Ein Gastbeitrag von Max Hollein, Direktor des New Yorker Metropolitan Museum of Art, zum Jubiläum des Kölner Museum Ludwig.
Max Hollein über das Museum LudwigEin Ort, der Köln und die Welt verbindet

Das Kölner Museum Ludwig vor dem Dom.
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Zum fünfzigjährigen Bestehen des Museum Ludwig gratuliere ich dem Museum von Herzen. Der Erfolg eines Museums hängt von vielen Faktoren ab – Mission, Vision, Qualität der Sammlung –, vor allem aber von seinem Team, und das, was das gesamte Haus unter der Leitung von Direktor Yilmaz Dziewior Jahr für Jahr auf die Beine stellt, ist bemerkenswert. Ein solches Jubiläum ist eine wunderbare Gelegenheit, zu würdigen, was aus einer großzügigen Schenkung und einer klaren Vision in fünf Jahrzehnten geworden ist: eines der bedeutendsten Museen für moderne und zeitgenössische Kunst in Europa, tief verwurzelt in Köln und zugleich mit Strahlkraft weit über die Stadt hinaus.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie das Museum moderner Kunst (mumok) in meiner Heimatstadt Wien 1981 auf unglaubliche Weise von Irene und Peter Ludwig beschenkt wurde und rund 230 Werke von Pablo Picasso, Robert Rauschenberg, Andy Warhol, Gerhard Richter und vielen weiteren Künstlerinnen und Künstlern erhielt. Ich war gerade einmal zwölf Jahre alt, bekam aber durch meine kunst- und kulturaffinen Eltern mit, welchen Ruck diese Schenkung durch die Wiener Kunstwelt gehen ließ. In Köln muss es 1976 nicht anders gewesen sein: Die Schenkung von 350 Werken, die dem Museum Ludwig unter anderem eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen amerikanischer Pop Art außerhalb der USA bescherte, war international ebenso spektakulär – und blieb, wie solche Schenkungen fast immer, nicht ohne Kritik. Institutionen, die einer einzelnen großen Sammlerpersönlichkeit ihre Existenz verdanken, stehen fast immer vor demselben Dilemma: Bewahren sie unverändert, was ihr Gründer einst zusammengetragen hat, laufen sie Gefahr, zu dessen Denkmal zu erstarren; öffnen sie sich zu sehr der eigenen Zeit, drohen sie, die Handschrift zu verlieren, der sie ihre Existenz verdanken.
Das Museum Ludwig hat dieses Dilemma von Beginn an unterlaufen, weil Irene und Peter Ludwig den Wandel selbst zu ihrem Vermächtnis erklärten: durchlässig, wandlungsfähig, im besten Sinne unfertig – das war ihr Anspruch an die eigene Stiftung, lange bevor Begriffe wie Diversität oder Relevanz zum Museumsvokabular gehörten. Ebenso visionär war der globale Blick, den sie ihrer Stiftung von Anfang an eingeschrieben haben: Zu einer Zeit, als der westliche Kunstbetrieb noch fast ausschließlich auf Westeuropa und Nordamerika fixiert war, richteten die Ludwigs ihren Blick unvoreingenommen auch in die Sowjetunion, nach China und nach Mittelamerika. Es war ihnen wichtig, dass künstlerischer Ausdruck über Zeiten, Kulturen und Länder hinweg von gleichem Rang ist – eine Überzeugung, die der Gründungsidee des Metropolitan Museum of Art in New York sehr ähnlich ist, dessen Sammlung ebenfalls von dem Anspruch getragen wird, Kunst aller Epochen und Kulturen an einem Ort zusammenzuführen.
In einer Zeit, in der Demokratie in Deutschland, Europa und den USA unter Druck steht, ist diese Kraft von Museen, gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, kaum zu überschätzen
Seither hat sich das Museum Ludwig auf bemerkenswerte Art weiterentwickelt, die Sammlung klug erweitert und Ausstellungen präsentiert, die weit über die Grenzen Kölns wahrgenommen werden – zuletzt etwa „Fünf Freunde“ über John Cage, Merce Cunningham, Jasper Johns, Robert Rauschenberg und Cy Twombly, die fast schon in der Natur der Sache Wellen über den Rhein bis nach New York geschlagen hat. Ausstellungen wie „Along the Color Line“ thematisieren selbstbewusst, dass es auch Leerstellen in der Sammlung gibt – etwa bei der Repräsentation Schwarzer Künstlerinnen und Künstler, die die amerikanische Moderne so maßgeblich mitgeprägt haben.
Köln verbinde ich mit Weltoffenheit und der unverwechselbaren Lebensfreude der Kölnerinnen und Kölner – beides spiegelt sich im Museum Ludwig. Eine Stadt, die Fremdem aus meiner Wahrnehmung traditionell neugierig statt misstrauisch begegnet, findet in einem Haus, dessen Sammlung von amerikanischer Pop-Art bis zur sogenannten russischen Avantgarde, vom Expressionismus bis zu zeitgenössischen Positionen aus aller Welt reicht, ihr kulturelles Gegenstück.

Max Hollein als Chef des Städel-Museums. Seit 2028 leitet er das Metropolitan Museum in New York.
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Museen wie das Museum Ludwig oder das Met erinnern uns daran, welche besondere Rolle diese Institutionen in unserer Gegenwart spielen. Sie sind Orte, an denen Zeit anders verläuft, an denen Vergangenheit und Gegenwart in Dialog treten und in denen sich Menschen noch immer um eine gemeinsame, physische Erfahrung versammeln. In einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Spannungen und digitaler Beschleunigung sind Museen unter den wenigen Räumen geblieben, in denen unterschiedliche Meinungen respektvoll ausgetauscht werden können. Dass so viele Menschen diese Begegnung weiterhin suchen, sagt etwas über das Vertrauen, das solche Orte sich erarbeitet haben. Wie ernst das Museum Ludwig diese Selbstbefragung nimmt, zeigte sich 2016 in aller Deutlichkeit: Zum eigenen 40. Jubiläum zeigte das Ludwig-Museum Hans Haackes „Der Pralinenmeister“ – eine Arbeit, die thematisiert, wie der Schokoladenfabrikant und Namensgeber Peter Ludwig sein Vermögen und damit seine Sammlung aufgebaut hat.
Ein Museum, das eine nuancierte Betrachtung des eigenen Stifters aushält und ausstellt, verdient sich Vertrauen auf eine Weise, die keine Imagekampagne erreicht. Studien – unter anderem eine vom Institut für Museumsforschung inspirierte Untersuchung, die auf einer 2021 im Auftrag der American Alliance of Museums veröffentlichten Erhebung basiert – belegen, dass Museen in der Bevölkerung außergewöhnlich hohes Vertrauen genießen, gleich nach Familie und Freunden. In einer Zeit, in der Demokratie in Deutschland, Europa und den USA unter Druck steht, ist diese Kraft von Museen, gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, kaum zu überschätzen.
Dieses Vertrauen fällt Institutionen nicht zu, es wird ihnen über Jahrzehnte hinweg entgegengebracht – durch Kontinuität, wissenschaftliche Sorgfalt und die verlässliche Bereitschaft, sich immer wieder neu mit den Fragen ihrer Zeit auseinanderzusetzen. Es ist deshalb kein Zufall, dass Städte, die in ihre Kunst- und Kultureinrichtungen investieren, damit zugleich in etwas sehr viel Grundlegenderes investieren: in die Infrastruktur einer Region. Nur kontinuierliche Pflege und verlässliche Förderung versetzen Institutionen wie das Museum Ludwig in die Lage, aktive Teilnehmer und Seismografen gegenwärtiger wie künftiger gesellschaftlicher Dialoge zu bleiben – und genau darin liegt, neben der Freude an fünfzig außergewöhnlichen Jahren, die eigentliche Verpflichtung für die Zukunft.
Ich selbst verfolge die Entwicklung des Museum Ludwig seit Langem mit Verbundenheit, einige Jahre davon auch als Vorstandsmitglied der Österreichischen Ludwig-Stiftung. Umso mehr freue ich mich, dem Museum Ludwig, seinem Team und ganz Köln zu diesem Jubiläum zu gratulieren.
Max Hollein, geb. 1969 in Wien, gehört zu den renommiertesten Museumskuratoren der Welt. Der Sohn des Architekten Hans Hollein begann seine Karriere am Guggenheim-Museum in New York und wechselte von dort nach Frankfurt – erst als Direktor der Schirn-Kunsthalle, von 2006 bis 2016 leitete er zudem das Städel-Museum. Danach ging er zurück in die USA. Seit 2018 ist Hollein Direktor des Metropolitan Museum of Art in New York, seit 2023 auch dessen Geschäftsführer.
