„Hier gibt’s viele Stühle“, meinte Dirigent Thomas Posth mit einem Blick in die Kölner Philharmonie, „die werden gleich alle leer sein.“ Wohlgemerkt, nicht weil das Publikum die Flucht ergreifen, sondern der Sound vom Podium her die Leute unweigerlich von den Sitzen reißen würde. Das war dann beim Auftritt des Hannoveraner Treppenhausorchesters zum Abschluss des „In Motion“-Festivals am Samstagabend auch größtenteils der Fall. Größtenteils, denn einige Besucher blieben auch – trotz Posths animierend-suggestiver Körperexaltation – hartnäckig auf ihren Stühlen sitzen.
Nicht mehr Rameau oder Tschaikowsky war angesagt zum Festivalschluss, sondern Disco. Dahinter steckte der innovative Klassikansatz der Formation aus grandios aufspielenden Bläser-, Streicher- und Perkussionssolisten, die sich seit Jahren von etablierten Konzertmustern spektakulär lösen und einen „maximal tanzbaren Klangrausch aus Minimalgrooves und Live-Beats“ triggern wollen. Die Agenda: unabhängige neue Musik, die sich der Einhaltung überkommener Genre- und Kulturengrenzen programmatisch versagt. Von Judd Greensteins „Jitter Pocket“ etwa ging es über Oxana Omelchuks, Michael Beils und Benjamin Scheuers „Club Opera Suite“ hin zu Posths kompositorischen Eigenleistungen – darunter einer „Syrinx“, die bezeichnenderweise mit Debussy nichts zu tun hat. Die Zuhörer wurden animiert, dazu die passende Geräuschkulisse zu liefern: mit Imitationen von Regen, Vogelgezwitscher und Froschquaken.
Konzertsaal in Club verwandeln
Die Idee hinter all dem: Das Prinzip „Motion“ sollte jetzt definitiv vom Podium auf das Saalpublikum überspringen, den Konzertsaal in einen Club verwandeln. Dazu passten auch die Stroboskop-Lichteffekte, vor deren möglicherweise gesundheitsschädigender Wirkung im Foyer vorsorglich gewarnt wurde. Die ungewohnte Club-Metamorphose der Philharmonie gelang jedenfalls ziemlich gut, und wurde zum Vorspiel jener Abschlussparty mit DJ Ada Steinberg, die dann für die Konzertbesucher zu später Stunde noch im Foyer stieg. Da hatte es den Schreiber dieser Zeilen allerdings bereits nach Hause gezogen.
Am ungewohnten Samstagmorgen – und womöglich in Konkurrenz zur angekündigten GenZ-Demonstration – war das Festival mit dem Auftritt des französischen Originalklang-Ensembles Le Concert de la Loge unter seinem Gründer und Leiter Julien Chauvin und der nach der Choreografie ihres Gründers Mourad Merzouki tanzenden Hip-Hop-Compagnie „Käfig“ in seine Finalrunde gestartet. „Jeder kennt diese Musik – wir geben ihr ein innovatives Gesicht“, hatte Chauvin im Gespräch mit dieser Zeitung angekündigt – und das Versprechen wurde vor so ordentlich besetztem wie begeisterungsfähigem Haus in jeder Hinsicht gehalten.
„Battle Vivaldi“ als Titel – das klingt arg kriegerisch, und so richtig friedlich nach den Maßgaben des üblichen Klassik-Konzerts ging es auf dem Podium in der Tat auch nicht zu. Das lag zum einen an der Performance des Streicherensembles, das die Musik des venezianischen Barockmeisters mit den von Chauvin virtuos und zugleich rappig gespielten „Vier Jahreszeiten“-Violinkonzerten im Zentrum ungewohnt akzent- und farbenreich, angezurrt und aggressiv herüberbrachte.
Zum anderen lag es selbstredend am Auftritt der urbanen Street Dancer, die zur Musik, deren Impulse genau aufnehmend und wie eigene an sie vermittelnd, nicht nur ihre überschäumende Vitalität losließen. Es ging vielmehr auch um Tanzerzählungen von Frust, von Verletzungen, von solidarischem Miteinander wie vom Kampf um soziale Anerkennung. Auch hier brach eine gute Portion Aggressivität durch, die sich – wohlgemerkt fiktiv – auch gegen die Mitglieder des Orchesters und seinen Konzertmeister richtete. Letzterer musste dann immer wieder mit teils herrischen, teils beschwichtigenden Gesten für Ruhe sorgen.
Im Prinzip war das alles, auch in der Spreizung zwischen Hoch- und Straßenkultur, der Aufführung der Rameau-Oper „Les Indes Galantes“ ebenfalls durch ein Barockorchester und eine Hip-Hop-Gruppe zu Festivalbeginn nicht unähnlich. Aber es war auch irgendwie wieder anders. Aufs Neue bewährte sich jedenfalls der Versuch, die polaren Sphären produktiv zusammenzubringen. Da entstand aus Reibung keine Abnutzung, sondern Hitze, die beide Seiten positiv zu schaffen machte. Und dem Publikum offensichtlich auch.
