Lief die erste deutsche Kinovorführung 1896 wirklich in Köln? Der Verein Köln im Film begeht das Jubiläum jedenfalls mit einem Fest.
130 Jahre Kino in Köln„Das ist die ganze Hexerei“

„Am Kölner Dom nach dem Hauptgottesdienst“, gedreht 1896
Copyright: Association Frères Lumière/Köln im Film
Von der Geburtsstunde des Kinos gibt es verschiedene Versionen, deren Unterschiede allerdings keiner kniffligen Quellenlage, sondern technischen Finessen und vor allem nationalen Eitelkeiten geschuldet sind. In Deutschland gedenkt man des boxenden Kängurus, das erstmals am 1. November 1895 im Berliner Varieté Wintergarten auf einen menschlichen Gegner eindrosch, in Frankreich der ersten Vorführung des Cinématographen am 28. Dezember des gleichen Jahres, und in den USA erinnert man sich gerne an Edisons bereits 1893 präsentierten Kinetoskop-Schaukasten.
Im allgemeinen Sprachgebrauch etablierte sich der Bewegungsschreiber (Kinematograf) der französischen Brüder Lumière, während das „Bioskop“ des Berliner Tüftlers Max Skladanowsky schon bald ein Fall fürs Filmmuseum wurde. Die Erfindung der Lumières war technisch ausgereifter, aber anfangs nicht erfolgreicher, jedenfalls verkaufte der geschäftstüchtige Skladanowsky den 1500 Plätze fassenden Wintergarten über vier Wochen hinweg erfolgreich aus. Auch die Presse war angemessen beeindruckt von der Kunst des „ingeniösen Technikers“, fotografische Momentaufnahmen lebendig werden zu lassen: „Wie er das macht, soll der Teufel wissen.“
Vor 130 Jahren holte Stollwerck den Cinématographen nach Köln
Trotzdem wird das erste richtige Kinoerlebnis heute den französischen Lumière-Brüdern zugeschrieben. Sie zeigten ihr Kurzfilmprogramm über einen längeren Zeitraum in einem eigens dafür eingerichteten Raum, dem Salon Indien im Pariser Grand Café, und nichts anderes; bei Skladanowsky war das Filmprogramm dramaturgischer Höhepunkt eines vielfältigen Amüsierbetriebs. Aus diesem Grund rühmt sich auch Köln mit einem gewissen Recht, am 20. April 1896, also vor bald 130 Jahren, die erste deutsche Kinovorführung veranstaltet zu haben: Gegen Eintritt wurden in der Hohe Straße (Augustinerplatz 12 lautete damals die Adresse) die aus Frankreich importierten Lumière-Schnipsel präsentiert.
Die Geschichte dieser nationalhistorischen Premiere hat der Verein „Köln im Film“ aufgearbeitet – und sich dabei bestimmt nicht nur von Lokalpatriotismus leiten lassen. Stattdessen wird die alte Affäre zwischen Frankreich und dem Rheinland gegen das preußische Berlin wiederbelebt: Im März 1896 hatte Ludwig Stollwerck, Chef des gleichnamigen Kölner Schokoladen-Unternehmens, eine Vorführung des Cinématographen gesehen und bald darauf von den Lumières die Deutschland-Lizenz für die Filmtechnik erworben.

Standbild aus Georges Méliès' Film „Reise zum Mond“, der im Filmforum NRW zu sehen ist.
Copyright: La Caixa Foundation/Wikicommons
Der Erfolg stellte sich umgehend ein. „Ich habe nie in meinem Leben eine Erfindung gesehen, mit welcher ohne Risiko und fast ohne Arbeit so viel Geld verdient wurde“, schrieb Stollwerck an Geschäftspartner in Übersee. „Die Leute schleppen ja das Geld rein ins Haus! Hier geht man mit einem kleinen Apparat hin, dreht daran und nimmt überall auf Filmstreifen die Photographien auf. Dann macht man es umgekehrt, setzt das Licht anstatt nach vorn, nach hinten und wirft die Bilder auf die Wand. Das ist die ganze Hexerei.“
Die Hexerei verlangte rasch nach neuen Filmen, die im Mai 1896 von einem französischen Kameramann in Köln gedreht wurden. Zum neuen Programm gehörten 50-Sekünder wie „Am Kölner Dom nach dem Hauptgottesdienst“, „Feierabend in einer Kölner Fabrik“ sowie die „Ankunft des Eisenbahnzuges“, und so wurde das zweite Lebensjahr des Kinos zur Geburtsstunde des Remakes: Bereits in Paris hatten Arbeiterinnen eine Fabrik verlassen, und ein auf der Leinwand einfahrender Zug hatte das Publikum nach einer berühmten Anekdote angeblich in Angst und Schrecken versetzt. Auch das Product-Placement wurde damals erfunden. Ludwig Stollwerck ließ seine Kölner Schokoladenfabrik für Einheimische leicht erkennbar ins Bild setzen.
An diese Pioniertage erinnert „Köln im Film“ mit einem Jubiläumsprogramm, das an diesem Sonntag ab 12 Uhr im Filmforum NRW neben Kölner Kurzwerken von 1896 vor allem später entstandene Klassiker des Stummfilmkinos enthält. Von Georges Méliès etwa ist „Die Reise zum Mond“ (1902) zu sehen, von Lotte Reiniger das „Aschenputtel“ (1922) als animierter Scherenschnitt und von Hans Richter die abstrakte „Filmstudie“ (1926). Über Len Lyes „Rainbow Dance“ aus dem Jahr 1936 schreibt sich, was man grob als Stummfilmästhetik beschreiben könnte, mit Markus Mischkowskis und Kai Maria Steinkühlers Hommage „Der Wechsel“ (2016) bis in die kölsche Gegenwart fort. Passend dazu muss das Berliner Känguru leider draußen bleiben.
„Film ab! – Wir feiern 130 Jahre bewegte Bilder“, Filmforum NRW im Kölner Museum Ludwig, 19. April 2026, 12 Uhr. Eintritt: 10 Euro/ermäßigt 6 Euro. Danach ist das Programm am 26. April im Linden-Theater Frechen, am 4. Mai im Musik- und Kulturhaus Erftstadt und am 10. Mai in der Blackbox Düsseldorf zu sehen.
