Köln früher und heuteWarum das Überqueren der Deutzer Brücke einst ein Abenteuer war

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Historisches Foto von der Schiffbrücke Deutz

Die Deutzer Schiffsbrücke war zeitweise eine Attraktion.

Die Schiffsbrücke verband vor der Errichtung der Hängebrücke von 1822 bis 1914 das Zentrum mit Deutz und schwamm auf 42 Kähnen.

Auf Youtube kann die Deutzer Schiffbrücke sogar in bewegten Bildern bewundert werden. Fuhrwerke, Fahrradfahrer und Fußgänger überqueren das schwankende Bauwerk im Jahr 1896, die Filmaufnahmen gehören zu den allerersten von Köln überhaupt und sind ein eindrucksvoller Beweis, wie lebhaft es auf der hölzernen Rheinüberquerung einst zuging.

Aus heutiger Sicht war es ein abenteuerliches Gebilde, das 1822 auf Anordnung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. zwischen der heutigen Markmannsgasse am Heumarkt und der Deutzer Inselstraße beziehungsweise später der Deutzer Freiheit errichtet wurde. Damals war es purer Fortschritt.

Jahrhunderte lang gab es zwischen Deutz und Köln nur eine Gierponte, eine Plattform auf zwei Schiffsrümpfen, die mit Hilfe der Rheinströmung von Ufer zu Ufer pendelte. Eine feste Verbindung hatte es seit dem neunten Jahrhundert mit dem Abbruch der römischen Brücke zum rechtsrheinischen Militärlager „Kastell Divitia“ nicht mehr gegeben. Das änderte sich nun, halbwegs jedenfalls.

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Alte Schiffsbrücke in Köln-Deutz: „Alles war in Bewegung“

Die Fahrbahn der 400 Meter langen Schiffbrücke schwamm auf 42 Kähnen und konnte in der Mitte geöffnet werden, wenn Schiffe passieren mussten. „Wer sie betrat, der spürte das Wasser, Wind und Sonne, es schnarrte und knarrte, die Wellen plätscherten, der Boden hob und senkte sich, alles war in Bewegung“, schreibt Wolfram Erber in seinem jüngst erschienenen Buch über die „verschwundene Kölnische Institution“.

Für dieses sinnliche Erlebnis mussten Fußgänger zwei Pfennig Brückengeld bezahlen. „Das Verhältnis der Kölner zu ihrer Schiffbrücke war immer widersprüchlich“, so der Deutzer Autor und ehemalige Vorsitzende des Kultur- und Geschichtsvereins „Zwentibolds Erben“ in Bad Münstereifel: „Aber eines war gewiss, sie hatte Kultstatus und das hat in Köln etwas zu bedeuten.“ 93 Jahre blieb das Konstrukt mehr oder weniger unverändert.

Erber arbeitet erstmals ausführlich die Geschichte der vor 200 Jahren gebauten „Bröck“ auf, die er mit seinen Recherchen vor dem Vergessen bewahren will. Die nötigen Dokumente dafür fand er nicht in Köln, sondern im Geheimen Staatsarchiv in Berlin. Er beschreibt den Protest, als mit dem Bau der Dombrücke 1859 erstmals über den Abbau der Schiffbrücke diskutiert wurde.

Diskussion über Abbau löste Proteste aus

Auf beiden Seiten des Rheins habe sich ein Sturm der Entrüstung erhoben. Denn im Gegensatz zur Dombrücke führte die Schiffbrücke unmittelbar in das Zentrum. Dort liefen die Nutzer ab 1878 auf das noch immer existierende Denkmal zu Ehren Friedrich-Wilhelm III. auf dem Heumarkt zu.

Viele Details und Anekdoten untermauern, dass es sich tatsächlich um ein „lebendiges Bauwerk“ handelte, wie Wolfram Erber schreibt. Kölner und Deutzer Jugendliche trafen sich in der Mitte, um auf unfallträchtige Weise ihre Kräfte zu messen. Sonntags strömten die Kölner nach Deutz, weil es für das Brückengeld Konzerte der Preußischen Garnison umsonst zu hören gab. Und ein gewisser Franz Andreas Millowitsch stellte sich an die Deutzer Seite der Brücke, um die Wartenden mit seinem Puppenspiel zu unterhalten.

Die Wartezeiten für die Passanten häuften sich mit zunehmendem Schiffsverkehr. Öffnete sich die Brücke anfangs noch dreimal täglich, wurden zum Schluss bis zu 36 Unterbrechungen gezählt. Die Schiffbrücke war zu einem Verkehrshindernis geworden. Wer zu spät kam, hatte immer einen guten Grund parat: „Die größte Ausrede war damals in Köln: Die Brücke war zu“, sagt Wolfram Erber.

Deutzer Hängebrücke wurde 1941 fertiggestellt

Mit der Fertigstellung der Deutzer Hängebrücke hatte die Schiffbrücke 1914 endgültig ausgedient. Bis 1915 war sie noch in Linz im Einsatz, dann verschwand sie sang- und klanglos. Wer den Rhein auf ähnlich sinnliche Weise überqueren wollte, konnte aber noch ein Weilchen nach Mülheim ausweichen: Die dortige Schiffbrücke existierte immerhin bis 1927.

Wolfram Erber: „Die Deutzer Schiffbrücke 1822-1915 – Eine verschwundene Kölnische Institution“, herausgegeben vom Förderverein Historischer Park Deutz und Deutzkultur, 12 Euro. Mehr Informationen finden Sie auf www.fhpd.de oder www.deutzkultur.de.

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