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43. Internationales Frauenfilmfest in Köln„Der Backlash ist sehr stark – aber auch der Widerstand“

6 min
Anwar Hashimi und Shahrbanoo Sadat an einem Restauranttisch

Regisseurin Shahrbanoo Sadat (r.) steht für „No Good Men“ erstmals selbst als Kamerafrau Naru vor der Kamera. Hier beim Date mit Journalist Qodrat (Anwar Hashimi).

Das Frauenfilmfest zeigt ab dem 22. April über 90 Filme in Kölner Kinos – und setzt sich weiter für Gleichberechtigung in einer Branche im Umbruch ein.

Naru, die einzige Kamerafrau beim wichtigsten Fernsehsender Kabuls, ist nach der Trennung von ihrem untreuen Ehemann überzeugt, dass es in ihrem Land keine guten Männer gibt. Die zahlreichen Erniedrigungen und Diskriminierungen, die sie in ihrem männerdominierten Alltag erlebt, erledigen den Rest. Doch ausgerechnet der wichtigste Journalist der Redaktion scheint ihre widerständige Art zu schätzen und bringt ihre Überzeugung ins Wanken. Eine RomCom in Afghanistans Hauptstadt kurz vor der Machtübernahme der Taliban spielen zu lassen, ist sicher nicht die naheliegendste filmische Entscheidung. Doch die junge Regisseurin Shahrbanoo Sadat, die hier selbst in der Hauptrolle vor die Kamera tritt, scheint ebenso unerschrocken wie ihr filmisches Ich. Und tatsächlich: Mit ihrem dritten Spielfilm „No Good Men“ gelingt ihr das Kunststück, trotz – oder gerade angesichts – der schwierigen Lage im Land mit überraschender Leichtigkeit und großem Sinn für Humor von einem anderen, freieren Afghanistan zu erzählen. 

Im Februar eröffnete „No Good Men“ als erster Film aus Afghanistan die Berlinale – dass der Film an diesem Mittwoch nun auch den Auftakt zur 43. Ausgabe des Internationalen Frauen Film Fests (IFFF) im Kölner Filmpalast macht, ist in vielerlei Hinsicht mehr als passend: Nicht nur setzt sich das älteste und größte Frauenfilmfestival Deutschlands schon seit den 1980er Jahren für die Sichtbarkeit von Frauen in der Filmbranche ein – insbesondere auch hinter der Kamera. Das IFFF arbeitet auch schon seit den frühen 2000ern eng mit afghanischen Filmemacherinnen zusammen, seit 2021 aus dem Exil, so Festivalleiterin Maxa Zoller. „No Good Men“ zeige eine Seite von Afghanistan, die im Westen weniger dargestellt werde: „humorvolle, selbstbestimmte, mutige, tatkräftige und furchtlose Frauen.“

Überraschende Perspektiven

Neue, überraschende Perspektiven zu eröffnen, ist eines der Kernanliegen des Festivals, das abwechselnd in Köln und Dortmund ausgetragen wird. Vom 22. bis 26. April werden in diesem Jahr in Kölner Kinos rund 90 von Frauen produzierte oder gedrehte Filme aus aller Welt gezeigt. Die Themen und Formate sind vielfältig – von der Langen Filmnacht, bis hin zu historischem und queerem Programm. Im Internationalen Spielfilmwettbewerb treten acht Regisseurinnen um den mit 10.000 Euro dotierten Preis an, und Gesprächsformate geben Raum zum Austausch.

Maxa Zoller ist die künstlerische Direktorin des Internationalen Frauenfilmfestivals Dortmund | Köln.

Maxa Zoller, Leiterin des Internationalen Frauenfilmfests Dortmund+Köln

Das Anliegen des Festivals, für Gleichberechtigung in der Filmbranche einzustehen, hat nicht an Relevanz verloren – im Gegenteil, findet die Leiterin: „Ich würde sagen, dass das Festival im Moment besonders gebraucht wird. Es sind sehr turbulente, sehr kritische Zeiten. Der Backlash ist sehr stark – aber auch der Widerstand.“ In der Filmbranche würden gerade große Kämpfe ausgefochten. Während 2021 erstmals Frauen bei allen drei großen A-Festivals – Cannes, Venedig und den Oscars – den jeweils höchsten Preis erhielten, nehme diese Form der Anerkennung inzwischen wieder ab, so Zoller. Kleine Fortschritte gibt es aus ihrer Sicht dennoch: In Deutschland hat etwa die Filmförderungsanstalt einen Gleichstellungsbonus eingeführt und bei den diesjährigen Oscars wurde mit Autumn Durald Arkapaw für „Sinners“ erstmals eine Kamerafrau ausgezeichnet.

Ich habe meine Rolle immer darin gesehen, diesen Beruf sichtbar zu machen und zu zeigen, dass Frauen hinter der Kamera völlig normal sind.
Sophie Maintigneux

Als Sophie Maintigneux – die bereits in den 80er Jahren für Éric Rohmer und Jean-Luc Godard hinter der Kamera stand – von dieser Auszeichnung erfahren hat, hat sie lautstark gejubelt vor Freude, wie sie erzählt. Seit 2009 moderierte die Bildgestalterin und Dozentin beim IFFF das vierstündige „Werkstattgespräch Bildgestaltung“ – in diesem Jahr ist das Gespräch ihrem eigenen umfangreichen Schaffen gewidmet. „Ich habe meine Rolle immer darin gesehen, diesen Beruf sichtbar zu machen und zu zeigen, dass Frauen hinter der Kamera völlig normal sind“, so Maintigneux.

Bildgestalterin Sophie Maintigneux

Sophie Maintigneux: Bildgestalterin und Dozentin, u.a. an der Kölner Kunsthochschule für Medien

Zu Beginn ihrer Karriere habe sie als eine von wenigen Frauen am Set auch viel Ablehnung erfahren: „Man hat zum Beispiel angezweifelt, ob ich überhaupt eine Kiste tragen kann. Ich habe dann immer etwas genervt darauf hingewiesen, dass Frauen schließlich auch Einkäufe und Kinder tragen.“ Seitdem habe sich glücklicherweise viel getan. So hätten junge Frauen heute viel mehr Vorbilder hinter der Kamera und die Ausbildungsstrukturen seien gleichberechtigter – auch dank des Einsatzes für Quoten. Trotzdem, so Maintigneux, gebe es noch viel zu tun. Studien der Filmförderungsanstalt zeigen etwa, dass hierzulande noch immer nur rund 15 Prozent der Bildgestalter Frauen sind. Über das IFFF hat Maintigneux nicht nur Wegbegleiterinnen wie Silke Räbiger kennengelernt und mit ihr gemeinsam einen Nachwuchs-Wettbewerb für Bildgestalterinnen auf die Beine gestellt: „Als ich nach Deutschland kam, war das Frauenfilmfest sofort eine Adresse für mich, wo ich Filme sehen konnte, die normalerweise nicht gezeigt werden.“

Junge Menschen suchen nach Gegenbildern

Diesen Anspruch hat Festivalleiterin Maxa Zoller auch heute. Man merke, dass gerade das junge Publikum aktuell nach Gegenbildern suche zu dem, was es auf Social Media oder im Mainstream-Kino zu sehen bekomme. Deshalb richtet sich das Programm auch ausdrücklich nicht nur an Frauen: „Immer wieder kommen Menschen zu uns und sagen: ‚Ihr habt mir die Augen geöffnet. Ich hatte ja überhaupt keine Vorstellung von diesem Reichtum an Filmen. Von der Gelegenheit, mit so vielen Menschen ins Gespräch zu kommen, über politische Themen zu reden, zusammenzukommen.‘“

Für Zoller ist der in der Moderne begründete Kinofilm ohnehin „das feministischste Unterhaltungsmedium“. Während es Frauen kaum möglich war, alleine ins Theater oder in die Oper zu gehen, sei mit dem Kino in den 1920er und 30er Jahren erstmals ein öffentlicher Unterhaltungsraum entstanden, den Frauen eigenständig betreten konnten. „Deswegen hatte Kino schon immer sehr viel feministisches Potenzial und deswegen eignet sich Film auch ganz besonders für eine Umkehrung der frauenfeindlichen Narrative, die im Moment sehr stark propagiert werden.“


Zum Programm

Am 22. April beginnt in Köln die 43. Ausgabe des Internationalen Frauenfilmfests. Über einen Zeitraum von fünf Tagen werden rund 90 Filme gezeigt – sowohl historische Filme als auch zahlreiche Premieren und Debüts. Etwa das ausgezeichnete Spielfilmdebüt „Sechswochenamt“ der jungen, autodidaktischen Filmemacherin Jacqueline Jansen aus Erkelenz. Ebenfalls aus dem internationalen Wettbewerb, empfiehlt Maxa Zoller den Thriller „Perla“ von Alexandra Makarová (2025) über die Flucht einer Künstlerin und Dissidentin in den 1980er Jahren aus der damaligen Tschechoslowakei nach Wien. Und aus dem „Festivalarchiv“ hebt die Leiterin „Shirins Hochzeit“ (Helma Sanders-Brahms, 1976) hervor, der in Kooperation mit Köln im Film am 25.4. im Filmhaus gezeigt wird und die Geschichte einer türkischen Gastarbeiterin in Köln erzählt. Das diesjährige Fokusthema ist „Common Land“, im Deutschen die „Allmende“ – ein Begriff, der hier nicht nur im historischen, sondern auch im utopischen Sinne gemeint ist und zu dem die Kämpfe von Frauen für kollektive Landnutzung in Brasilien, Kenia und in der Karibik gezeigt werden. Das „Werkstattgespräch“ mit Sophie Maintigneux findet am 25. April, um 11 Uhr im Odeon Köln statt.

Das gesamte Programm – auch für Kinder und Jugendliche – ist unter www.frauenfilmfest.com zu finden. Tickets kosten im Vorverkauf für Einzelvorstellungen 9 Euro, erm. 6 Euro, für die „Lange Filmnacht“ und das „Werkstattgespräch“ 12 Euro erm. 9 Euro, über rausgegangen.de oder ab 22.4. am Infocounter im Filmhaus Köln.