20er-Jahre-Revue „Berlin Berlin”Koks, Swing und sehr viel Absinth

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Die Dietrich darf natürlich nicht fehlen.

  • In der Revue begegnen den Zuschauern Marlene Dietrich, Anita Berber, die Comedian Harmonists und viele andere Stars.
  • Die Mischung ist bunt und wild: Flapper-Kleider und Bubikopf, Zigarettenspitzen, Charleston und Lindy Hop, Koks, Schlager, Swing, Champagner und Absinth.
  • Neben deutschen Klassikern wie „Ich bin von Kopf bis Fuß" und „Mackie Messer” sind auch viele amerikanische Songs zu hören.
  • Ab dem 21. Januar ist „Berlin Berlin” im Kölner Musical Dome zu Gast.

Köln – Eben noch standen die Comedian Harmonists auf der Bühne, elegant gekleidet, vor einem lilafarbenen Vorhang und sangen von dem guten Freund, der das Beste ist, was es gibt auf der Welt – und plötzlich wirbeln Frauen in Dirndl und Männer in Lederhosen über die Bühne und schmettern „Im weißen Rössl am Wolfgangsee“. Das ist doch mal ein Bruch. Und eine der wenigen großen Überraschungen der Revue „Berlin Berlin“, die kurz vor Weihnachten in der Hauptstadt ihre Premiere feiert und ab dem 21. Januar im Kölner Musical Dome zu sehen sein wird.

„Im weißen Rössl“ kennen die meisten wohl aus der Filmversion mit Peter Alexander. Der sang sich 1960 im Schlagertakt durch Postkartenidyllen im Salzkammergut. Das dem Film zugrundeliegende Singspiel feierte jedoch 1930 in Berlin Premiere, war wesentlich jazziger, verrückter und greller – und schaffte es sogar an den Broadway.

„Das Thema liegt in der Luft”

Es gibt eben doch auch noch einiges zu lernen über die Goldenen Zwanziger – und frühen 30er Jahre –, jene Dekade, die uns nun, 100 Jahre später, überall begegnet und fasziniert. „Das Thema liegt einfach in der Luft“, sagt dann auch Martin Flohr, Exexcutive Producer, über die Idee, eine solche Revue zu realisieren. „Die Leute haben ein unwahrscheinliches Interesse an dieser Zeit. Und Berlin war damals der Schmelztiegel.“ Und so hat er mit Autor und Regisseur Christoph Biermeier, Choreograph Matt Cole und Rich Morris und Gary Hickeson, die für die Musik zuständig waren, den Versuch unternommen, das Lebensgefühl dieser 20er Jahre, den vielzitierten Tanz auf dem Vulkan, einzufangen. Überraschungen wie das plötzliche Auftreten der Dirndl- und Lederhosen-Fraktion vom „Weißen Rössl“ sind da eher die Ausnahme. „Berlin Berlin“ liefert, was einem als Erstes einfällt, wenn man an jene Jahre denkt. Flapper-Kleider und Bubikopf, Zigarettenspitzen, Charleston und Lindy Hop, Koks, Schlager, Swing, Champagner und sehr viel Absinth.

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Die Macher haben sich bewusst gegen eine zusammenhängende Geschichte entschieden. Eine Revue sollte es werden. Das passte auch deshalb am besten, weil im Admiralspalast 1923 der Operettenregisseur Herman Haller die Leitung übernahm und es zu einem Revuetheater umbauen ließ, in dem er dann mit seinen Revuen große Erfolge feierte. Diese Entscheidung bewahrt das Publikum davor, einer arg konstruierten Handlung folgen zu müssen, die nur dazu dient, einzelne Songs unterzubringen. An einigen Stellen fehlt der Show allerdings der Zusammenhalt.

Mit dem nötigen Charme und lockeren Sprüchen führt Martin Bermoser als Conférencier, den alle nur Admiral nennen, durch den Abend. Und es verschlägt so einige Stars in sein Etablissement. Marlene Dietrich (Nina Janke), jung und noch ein wenig unsicher. Kurt Weill und Bertolt Brecht, die an der „Dreigroschenoper“ feilen, die Comedian Harmonists. Und natürlich darf auch Josephine Baker (Dominique Jackson) nicht fehlen. Sie verdrehte damals schließlich ganz Berlin den Kopf.

Für die bewegendsten Momente sorgt jedoch Sophia Euskirchen. Sie ist Anita Berber. Die Schauspielerin und Tänzerin war immer für einen Skandal gut, konsumierte Alkohol und Drogen und starb mit gerade einmal 29 Jahren. Ihr wildes, rastloses Leben spiegelt den Lebenshunger und die Angst vor dem Abgrund perfekt wider. Und so sitzt sie unter dem Porträt, das Otto Dix von ihr malte, und singt sich die Seele bei „Minnie the Moocher“ (das erst nach ihrem Tod entstand) aus dem Leib. Ansonsten überwiegt aber eindeutig die gute Laune an diesem Abend. Das Kreativteam hat für „Berlin Berlin“ deutsche Stücke wie „Es ist so schön, am Abend bummeln zu gehn“, den Friedrich-Hollaender-Klassiker „Ich bin von Kopf bis Fuß“ und „Mein Bruder macht im Tonfilm die Geräusche“ neben amerikanische Klassiker wie „Puttin’ on the Ritz“, „Ain’t Misbehavin’“ und „It Don’t Mean a Thing“ gestellt. Die Grenzen sind da fließend.

Am Schluss macht eine riesige Hakenkreuz-Fahne dem bunten, farbenfrohen Treiben den Garaus. Mit den Nazis enden die Goldenen Zwanziger endgültig. Doch die Show entlässt ihre Zuschauer nicht damit, sondern mit einem Ausblick auf das heutige hippe Berlin – und dem Hit „Zu Asche, zu Staub“ aus „Babylon Berlin“.

Gastspiel in Köln

Von 21. Januar bis 2. Februar ist „Berlin Berlin“ im Musical Dome in Köln zu Gast. Songs in Originalsprache, Dialoge auf Deutsch. Dienstag bis Samstag 19.30 Uhr, Samstag auch 15 Uhr, Sonntag 14 und 18.30 Uhr. Tickets gibt es ab 32 Euro.

Im Anschluss (4. Februar bis 9. Februar) ist „Berlin Berlin im Capitol Theater Düsseldorf zu sehen.

www.berlinberlin-show.com

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