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Wenn die Seele schmerztWie Kölner Schüler mit psychischen Krisen kämpfen

4 min
Melis Erdal berichtet von ihrer Essstörung, die sie mittlerweile überwunden hat.

Melis Erdal berichtet von ihrer Essstörung, die sie mittlerweile überwunden hat.

Viele Jugendliche leiden still – von Ängsten über Depressionen bis zu Essstörungen. Initiativen an Schulen und Vernetzung mit Experten sollen helfen, Krisen früh zu erkennen und Unterstützung zu bieten.

Melis Erdal erinnert sich noch genau an die Zeit, in der Essen für sie zum Problem wurde. In der zehnten Klasse wog die damalige Schülerin der Katharina-Henoth-Gesamtschule gerade einmal 38 Kilogramm. „Ich habe fast nichts mehr zu mir genommen“, sagt die heute 20-Jährige am Rande des Runden Tisches zur Förderung der psychischen Gesundheit von Schülerinnen und Schülern an weiterführenden Schulen in der Europaschule Zollstock.

Damals sei ihr Körper so geschwächt gewesen, dass sie Probleme beim Treppensteigen hatte und im Sportunterricht nicht mehr mithalten konnte. Heute spricht Melis Erdal über ihre Erfahrungen mit der Bulimie – und darüber, wie Gespräche in der Schule ihr geholfen haben, das Problem zu erkennen und zu überwinden. „Dadurch, dass wir so offen darüber sprechen konnten, habe ich gemerkt: Da stimmt was nicht.“

Ich habe fast nichts mehr zu mir genommen.
Melis Erdal über ihre frühere Essstörung

Melis Erdal ist kein Einzelfall. Das Deutsche Schulbarometer von 2024 zeigt, dass ungefähr ein Fünftel der Schülerinnen und Schüler in Deutschland psychische Probleme oder Auffälligkeiten haben. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt der „Kölner Lebenslagenbericht“ von 2020. Die Kinder und Jugendlichen leiden laut Schulbarometer unter anderem unter schulischem Druck, Mobbing, Problemen unter Freunden oder der Familie, globalen Krisen wie den Kriegen in der Ukraine, der Klimakrise oder unter den Folgen der Corona-Pandemie. Auch Zukunftsängste, Einsamkeit und Armut belasten die Schülerinnen und Schüler. Die Folgen sind mitunter drastisch: Depressionen, Angststörungen, Schlafprobleme oder auch Essstörungen wie im Fall von Melis Erdal.

Geholfen hat Erdal damals Winfried Schneider, Leiter der Oberstufe der Höhenberger Katharina-Henoth-Gesamtschule und Mitorganisator des Runden Tisches. Viele Schülerinnen und Schüler seien auch an seiner Einrichtung von psychischen Problemen betroffen, sagt er. „Die Erkrankungen haben auf jeden Fall zugenommen.“ Er kennt Schüler, denen es nicht gut gehe, die „es nicht mehr oder kaum noch schaffen, regelmäßig in die Schule zu kommen“. Einmal hätte sogar ein Schüler suizidale Absichten geäußert.

Winfried Schneider ist Leiter der Oberstufe in der Katharina-Henoth-Gesamtschule

Winfried Schneider ist Leiter der Oberstufe in der Katharina-Henoth-Gesamtschule

Besonders betroffen seien ärmere Familien – und davon gibt es in Höhenberg einige. Die Arbeitslosenquote im Viertel liegt bei 13 Prozent, die Eltern, die Arbeit haben, hätten manchmal gleich mehrere Jobs, um ihre Familien über die Runden zu bringen, und dann kaum noch die Kraft, um sich ausreichend um ihre Kinder zu kümmern. Außerdem verfügten viele Familien nicht über genug Geld, Vereinssport oder ähnliche Aktivitäten zu finanzieren, die den Kindern und Jugendlichen einen Ausgleich zur Schule bieten könnten. Gerade Vereine gelten aber als Kraftquelle, um Jugendliche stark gegen Krisen zu machen.

Um die psychische Gesundheit der Schülerinnen und Schüler zu stärken, hat Schneider nicht nur das Thema fest im Unterricht verankert, sondern auch vor vier Jahren den Runden Tisch gegründet, damit sich Schulen, Bezirksschülervertretungen, Vertreterinnen und Vertreter der Stadt, die freie Jugendhilfe, Gesundheitsexperten und Politiker vernetzen können. Mittlerweile seien fast 300 Personen im Verteiler und etwa 100 Personen kämen zu den Runden Tischen. Was es aber seiner Ansicht nach in den Schulen braucht, sind mehr niederschwellige, präventive Angebote, mehr Schulsozialarbeitende und mehr Personal im schulpsychologischen Dienst. Das sieht Patricia Miller, Lehrerin an der Europaschule, ähnlich: Die beiden Schulsozialarbeiter hätten „sehr viel zu tun, um alles aufzufangen“.

Köln: Runder Tisch vernetzt Experten

Die Bezirksschülervertretung hat mithilfe von Stadt und „wir helfen“, der Aktion für Kinder und Jugendliche des „Kölner Stadt-Anzeiger“, ein Mental-Health-Projekt ins Leben gerufen. Schulen können sich bei der Bezirksschülervertretung melden, wenn sie Workshops in ihren Einrichtungen anbieten wollen. Die Vertretung arbeitet wiederum mit verschiedenen Partnern wie den Vereinen „Kopfsache“, „Verrückt – Na und?“ und „Teller ohne Rand“ zusammen, die dann die Kurse vor Ort durchführen. Die Finanzierung übernimmt die Bezirksschülervertretung. Allerdings übersteige die Nachfrage deutlich die Kapazitäten, sagt Marie Hacker von der Bezirksschülervertretung, die als Referentin auf dem Podium des Runden Tisches war.

Melis Erdal hat sich mit viel Energie selbst aus der Krise gekämpft, mittlerweile ihre Essstörung überwunden und studiert an der Universität Siegen auf Lehramt Englisch und Philosophie. Ihre eigenen Erfahrungen mit der Essstörung haben sie sensibel dafür gemacht, wenn sie später als Lehrerin mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, die unter psychischen Problemen leiden.