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Interview mit Dietz Bering über die 68er„Das war der entscheidende Detonationssatz“

8 min
68er Berlin

Studenten demonstrieren am 5. Juni 1967 in München aus Anlass der Tötung von Benno Ohnesorg. 

Der Kölner Germanist Dietz Bering lebte Ende der 60er Jahre in Berlin und bekam viele Ereignisse und Akteure der Zeit hautnah mit. Ein Gespräch mit einem Alt-68er. 

Herr Bering, Sie haben sich verschiedentlich als Alt-68er geoutet. Wie definieren sie das, einen Alt-68er?

Dietz Bering: Die 68er sind die, die sich von bestimmten einengenden Formationen der Zentral-Adenauerzeit auf eruptive Art abgesetzt haben. Allerdings: Das scheint im Rückblick eine Generation zu sein, die kompakt zusammengestanden hat. In Wirklichkeit waren es sehr verschiedene Typen, die durch eine bestimmte Großkonstellation vielleicht in eine ähnliche Richtung gedrängt wurden.

Sie sind Jahrgang 1935 – und damit eigentlich zu alt, um ein 68er zu sein...

Das ist richtig, aber ich war damals immerhin  in Berlin in der Mitte des Geschehens. Außerdem hatte ich biografische Voraussetzungen, die die Eruption von 68 bei mir gut ankommen ließen.

Welche?

Ich komme aus ja dem damals pechschwarzen Münster, wo  kein Sonnenstrahl durch die Wolken drang.  Man fühlte sich da sozusagen wie ein Vulkan, der zunächst gedeckelt ist, in sich Kraft ansammelt und dann plötzlich explodiert.

Zur Person

Dietz Bering, geboren 1935 in Münster, studierte in Münster und Berlin Germanistik und Geschichte. 1977 promovierte er an der FU Berlin, 1986 habilitierte er sich an der Uni Köln, wo er bis 2000 als außerplanmäßiger Professor lehrte. Bekannt wurde er mit Büchern zum Intellektuellenbegriff und zur historischen Namensforschung.

Sie erwähnten Berlin. Inwieweit wirkte die Lebensform Berlin bei Ihnen als Brandbeschleuniger?

Ich hatte in Berlin studiert und war nach dem Examen dorthin zurückgekehrt, um mit einer Arbeit über die Geschichte des  Schimpfworts „Die Intellektuellen“ zu promovieren.  Und da hatte sich das Klima massiv verändert. Da sah ich dann Äußerungs- und Lebensformen, die von den meinigen deutlich abwichen.    Viele empfanden das zunächst  als bizarr. Da standen etwa die Mitglieder der Kommune 1 und verteilten ihre hektografierten  Flugblätter – mit Ausdrücken zur Sexualität, die wir bislang nie in den Mund genommen hatten. Das kam jetzt alles ungeschminkt raus. Aber alles hatte zugleich sehr viel von Zirkus und Event.

Und das hat sich Ihnen spontan mitgeteilt?

Ja, ich merkte auf einmal, dass in mir Kräfte waren, die nach Befreiung riefen.

War dieser Begriff der Befreiung schon im engeren Sinn politisch konnotiert?

Sehr stark – was für mich zunächst eigentümlich war, weil ich aus einer bildungsbürgerlichen Kultur der ästhetischen Unverbindlichkeit und Innerlichkeit kam. Die neue Denkart war die, dass man alles  auf eine gesamtgesellschaftliche Deutung bezog und versuchte,    diese in politische Aktion umzusetzen.

War dabei denn klar, wo genau man hinwollte? Ging es in jedem Fall um eine Abschaffung des Kapitalismus und eine Vergesellschaftung der Produktionsmittel?

In den Elitenzirkeln der Bewegung spielte   all das eine große Rolle, aber  in der großen Masse  waren wir da allenfalls Mitläufer.  Wir waren eher erstaunt darüber, dass man holistisch alle gesellschaftlich-politischen Phänomene erklären und auf eindeutige Begriffe bringen konnte. Und in der Reaktion waren wir doch sehr verschieden: Es gab die Vollideologen und die gemäßigten Ideologen – wozu ich etwa Rudi Dutschke rechne, der ja herkunftsbedingt viele religiöse   Sperren hatte.  Ich  zum Beispiel stellte mir vor, die Ideale Kants und der deutschen Klassik jetzt nicht einfach als „bürgerlich“ zu denunzieren und abzuschaffen, sondern sie eben gesamtgesellschaftlich wirksam werden zu lassen.

„So etwas hatte es in Deutschland vorher nie gegeben“

Sie sagten, dass das alles „neu“ für Sie war. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler vertritt allerdings im fünften Band seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ die These, dass “68 alles andere als neue war, sondern die Protestbewegung lediglich auf einen seit Beginn der 60er Jahre rollenden Modernisierungszug draufgesprungen sei.

Dem kann man zustimmen. Die Anti-Atomtod-Bewegung  hatte ja auch bereits 1958  stattgefunden.  Allerdings:  1958 war ein pazifistischer Impuls wirksam gewesen, der sich nie zu jener Totalkritik der kapitalistischen Gesellschaft ausweitete, wie es dann “68 der Fall war.  1958 ging es  um einen partiellen Protest, nicht um Vollpolitisierung. Der Protest ging ja auch nicht ins Globale. Die Perspektive der 68er war ja dann, insoweit er den Protest gegen den Vietnamkrieg  ebenso wie die  Ausbeutung der Dritten Welt thematisierte, tatsächlich global  – eine erste Globalisierung.

Trotzdem war der Protest auch wieder sehr deutsch?

Allein insofern, als  es so etwas in Deutschland vorher nie gegeben hatte – weshalb  die etablierte Politik und die braven Bürger ja auch so entsetzt waren. In Frankreich gehörte die Barrikade seit 1789 zum nationalen Mythenrepertoire, aber in Deutschland waren die Protestformen wirklich neu.

Ein Schlüsseldatum für die Radikalisierung und Verbreiterung der Bewegung war zweifellos der Schah-Besuch am 2. Juni 1967 – in Verbindung mit den ihn begleitenden Demonstrationen und der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch einen Berliner Polizisten.

Das war in der Tat der entscheidende  Detonationssatz, der damals hochging – allein deshalb, weil die Bewegung ihren ersten Märtyrer hatte.  Und es konnte nachgewiesen werden, dass die Polizei  den Vorgang – de facto ja einen Mord – nach Kräften zu  vertuschen suchte. Da wurde dann in riesigen Sit-ins und Fotoausstellungen dem Polizeipräsidenten Düsing die „Charaktermaske“ vom Gesicht gerissen.

Sie standen fast dabei – fast –, als Ohnesorg erschossen wurde.

Ich stand mit seiner schwangeren Frau gegenüber dem Operneingang, durch den der Schah dann zur Aufführung der „Zauberflöte“ eingelassen werden sollte.   Benno war noch mal weggegangen – um dann nicht mehr wiederzukehren. Christa hatte Angst und wollte nach Hause. Ich fragte den direkt vor mir stehenden Polizisten, ob ich nicht mit seiner Hilfe mit der schwangeren Frau  die Balustrade passieren könnte. Der half uns dann höflich und freundlich. Das ist der Grund, weshalb ich nie so hundertprozentig zu kriegen war, wenn gesagt wurde: Die Berliner Polizei, das sind alles Faschisten.

Und dann?

Wir haben lange auf Benno gewartet, kamen dann in der Nacht an die Wohnung. Da standen dann schon die Springer-Reporter, die uns die Todesnachricht vor den Latz knallten. Und fragten, ob sie nicht ein Hochzeitsfoto haben könnten, die beiden hätten doch gerade geheiratet. So etwas muss man sich deutlich vor Augen halten, dann weiß man, wo der Hass auf Springer auch herkam. Am Tag drauf kam der spätere RAF-Anwalt Horst Mahler zu uns, um uns zu einer Klage vor dem Deutschen Presserat aufzufordern.

2009 wurde bekannt, dass der Todesschütze Karl-Heinz Kurras, 1967 für die Stasi gearbeitet hatte. Wie haben Sie auf die Nachricht reagiert?

Natürlich entsetzt und empört. Aber es hat bei mir nichts zum Einsturz gebracht, weil ich dieses absolute Feindbild namens Polizei eben gar nicht hatte. Heute sieht es so aus, dass der SED-Staat Kurras als agent provocateur benutzte, um in West-Berlin den Bürgerkrieg zwischen Polizei und Studenten im eigenen Interesse anzuheizen. Ich habe keinen Zweifel an der Richtigkeit dieser Deutung. Dennoch: Das Verhalten der Berliner Polizei wird durch diese notwendige Korrektur nicht besser, und mir ist nicht bekannt, dass der Polizeipräsident Düsing Stasi-Agent war.

„Abschaffung der Autorität war ein Leitmotto der 68er“

Aus Ihren Worten spricht Sympathie für die 68er Bewegung genauso wie Distanz. Was bedeutet denn nun der Komplex “68 für Sie – aus dem Abstand eines halben Jahrhunderts?

Grundsätzliche Kritik ist notwendig. Die 68er schwärmten von einem utopischen Zustand, in dem alle Probleme definitiv gelöst sind. Den gibt es aber nicht. Ich halte mich da immer an den alten Kant, der gesagt hat:  „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.“ Das haben die  68er ignoriert. Überhaupt: Alle Übel dieser Welt aus einem Ansatz heraus erkennen zu können und kurieren zu wollen – das war unrealistisch, vermessen und ein Stück weit auch wahnhaft. Wahnhaft war dann auch die RAF – und es hat ja überhaupt keinen Sinn, deren Abkunft aus der Studentenbewegung zu leugnen. Selbst wenn 99,5 Prozent der Protestierenden mit ihr nichts zu tun haben wollten.

Was kritisieren Sie noch?

Abschaffung der Autorität war ein Leitmotto der 68er. Ohne begründete Autorität gerade im Bildungsbereich aber geht es nicht. Die Folgen spüren wir heute an unseren Schulen. Ich zitiere da gerne einen Satz von Hanna Arendt: „Wenn die Schule auf Autorität verzichtet, verzichtet sie auf sich selbst.“

Und sonst?

Gescheitert ist – und da muss man sagen: leider – die Idee der Bildungsgerechtigkeit: dass eben auch Arbeiterkinder Zugang zur sogenannten Hochbildung bekommen. Heute gibt es nur noch: keine Bildung für alle, nur noch „Ausbildung“ zu geölten Rädchen in einem freilaufenden Kapitalismus – auch für alle.

Was ist nachhaltig geglückt?

Die sexuelle Fesselung und die verbreiteten sexuellen Tabus wurden damals aufgesprengt. Dass Schwule heute heiraten können, ist auch eine Spätfolge der 68er. Sehen Sie sich eine Figur wie die AfD-Kofraktionsvorsitzende Alice Weidel an, die mit einer Frau in eingetragener  Partnerschaft lebt – da profitieren doch paradoxerweise die Rechten von den Linken.  Die  – immer noch nicht ganz vollzogene – Gleichberechtigung der Geschlechter gehört ebenfalls dazu. 

Es verbieten sich also Pauschalurteile?

Ja, und das allein deshalb, weil die Bewegung in sich außerordentlich heterogen war.

Dann gibt es „68“ als kohärentes Konzept gar nicht?

Die Begriffsklammer „68“ ist ein Versuch, unterschiedliche Phänomene zusammenzufassen.  Aber nehmen Sie nur mal mich: Ich war ein 68er, aber war auch damals schon zu gleichen Teilen ein konservativer Liberaler. Es waren bestimmte Komponenten dabei, wo ich gedacht habe: Da musst du eigentlich mitmarschieren. Als ich das aber versuchte – ein einziges Mal – , fiel ich schnell zurück und war nach 400 Metern schon draußen. 

Ein Ereignis, das Ihnen noch besonders gegenwärtig ist?

Rudi Dutschke lief auf dem Campus mit einer Büchse herum, in der Geld für den Vietcong gesammelt wurde. Er kam auch auf mich zu. Und ich sagte: Das tut mir leid, für Waffen gebe ich kein Geld. Wissen Sie, was der Dutschke da zu mir sagte:  Das kann ich gut verstehen – hat aber weitergesammelt. Individuelle Gewalt in der Bundesrepublik lehnte er ja auch ab – aber für andere Erdteile sah das dann schon anders aus.