Der schwere Trainsurfing-Unfall eines 14-Jährigen in Köln sorgt für viel Aufsehen – und Warnungen vor dem mittlerweile seltenen Phänomen.
„Keine Mutprobe ist es wert“Bahn, Polizei und Psychologin äußern sich zu Trainsurfing-Unfall in Köln

Rettungskräfte und ein Hubschrauber sind nach einem schweren Unfall beim Trainsurfing in Köln im Einsatz. Ein 14-Jähriger war auf dem Dach eines Zuges mitgefahren und lebensgefährlich durch einen Stromschlag verletzt worden. (Archivbild)
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Nach einem schweren Trainsurfing-Unfall in Köln werden Warnungen laut. „Das Betreten von Bahnanlagen und das Klettern auf Züge ist immer lebensgefährlich“, erklärte die Deutsche Bahn. „Keine Mutprobe und kein Freundschaftsbeweis ist es wert, das eigene Leben zu riskieren“, hieß es weiter in einer Stellungnahme zu dem Unfall am Montag.
Präventionsarbeit fände unter anderem auf den Social-Media-Kanälen der DB statt, erklärte eine Sprecherin gegenüber der „Rheinischen Post“. Zudem strebe die Bahn zusammen mit der Bundespolizei an, dass das richtige Verhalten an Bahnanlagen in Lehrplänen verankert werde.
Trainsurfing: „Es sind verschwindend geringe Vorfälle“
Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Andreas Roßkopf, erklärte unterdessen, dass es in Deutschland nahezu immer Jugendliche seien, die Trainsurfen. „Wir reden im Schnitt von 12- bis 14-Jährigen“, sagte er der Düsseldorfer Zeitung. „Aber es sind verschwindend geringe Vorfälle.“
Vor zehn bis 15 Jahren sei die Lage noch anders gewesen. Damals habe es einige Trainsurfing-Fälle gegeben, sodass die Bundespolizei viel Aufklärungsarbeit an Schulen gemacht hätte, erklärte Roßkopf. Seitdem habe jedoch auch die Bahn nachgerüstet. „Das Aufsteigen auf die Züge ist deutlich schwerer geworden“, so der GdP-Chef.
Nach eigenen Angaben verzeichnet die Bundespolizei deutschlandweit indes fast monatlich Bahnstromunfälle mit Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden, die überwiegend auf Leichtsinn oder Mutproben für Selfies zurückgehen. In Nordrhein-Westfalen war das Phänomen in den vergangenen Jahren allerdings „glücklicherweise nicht sehr stark ausgeprägt gewesen“, sagte eine Sprecherin dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.
In Köln hatte es zuletzt 2025 einen vergleichbaren Fall gegeben: Ein 25-Jähriger kletterte am Hauptbahnhof auf einen RE 1, um ein Selfie zu machen, erlitt durch einen Lichtbogen einen schweren Stromschlag und stürzte auf den Bahnsteig. Auch er wurde bei dem Unfall schwer verletzt.
Sozialpsychologin: „Besondere Art der Stimulation“
Hinter dem Trainsurfing, also dem illegalen Besteigen von Zügen, stecke die Suche nach Sensationen, erklärte unterdessen eine Sozialpsychologin im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur. Es handele sich dabei um eine Persönlichkeitseigenschaft, die die meisten Menschen haben – allerdings in unterschiedlicher Ausprägung, erklärte Judith Balzukat, Doktorandin an der Universität der Bundeswehr in Hamburg.

Rettungskräfte sind nach einem schweren Unfall beim Trainsurfing im Einsatz. Ein 14-Jähriger war auf dem Dach eines Zuges mitgefahren und lebensgefährlich durch einen Stromschlag verletzt worden.
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Wie im Kölner Fall des 14-Jährigen, der am Sonntagabend als „Trainsurfer“ auf einem Zug mitfuhr und schwer verletzt wurde, gebe es sehr risikobereite Menschen, führte Balzukat aus. „Die Menschen suchen in Sport und Freizeit eine besondere Art der Stimulation.“
Sensation Seeking: Risiko, Drogen, Enthemmung
Eine zusätzliche Ebene sei die Suche nach neuen Erfahrungen, etwa beim Reisen als Rucksackreisender oder beim Ausprobieren von Drogen. Andere Ebenen des sogenannten Sensation Seeking seien Enthemmung, etwa auf Partys, sowie sich sehr langweiligen Tätigkeiten oder Personen zu entziehen. Per se negativ sei diese Persönlichkeitseigenschaft aber nicht, betonte Balzukat: „Menschen haben eine hohe Offenheit für neue Erfahrungen und Mut.“ Davon könnten auch andere profitieren.
Wer etwa als Rucksacktourist reise, lerne andere Menschen und Kulturen kennen, erklärte die Sozialpsychologin. Zurück zu Hause kann das zu mehr Verständnis und Toleranz führen. „Über die positiven Konsequenzen und Effekte wird jedoch insbesondere in den Medien selten berichtet.“
Sozialpsychologin rät von Verboten ab: „Nur noch attraktiver“
Der Grad der Sensationssuche lasse sich auch innerhalb einer Familie gut beobachten. Verbote würden nicht helfen – im Gegenteil. „Sie machen etwas nur noch attraktiver.“ Wer Kinder mit hoher Risikobereitschaft hat, dem rät Balzukat dazu, Bedürfnisse gezielt zu lenken. „Nach dem Abitur könnten junge Menschen ein Jahr mit ‚Work and Travel‘ durch die Welt reisen.“ Jüngere Kinder könnten neue Hobbys ausprobieren, etwa Klettern. Die gesellschaftlichen Kosten könnten Jüngere – wie im Kölner Fall – eher schlecht einschätzen.
Sensation Seeking ist nach Worten der Sozialpsychologin aber nicht erst in Zeiten von Social Media entstanden. Das Phänomen habe es immer gegeben. Soziale Medien könnten es aber verstärken, etwa, wenn in Feeds ständig Reels von Trainsurfern angezeigt würden. (das/kna)

