Das Kölner Orbit-Festival für aktuelles Musiktheater zeigt vom 23. bis 26. April Musik, Theater, und Tanz an außergewöhnlichen Orten.
Drittes Kölner Orbit-FestivalVielfalt und Experimentierfreude

Theaterregisseurin Sandra Reitmayer und Komponistin Christina C. Messner leiten das Kölner Musiktheaterfestival ORBIT
Copyright: Sophia Hegewald
Jenseits der Oper und ihrer vierhundertjährigen Geschichte gibt es zahllose andere Spielarten der Verbindung von Musik, Theater, Tanz, Szene, Licht, Raum und Medien. Diese Vielfalt und Experimentierfreude präsentiert vom 23. bis 26. April zum dritten Mal das Festival für aktuelles Musiktheater Orbit. Geleitet wird die Kölner Biennale von der Theaterregisseurin Sandra Reitmayer sowie der Komponistin und Musikerin Christina C. Messner.
„Wir setzen kein Thema“, so die beiden im Gespräch. „Das Festival will eine Plattform sein und wir wollen Dinge ermöglichen. Aber wir haben natürlich Kriterien, nach denen wir auswählen.“ Entscheidend ist die Verschiedenheit der Ansätze zwischen partizipativem VR-Projekt, Ortsspezifik und Bühnenproduktionen. „Wichtig ist uns“, so Messner, „dass die Projekte die Disziplinen auf Augenhöhe behandeln.“ Die Kreationen verdanken sich Kollektiven aus Künstlerinnen und Künstlern der verschiedenen Gewerke und nicht der üblichen arbeitsteiligen Abfolge von Libretto, Komposition und Inszenierung. „Uns ist auch wichtig“, so Reitmayer, „die Kölner Szene zu zeigen und zu stärken, gleichzeitig aber auch Leute von außerhalb einzuladen. Am Ende gibt es jedoch ein beschränktes Budget, das nur bestimmte Dinge erlaubt.“
Zwischen VR-Projekt, Ortsspezifik und Bühnenproduktionen
Diesmal präsentiert ORBIT sechs Produktionen mit jeweils mehreren Aufführungen. Bei der Eröffnung im Comedia Theater zeigt das Kölner Ensemble Garage acht „tableaux morts“ des Komponisten Philipp C. Mayer von und über den 1986 verstorbenen französischen Schriftsteller, Landstreicher, Außenseiter, Homosexuellen, Dieb und Rebellen Jean Genet. In den Sälen der Alten Feuerwache gibt es sowohl gängige Bühnensettings mit konventioneller Verteilung von Publikum und Akteuren als auch das partizipative Projekt „Becoming Resonance“ der Choreographin Miriam Rieck und des Komponisten Nicolas Berge. An drei Festivaltagen erhalten alle halbe Stunde je zwei Besucher die Gelegenheit, über VR-Brillen ein hybrides Gebilde aus Musiktheater, VR-Game, Installation und Karaoke zu erleben und mit der eigenen Stimme mitzugestalten.
Ein besonderer Ort ist die leer stehende Auermühle im Deutzer Hafen. Für die Industriebrache kreieren Rochus Aust und das zu „Soundtronauten“ mutierte „1. Deutsches Stromorchester“ den Parcours „Die Dualen / Grand Jury“. Das Stationentheater führt zu Klängen von außerirdischen Wesen und vorbei an den Rutschen, über die früher die „Aurora“-Mehlsäcke befördert wurden, bis hinauf in den zwölften Stock mit überragender Fernsicht auf Stadt und Rhein. Im Studio des Ensembles Musikfabrik im MediaPark 7 wandelt das Kölner Ensemble uBu bei „Mutants in Music: Dreamteam“ durch Traumhaftes, Poetisches, Absurdes, zusammen mit Matthias Ranner. Der taube Musiker erlebt dabei Klänge als Vibrationen auf dem Körper und reagiert darauf mit Gebärdensprache und ebenso hör- wie fühlbaren Klängen.
Mit allen Sinnen erleben
ORBIT ist gut vernetzt, sowohl in Köln als auch mit anderen Trägervereinen, Musiktheaterfestivals und Kulturämtern in Hamburg, Berlin und Leipzig. Für Diskussionen und Austausch gibt es ein Treffen des bundesweiten Netzwerks Freies Musiktheater sowie einen „Speakers’ Corner“ mit Vertreterinnen und Akteuren der Kölner Szene. Beim Projekt „Host_Opera“ des Wiener Kollektivs MuPATh ist der lokale Improvisationschor Voicepainting beteiligt. Das vom Ensemble Musikfabrik betreute Kölner Chaos Orchester (KCO) gestaltet ein Konzert und einen Soundwalk. Hinzu kommen Workshops an der Hochschule für Musik und Tanz sowie ein Symposion zur Rolle von Kunst und Musik im Spannungsverhältnis von Gesellschaft, Politik und Institutionen. Die erste erfolgreiche Kooperation mit der Oper Köln 2024 wurde wegen des unsicheren Umzugs der Oper ausgesetzt, soll aber 2028 wieder aufgenommen werden.
„Ich liebe aktuelles Musiktheater“, so Christina Messner, „weil es den Geist anregt, experimentelle Klänge bietet, ans Herz greift, man es mit allen Sinnen erlebt und jeweils eigene Zugänge dazu finden kann.“ Manche Menschen werden mehr durch Klänge angesprochen, emotional oder intellektuell, andere eher durch Bilder oder den Raum, den es zu durchlaufen gilt. „Musiktheater ist ein Format, das auf aktuelles Zeitgeschehen reagiert, das viele erreichen kann, eine spannende Bereicherung ist und die Menschen mitnimmt.“
Das gesamte Programm, alle Orte, Zeiten und Ticketbuchungen stehen auf orbit.cologne
