Musikstars wie Taylor Swift, Harry Styles oder Justin Bieber bieten ihre Alben inzwischen wieder auf Musikkassette an. Warum ist das Medium aus dem vorigen Jahrhundert plötzlich wieder gefragt?
Retro-TrendDas neue Taylor-Swift-Album erscheint auch auf Musikkassette. Warum nur?

Viele Musikstars bieten ihre Alben inzwischen wieder auf Musikkassette an. /Vira Simon
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Weltweit warten „Swifties“ auf „The Life of a Showgirl“ – das inzwischen zwölfte Studioalbum von US-Superstar Taylor Swift. Seit Wochen rührt die 35-Jährige in gewohnter Manier die Werbetrommel: Auf ihrer Website ist das neue Album in den unterschiedlichsten Varianten vorbestellbar. Als CD, als Glitzer-Schallplatte mit Vanille-Geruch – oder als streng limitierte Variante mit seltenen Coverbildern.
Allerdings findet sich im Online-Shop der Sängerin auch noch ein anderes, leicht antiquiert wirkendes Produkt: eine Musikkassette.
Für 19,99 Euro kann das Album, das am 3. Oktober erscheint, auch als Tape geordert werden. Die Kassette enthält zwölf Tracks auf zwei Seiten, ist in orangem Glitter gefärbt und soll – wie die anderen Tonträger – nach Parfüm riechen. Zudem beinhaltet sie ein gefaltetes Booklet mit Fotos von Swift.
Fragt sich nur: Wer soll das eigentlich kaufen? Worauf kann man Kassetten heute überhaupt noch abspielen? Und: Erleben wir hier womöglich einen neuen Retro-Trend?
Schallplatte ebnete Retro-Trend
Es würde in den Zeitgeist passen. Die Achtziger und Neunzigerjahre feiern seit Jahren ein Revival in der Popkultur – warum nicht auch ihre Tonträger? Die deutlich ältere Vinyl-Schallplatte wird von vielen Musikstars inzwischen ganz selbstverständlich als zusätzliches physisches Produkt angeboten. 2023 war sie in den USA erstmals seit 1987 wieder beliebter als ihr eigener Nachfolger, die CD. Laut Recording Industry Association of America (RIAA) wurden in dem Jahr 43 Millionen Schallplatten und nur 37 Millionen CDs verkauft.

Alben des US-Superstars Taylor Swift sind auch im Format Kassette erhältlich.
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Schon dieser Trend ist mindestens ungewöhnlich: Die Technik hinter der Schallplatte wirkt im Vergleich zu digitalen Formaten wie ein Relikt aus der Steinzeit. Die Vinyl ist zudem klobig, nimmt im Wohnzimmer viel Platz weg und ist meist deutlich teurer als die CD. Liebhaber allerdings schwärmen vom warmen Klang des „schwarzen Goldes“ und dem ikonischen analogen Sound, der auf digitalen Produkten wie der CD angeblich verloren gehe.
Außerdem sind Vinyls Sammlerstücke und eine Spielwiese für weitere Kunst: Schallplattencover lassen sich mit großflächigen Fotos bedrucken, die Vinyl selbst kann in allen möglichen Farben gepresst werden. Im Falle der neuen Swift-Platte wird sie je nach Edition in glitzerndem Orange, blau-grün oder rot angeboten. Eine CD in ihrer kleinen Plastikhülle wirkt im Vergleich dazu wie lieblose Massenware.
Anstieg der Verkaufszahlen
Bei der Musikkassette ist die Spielwiese deutlich kleiner – und auch bei der Soundqualität stand das Tape bislang eher für Eiern und Rauschen als für herausragenden Hörgenuss. Dennoch ist auch hier eine Entwicklung zu beobachten: Neben Taylor Swift haben zuletzt auch Stars wie Harry Styles, Justin Bieber, Beyoncé, Billie Eilish und Charli XCX, K-Pop-Acts wie Blackpink und deutsche Bands wie Kraftklub ihre Alben auf Kassette herausgebracht.
Auch fand der Tonträger im vergangenen Jahrzehnt immer wieder Einzug in die Popkultur. Als 2017 die Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ startete, hörte Hauptcharakter Clay die Botschaften der verstorbenen Hannah stilecht im Walkman auf Kassette. In den vergangenen Staffeln des Achtzigerjahre-Klons „Stranger Things“ spielte die Musikkassette natürlich auch eine Rolle – der Soundtrack wurde auch auf MC verkauft.
Die Folge: ein durchaus beachtlicher Anstieg der Verkaufszahlen. 2015 wurden in den USA noch 80.720 Musikkassetten verkauft, 2023 waren es laut einer Erhebung des Datenunternehmens Luminate bereits 436.400. Da die Stückzahl produzierter Kassetten zudem geringer ist, steigt auch das Interesse an seltenen gebrauchten Varianten. Das Album „Flygod“ des amerikanischen Rappers Westside Gunn von 2017 wird auf der Plattform Discogs aktuell für rund 500 Euro gehandelt, Swift-Alben für über 200 – und die Kassette des Justin-Bieber-Albums „Purpose“ von 2015 immerhin für 125 Euro.
In Deutschland sind MCs eine Nische
Einen großen Hype belegen diese Zahlen allerdings nicht: In den Vereinigten Staaten bleibt die MC weiterhin einen Nischenmarkt – und in Deutschland ist sie derart irrelevant, dass ihre Verkaufszahlen vom Bundesverband Musikindustrie inzwischen nur noch unter „Physische Sonstige“ zusammengefasst werden.
Im letzten Auswertungsjahr 2022 belief sich die verkaufte Stückzahl pro Jahr auf gerade einmal 100.000 – genau wie in den Jahren zuvor. Nur 2019 lagen die Zahlen kurzzeitig bei 200.000. Zum Vergleich: Die Verkaufszahlen der CD lagen zuletzt in Deutschland bei 16,2 Millionen und die der Vinyl bei 4,6 Millionen.
Vieles spricht auch dafür, dass der Großteil der in Deutschland verkauften Tapes keine Musik beinhaltet, sondern Hörspiele. Serien wie die „Drei Fragezeichen“ erscheinen selbst heute noch auf MC. Gekauft werden sie womöglich aus Nostalgie oder weil man die Serie schon seit Jahren sammelt.
Warum das große Comeback ausbleibt
Dass es mit dem ganz großen Comeback der Kassette noch nicht klappen mag, könnte verschiedene Gründe haben. Ein naheliegender ist ihr ursprünglicher Verwendungszweck: Zwar wurden bekannte Alben in ihrer Hochphase häufig auch auf Tape veröffentlicht – in erster Linie war die Musikkassette aber ein Medium für ganz eigene Musikzusammenstellungen.
Landauf, landab saßen Musikfans in den Achtziger- und Neunzigerjahren vor ihren Kassettendecks und überspielten Vinyls oder CDs auf eigene Mixtapes – oder sie schnitten Musik vom Radio mit. Die fertigen Werke landeten dann im Autoradio oder wurden an den Liebsten oder die Liebste verschenkt.
Als in den Achtzigerjahren der Walkman von Sony zum Hype wurde, entwickelte sich die Musikkassette zu einem ganz eigenen Kulturgut. Sie war nicht gleichbedeutend mit Vinyls und CDs – sondern eine Alternative zu den vorgefertigten Produkten der Musikindustrie. Auf der Kassette konnten sich Musikfans mit ihren eigenen Mixen austoben. Das ist im Zeitalter von Spotify-Playlists heute schlicht nicht mehr nötig.
Wirklich gut klang die MC noch nie
Zudem geht der Musikgenuss auf MC mit allerhand Einschränkungen einher. Die Musikkassette neigte stets zum Leiern, zum Knacksen und zum Rauschen. Wer damals kein teures Kassettendeck Zuhause hatte, erlebte alle möglichen Abenteuer – von viel zu schnell oder zu langsam abspielenden Tapes bis hin zu ständigem Bandsalat.
Auch war es schier unmöglich, schnell zu einem bestimmten Musikstück zu gelangen – wer es versuchte, musste oft minutenlang hin- und herspulen.
Und auch wenn der Sound der Kassette heute gerne in Nostalgie-Schwärmereien als besonders einzigartig verklärt wird, so hinkte er dem der Vinyl oder CD stets hinterher. Der Kassette mangelt es an Dynamik- und Frequenzumfang, Musik wird weniger detailreich wiedergegeben – und wer sie zu oft abspielte, der hörte irgendwann nur noch dumpfen Musikmatsch.
Kassettenspieler sind vom Markt verschwunden
Hinzu kommt, dass es heute deutlich komplizierter ist, ein Tape überhaupt noch abzuspielen. Aus vielen Autoradios sind selbst die CD-Player längst verschwunden, auch der Bluetooth-Lautsprecher Zuhause kann die MC nicht mehr wiedergeben. Und während Plattenspieler wieder in den Elektronikmärkten stehen, sucht man nach Kassettenrekordern noch vergeblich.
Immerhin: Kaufbare Geräte gibt es durchaus noch am Markt, wenn man genauer danach sucht. In einschlägigen Online-Shops sind kleine tragbare Player zu finden, die dem früheren Walkman von Sony ähneln. Einige von ihnen haben einen USB-Anschluss, sodass sich alte Lieblings-Tapes als MP3-Datei digitalisieren lassen.
Auch Kofferradios mit Kassettendeck finden sich noch in Online-Shops, genauso wie Komplettsysteme im Retro-Look, die CD-Player, Schallplattenspieler und Kassettenlaufwerk vereinen. Häufig handelt es sich bei den Anbietern allerdings um weniger bekannte Hersteller – namhafte Hifi-Unternehmen haben sich längst vom MC-Markt zurückgezogen.
Ein nettes Zusatzgeschäft
Bleibt noch die Frage zu klären, warum so viele Musikstars heute auf die Kassette setzen. Zum einen dürfte es um Marketing gehen: Künstlerinnen und Künstler wie Swift, Billie Eilish, aber auch Harry Styles spielen in ihrer Musik und Mode gezielt mit Retro-Elementen – die Musikkassette passt da nur zu gut ins Konzept der eigenen Personenmarke.
Eine andere Antwort könnte sich in einer Umfrage finden, die das Datenunternehmen Luminate einmal für die Vinyl-Schallplatte erhoben hatte. Sie ergab, dass ein Großteil aller Vinylkäufer in den USA offensichtlich nicht mal einen Plattenspieler besitzt – die Rede ist von satten 50 Prozent unter den 3900 Befragten. Für viele ist die Vinyl offensichtlich ein Sammlerstück, das man sich gerne in die Wohnung stellt – oder ein haptisches Accessoire, mit dem man den Lieblingskünstler oder die -künstlerin unterstützen möchte.
Mit der Musikkassette könnte es sich ähnlich verhalten. Vieles spricht dafür, dass die Tapes eher als eine Art Merchandise-Artikel auf die treuesten aller Fans abzielen. Für Superfans, etwa die „Swifties“, sind sie eine weitere Möglichkeit, etwas Physisches von ihrem Lieblingsstar zu ergattern. Für die Stars bedeutet das ein nettes Zusatzgeschäft: Swifts Kassetten-Album von „1989 (Taylor‘s Version)“ soll sich laut „Billboard“ immerhin 17.500 Mal verkauft haben, die „Taylor‘s Version“ von „Speak now“ 11.500 Mal.