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Ballett am RheinEin Pas de Deux als minutenlange Misshandlung

3 min
Zwei Tänzer tanzen.

„Endstation Sehnsucht“ von John Neumeier in der Deutschen Oper am Rhein

Wer hätte das gedacht: John Neumeier zeigt eine brutale Fassung von „Endstation Sehnsucht“ in der Oper Düsseldorf. 

Wer hätte gedacht, dass eine solche Brutalität im Kontext des Balletts möglich ist? Wer beim Namen John Neumeier den Huldiger des Guten, Schönen, Wahren erwartet, den feinfühligen Humanisten, der wohliges Ergriffensein auslöst und Tanz wie eine Religion zelebriert, der irrt. Jedenfalls an diesem Abend, der eine Triggerwarnung braucht: Hier wird eine der heftigsten Vergewaltigungsszenen gezeigt, die man sich als immer noch formbewusste, immer noch präzise durchgestaltete Choreografie vorstellen kann. Und: als grandios gute Choreografie.

Denn Neumeier braucht keine platten Kopulationsbewegungen. Keine Sexposen, keine Nacktheit. Stattdessen zerrt und schleift der Mann die Frau über den Boden, wirft sie auf den Rücken, auf den Bauch, verdreht ihre Beine, packt ihren fliehen wollenden Körper grob überall an, raubt ihr jede Bewegungsfreiheit. Ein Pas de Deux als minutenlange Misshandlung. Es muss ein unglaublicher mentaler und körperlicher Kraftakt für Tänzerin Sophie Martin und Tänzer Olgert Collaku vom Ballett am Rhein sein. Sie leisten ihn mit verstörender Intensität.

Das Stück zählt zu den „Big Ten“ im Oeuvre von John Neumeier

Vor 43 Jahren choreografierte der heute 87‑jährige John Neumeier seine Adaption von Tennessee Williams Pulitzerpreis-gekröntem Drama „Endstation Sehnsucht“ für das Stuttgarter Ballett und die Solistin Marcia Haydée. In einer späteren Neueinstudierung tanzte Düsseldorf-Duisburgs Ballettdirektorin Bridget Breiner die Rolle der Blanche DuBois, einer alternden Südstaaten-Aristokratin, die Besitz und Status verloren hat und sich nach New Orleans zu ihrer Schwester flüchtet. Im dortigen Milieu der Arbeiter und Immigranten provozieren ihr Snobismus und ihre psychische Labilität schließlich Gewalt. Blanche zerbricht.

Das Stück zählt zu den „Big Ten“ im Oeuvre von Neumeier, nicht zuletzt wegen der Musik, darunter die faszinierende Originalaufnahme der Uraufführung von Alfred Schnittkes „Erster Sinfonie“ von 1974, einer anarchischen Splitterkomposition aus Klassik, Märschen, Jahrmarkt-Blech, Walzertaumel und Free Jazz. Schon mehrfach wurde das Ballett einstudiert. Dabei ist es kein ideales Stück für eine große Kompanie. Für das Corps de Ballet gibt es kaum originelles Material. Stattdessen liegt der Fokus ganz auf sechs Solisten, choreografisch sogar nur auf drei unfassbar guten Duos über das erotische Verlangen – eine Himmelsmacht, ein Teufelswerk.

Im ersten umkreisen sich zwei Männer; wissend, dass ihr schwules Begehren ihre soziale Existenz vernichten wird, geschieht jede Berührung gegen einen inneren Widerstand. Im zweiten Duo ist es dann der Clash der Milieus, den Neumeier faszinierend choreografisch auspinselt: Da trifft der manieriert-zarte Spitzenschuh-Gestus Blanches' auf die motorische Grobheit eines Boxers, und obwohl beide ihren Bewegungsduktus bewahren, harmonisieren sich doch die Körper zum bezaubernden Liebes-Pas-de-Deux. Am Ende wird dann der Gewaltakt zum virtuos verstörenden Tanzereignis. Ein Literaturballett als choreografisch-psychologischer Deep Dive in die Dunkelzonen von Sex und Sehnsucht, aufregend expressiv getanzt von Sophie Martin und den anderen Solisten und Solistinnen des Ballett am Rhein.


Nächste Vorstellungen am 14., 16., 20., 25. und 31. Mai sowie im Juni im Opernhaus Düsseldorf