Neulich, erzählt Jan Lankisch, habe er im Wuppertaler Open Ground – laut „DJ Mag“ einer der besten Clubs der Welt – einem Set von Gyrofield gelauscht. Und sich über die Chuzpe der in Hongkong aufgewachsenen Drum&Bass-Künstlerin – bürgerlicher Name Kiana Li – gewundert. Trat sie doch um zwei Uhr nachts, inmitten hochenergetischer Tracks, hart auf die Bremse, um Massive Attacks hypnotisch langsames „Teardrops“ aufzulegen. Aber der radikale Bruch funktionierte, die Tanzenden feierten den fast 30 Jahre alten Trip-Hop-Klassiker.
Zu der Zeit hatte Lankisch bereits den Massive-Attack-Mitgründer Daddy G für sein Week-End-Fest verpflichtet – die aktuelle Ausgabe des Festivals wird vom 5. bis zum 7. November im Kölner Stadtgarten stattfinden. Daddy G wird am Freitagabend dort auftreten, zusammen mit dem Londoner Szene-Urgestein Don Letts.
Unerwartete Wahlverwandtschaften zwischen Reggae, Punk und Trip-Hop
Der Bob-Marley-Freund war Mitte der 1970er der erste Resident-DJ von The Roxy, des ersten Punkclubs der britischen Hauptstadt. Und brachte als solcher den jungen Wilden von The Clash, den Sex Pistols und The Slits die Hallräume des Dub-Reggae näher. Beim Dub werden Gesangspassagen von Reggae-Songs ein- und ausgeblendet, Beats isoliert, Bassläufe weit nach vorn gemischt und die Zeit mittels Hall und Bandverzögerungseffekten in den Raum verlagert. Die Wahlverwandtschaft zu den späteren Klang-Auslotungen von Daddy G’s Trip-Hop-Kollektiv aus Bristol liegt auf der Hand.
Prompt lud Lankisch auch Gyrofield zum Week-End-Freitag ein. Und zeigt am selben Tag noch im Kölner Filmhaus den Dokumentarfilm „Lee Scratch Perry at 90“ über den legendären Erfinder des Dubreggae. So hat der Kölner Veranstalter einmal mehr ein Treffen der Generationen arrangiert: Der 2021 verstorbene Perry ist Jahrgang 1936, Don Letts konnte dieses Jahr seinen 70. Geburtstag feiern, Massive Attack veröffentlichten 1991 ihr prägendes Debütalbum „Blue Lines“ – und Kiana Li alias Gyrofield wäre dann also der jüngste Spross dieses musikalischen Stammbaums.

Don Letts (l.) und Massive-Attack-Mitgründer Daddy G
Copyright: Daddy G/Don Letts
Es gehört zu den großen Stärken des Week-End-Festes, solche oft überraschenden Verbindungen zu knüpfen, Musikgeschichte noch einmal neu zu schreiben oder doch zumindest für das Publikum noch einmal neu erlebbar zu machen. Lankisch, im Hauptberuf Grafikdesigner, kuratiert das Festival nun bereits seit 2011 und hat sich in den vergangenen 15 Jahren selbst in die Musikgeschichte nicht nur Kölns eingeschrieben.
Er hat den zarten Folkbarden Devendra Banhart mit Big-Band-Sounds konfrontiert, The Fall für einen letzten Kölner Auftritt auf die Bühne gebracht, den brasilianischen Weltstar Gilberto Gil mitten in der Coronazeit in die Stadthalle Mülheim gelockt. Er hat Pavement-Sänger Stephen Malkmus mit den Lokalheroen Von Spar zusammengebracht, um Cans „Ege Bamyasi“-Album aufzuführen, hat das Solodebüt von Marshall Allen, des 100-jährigen Bandleaders des Sun Ra Arkestra, produziert – ein Altersrekord, der es ins Guinness Buch schaffte.
Zum kleinen Jubiläum erweitert sich das Wochenendfest auf drei Tage. Der Donnerstag gestaltet sich, unter anderem mit dem Detroiter Technoduo Dopplereffekt eher elektronisch, am Freitag herrscht der Groove – neben den bereits erwähnten Künstlern besucht mit dem verdienten Londoner DJ und Kurator Gilles Peterson auch einer der Hauptverantwortlichen für das unverhoffte Jazz-Revival den Stadtgarten. Am Samstag wird das Programm dann noch etwas unberechenbarer, die Spanne reicht vom experimentellen Pop der Dänin Marie Louise Buch über den unberechenbaren englischen Elektroniker (und ehemaligen Fußballprofi) Actress bis zum FLINTA-DJ-Kollektiv-DJ-Kollektiv E.P.I.Q., das zur nächtlichen Sause ins Jaki lädt.
Es gibt sogar noch ein Sonntagnachmittags-Nachspiel. Jan Lankisch hat Lee Scratch Perrys erstes, genredefinierendes Dub-Album, „Upsetters 14 Dub Black Board Jungle“, auf dem Week-End-Label als Vinyl wiederveröffentlicht und lädt zur Release-Party mit Livemusik ins Wuppertaler Open Ground.
Week-End-Fest, 5.-7.11., Stadtgarten, 99 Euro, 25-45 Euro (Tagesticket)

