einrädern unter der Zirkuskuppel sitzt. Da ist Lili-Paul Roncalli, über die Moderator Matthias Opdenhövel sagt: „Lili gibt ihre Knochen an der Garderobe ab.“ Da sind die Geschwister Justin und Geraldine Philadelphia: Er wirbelt um eine fliegende Stange herum, und jeder Bodybuilder müsste vor Neid erblassen ob seiner Kraft, sie jongliert mit Reifen, die am Ende im Neonlicht leuchten.

Geraldine Philadelphia in der Manege in Köln (Archiv)
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Und, wie es sich für eine ordentliche Geburtstagsfeier gehört, sind da Gäste: darunter Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD), der frühere Bläck-Fööss-Frontmann Tommy Engel, NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne), Stephan Brings, RTL-Moderatorin Katja Burkard, Komiker Guido Cantz und der Schweizer Kabarettist Emil Steinberger. Paul erzählt, wie Steinberger ihm Ende der 70er Jahre 400.000 lieh und damit den Circus Roncalli und die Premiere in Köln am 4. Juni 1980 („Die Reise zum Regenbogen“) rettete. Steinberger wiegelt ab: „Ich hab’ in der Schweiz zwei, drei Leute angesprochen, das kam nicht alles von mir allein“, und Paul erwidert: „Und ich hab’ es auch wieder zurückgegeben.“
Eins ist glasklar an diesem Montag im Zelt auf dem Kölner Neumarkt: Dieser Abend feiert Bernhard Paul, seine Familie, feiert ein halbes Jahrhundert deutscher und internationaler Zirkusgeschichte. Die Nachfolge hat Paul organisiert: Seine Kinder Vivi, Adrian und Lili bilden die nächste Generation. Sie sagen: „Unser Vater hat große Fußstapfen hinterlassen, aber zu dritt werden wir sie füllen.“
Das Kölner Roncalli-Gastspiel läuft noch bis zum 25. Mai. Danach baut der Zirkus seine Zelte in Düsseldorf auf. Sohn Adrian ist dort künstlerischer Leiter des Apollo-Varieté.
